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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Nachzulesen im Sammelband:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 4. Psychologische Kriegführung
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

1986-00-00

Horst Lummert

Le Coup

Reichstagsbrand und Tschernobyl

Cui bono?

Die Alleintäterschaftslegende ist ein entspannungspolitischer Kompromißvorschlag, eine Annäherungsformel.

Daß Tschernobyl ein unvorhergesehenes Unglück gewesen sei, steht in jeder Zeitung und ist über alle Sender zu hören und zu sehen.

Auch die Challenger-Explosion wird vorerst noch als ein Glied in der weltraumpolitischen Unfallkette gehandelt, obwohl der Gedanke an mögliche Eigen-Sabotage immerhin da und dort schon geäußert worden ist.

Man kann nur die Indizien sammeln und ordnen.

Auch das KGB-Buch Felfes* gehört dazu.

* Heinz Felfe: Im Dienst des Gegners. 10 Jahre Moskaus Mann im BND. Rasch und Röhring Verlag, Hamburg-Zürich 1986

Beim letzten Maiauftritt am Roten Platz in Moskau fiel das zurückgenommene Gesicht Gorbatschows auf - neben dem überraschend lächelnden Gromyko.

Man mochte sich fragen, ob so etwas wie ein Machtkampf stattgefunden habe.

In dieses Bild würden die Ermordung Palmes, die Umfunktionierung Österreichs (via Waldheim), der sowjetische Rückzug aus dem Mittelmeer aus Anlaß der amerikanischen Libyen-Aktion passen.

Die Anweisung an die Flotte, sich aus dem Libyen-Konflikt herauszuhalten, könnte kritisiert worden sein, weil es mit einem Prestigeverlust der Sowjets verbunden war.

Wem nützt Tschernobyl ?

Die Ausstiegsdebatte läuft nicht im Ostblock, sondern im Westen - vornehmlich in der Bundesrepublik Deutschland.

Der Ausstieg aus der Atomwirtschaft wird also jetzt dort erwogen, wo es akut gar keine Gründe dafür gibt, nicht aber in der Sowjetunion, wo man sich's wirklich noch einmal überlegen sollte.

Im Gegenteil: die USSR hat bereits erklärt, daß sie von ihrer Energiepolitik nicht abgehen, ja sie noch vorantreiben werde.

Womöglich wären diese verdrehten Reaktionen einer zutreffenden Prognose geschickter Tschernobyl-Operatoren zuzuschreiben?

Tschernobyl fördert jedenfalls die westliche Bereitschaft, auch die unglaublichsten sowjetischen Gesichtspunkte vernünftig zu finden.

Der Auftritt Armand Hammers in Moskau und die propagandistische Nachbearbeitung Tschernobyls könnte freilich eine Irreführung sein, die es genau darauf abgesehen hatte, den ein wenig grobschlächtig geratenen Unfall nachträglich als beabsichtigte Nebensache einer hochintelligenten Operation erscheinen zu lassen.

Kürzlich schilderte Peter Michael Lingens in dem von ihm in Wien herausgegebenen Nachrichtenmagazin profil (21/86) seine Erlebnisse:

Vor ein paar Jahren war ich in der Sowjetunion.
Ich habe nie darüber geschrieben, weil ich an sich für diesen Reisejournalismus - drei Tage Salvador für eine Verdammung, einen Tag Nicaragua für eine Lobeshymne - nicht viel übrig habe.
Einen meiner Reiseeindrücke kann ich trotzdem guten Gewissens niederschreiben:
Alle technischen Einrichtungen, mit denen ich als Gast in Berührung gekommen bin - von der WC-Spülung bis zur Zentralheizung -, funktionierten auch an der Schwelle zum Jahr 2000 noch viel schlechter, als man das in den schlimmsten antikommunistischen Witzen beschreiben könnte.
Es ist wirklich so, daß der Aufzug bei jedem dritten Haus nicht kommt, wenn man den Knopf drückt.
Mag sein, daß sie's bei Waffen besser können:
Schließlich konzentrieren sie dort ihre gesamte wissenschaftliche, organisatorische und finanzielle Potenz.
Sicher bin ich des Erfolges auch dort nicht:
Es scheint mir kein Zufall, daß ihre Raketen in Syrien so wenig gegnerische Flugzeuge zu vernichten vermochten wie in Libyen.
Jedenfalls sind sie nicht einmal imstande, ein Wiener Dritte-Klasse-Hotel zu bauen:
Die Bodenplatten stellen sich auf, die Fenster schließen nicht, die Heizung ist entweder glühheiß oder eiskalt, das Wasser kommt, wenn es will, und der Anstrich blättert von den Wänden, zumindest im dritten Jahr nach der Fertigstellung.
Ich habe ein paar Lieferanten westlicher Industrieanlagen gefragt, ob sich die nach zwei Jahren in einem ähnlichen Zustand befinden.
Sie haben gemeint: ja.
Das alles ist nichts Neues - obwohl ich mich gewundert habe, daß es noch immer so ist.
Ein wenig war auch ich, bis zu meinem Besuch, der Meinung gewesen, die antikommunistische Propaganda übertreibe - in Wirklichkeit untertreibt sie.
Ich gestehe auch ganz offen, daß es mich freut:
Ich bin mit dem tröstlichen Gefühl heimgekehrt, daß diese Russen einen Krieg auch dann nicht gewinnen, wenn sie im Augenblick dreimal so viele Panzer oder fünfmal so viele Kanonen haben.
Sie könnten den Nachschub nicht sicherstellen.
Deshalb, weil sie das wissen, weil sie selbst noch das billigste westliche Feuerzeug für funktionstüchtiger halten als eines, das sie selber produzieren (so daß man für ein Westfeuerzeug vier Ostfeuerzeuge eintauschen kann), werden sie tatsächlich jede ernsthafte militärische Konfrontation beinahe in dem Ausmaß scheuen, in dem die Friedensbewegung das behauptet.
Ich glaube zwar nicht, daß man das mit Friedliebe verwechseln sollte - aber manchmal erfüllt Schwäche den gleichen Zweck.
Ich habe mich, nachdem ich in der Sowjetunion war, vor den roten Raketen nur mehr halb sosehr gefürchtet.
Zu Unrecht:
Ich hätte mich doppelt sosehr fürchten müssen - davor, daß irgendeines ihrer Warnsysteme versagt und uns einen versehentlichen "Zweitschlag" beschert.
Daran gemessen ist Tschernobyl "noch ein Glück" im Sinne von Torbergs Tante Jolesch:
Gott schütze uns vor allem, was noch ein Glück ist.

Lingens kommt zu dem Schluß:

Die Russen können es jedenfalls ertragen.
Die Führer der meisten Entwicklungsländer sicher auch:
Man wird dort die unsichersten Atomkraftwerke weiterhin bauen, während wir die vergleichsweise sicheren verbieten werden.

Tschernobyl hat vor allem eines bestätigt:

daß es mit der Sowjetunion eine Sicherheitspartnerschaft gar nicht geben kann.

Die richtige Konsequenz aus dem Vorfall von Tschernobyl ist die Einsicht in die Notwendigkeit, daß alle Beziehungen mit der Sowjetunion hinsichtllch bestehender Informations- und Kommunikationsprobleme, potentieller Sicherheitsrisiken mithin, genauestens zu überprüfen sind.

Beziehungen zur USSR können überhaupt nur den vernünftigen Sinn haben, die Sowjetdiktatur einer internationalen demokratischen Kontrolle auszusetzen.

Als Partner kommt eine solche Diktatur gar nicht in Betracht.

Heinz Felfe klärt uns schließlich auch darüber auf, daß es Positionen zwischen den Blöcken nicht wirklich gibt.

Das ist doch ein Wink.

Ein guter Wink, weil er den ideologischen Ost-West-Pendlern eine Entscheidung abnimmt.

Felfe hatte sich schon sehr früh entschieden.

Er stand immer auf der falschen Seite.

Ob er nun fürs SS-Reichssicherheitshauptamt oder fürs sowjetische KGB gearbeitet hat - ein Leben lang richteten sich seine geheimdienstlichen Machenschaften gegen Freiheit und Demokratie, war er Lakai einer totalitären Diktatur.

Der Reichstagsbrand gewinnt eine neue Aktualität.

Man glaubt ihn an Tschernobyl wiederzuerkennen.

Das neue Piper-Buch zur Verbreitung der Gestapo-These, die Nazis seien an dem Verbrechen nicht beteiligt gewesen, erhält einen Sinn, wenn man es als Teil einer NS-Kampagne in die gegenwärtigen Ost-West-Auseinandersetzungen einbettet.

Jetzt kann man den Sowjets zugestehen, daß der "Unfall" von Tschernobyl ein "Zufall" war, den der Himmel ihnen sandte wie dem Hitler den Reichstagsbrand, obwohl wie bei diesem alle Politik von vornherein darauf angelegt war, sich so fortzusetzen, wie es nun angeblich erst nach dem Reaktorbruch notwendig, ja zwingend werde.

Die Katastrophe ist die Zwangsmaßnahme zur Durchsetzung einer Politik, die sich auf demokratischem Wege nicht durchsetzen läßt.

Die Sicherheitspartnerschaft feiert nun ähnliche Triumphe wie Hitlers europäische Friedenspolitik.

Der nationalsozialistische Wink aus Hamburg, sich mit der Opferung Edouard Calics zufriedengeben zu wollen, trifft heute nicht einmal mehr unter Calics wissenschaftlichen Freunden auf eine ernsthafte Gegenwehr.

Man reduziert sich mittlerweile aufs Sachgebiet.

Das Piper-Pamphlet ist ein besonders massiver, publizistisch jetzt mehr in die Breite gehender, doch gleichwohl wiederholter Versuch, Edouard Calic zu isolieren, ihn in seiner persönlichen Integrität zu treffen.

Calic ist der Bösewicht, der Fälscher und Pfiffikus, der die renommierten internationalen Geschichtswissenschaftler hinters Licht geführt hat.

Nun stehn sie als die Dummen da.

Aus dem allgemeinen Schmäh gegen Calic läßt sich dieser - im wesentlichen sprachkritische - Kern herausschälen:

Edouard Calic habe Dokumente "gefälscht", wahrscheinlich in eigener Werkstatt hergestellt, dabei seien ihm Fehler unterlaufen, eine Folge seiner mangelhaften Beherrschung der deutschen Sprache.

Genau dieses Indiz weist jedoch, genau besehen, in eine andere Richtung - wobei man zunächst auch überrascht sein kann, weil die "Fälschungs"-Vorwürfe aus Kreisen kommen, die die Hitler-"Tagebücher" des Künstlers Kujau als "authentisch" verteidigt, während Hofer und Calic sofort heftig dagegen gestritten hatten.

Die Piper-Autoren glaubten wohl, auf eine exakte Textuntersuchung verzichten zu können, begnügen sich mit polemisch garnierten Behauptungen, weil sie vermutlich damit rechnen, daß jene Mehrzahl der Leser, auf die es ihnen ankommt, ihnen ohnehin zustimmen und der Sache nicht weiter auf den Grund gehen wird.

Der Angriff zielt auf die Forschungsarbeit des Luxemburger Komitees.

Indem er jedoch - personell - vor den anderen Autoren den Generalsekretär Edouard Calic im Auge hat, gilt er auch, wenn nicht vornehmlich, Calics schriftstellerischem Werk insgesamt.

Calic ist nicht nur der Motor des Luxemburger Komitees, nicht nur Mitinitiator bei der Erforschung der Reichstagsbrand-Ursachen.

Edouard Calic hat in einer umfangreichen literarischen Produktion anhand des Reichstagsbrandes und an zahlreichen weiteren Beispielen nazistischer Praktiken die Methoden manipulativer Geschichtsbeförderung nachgewiesen und eine innere Systematik ns-politischer Machinationen sichtbar gemacht.

Bei Calic wird der Nazismus zu einem Einbruch des organisierten Verbrechens in die Politik.

Edouard Calic wird den NS-Restauratoren gefährlich, weil mit der Kenntnis der von ihm vorgelegten mafiösen Muster auf ihre Anwendung in der gegenwärtigen Politik geschlossen werden kann.

Calic darf nicht recht haben, weil sonst die neuen, die aktuellen Betrugskampagnen und kontinentalen Propaganda-Epidemien auf ihren kriminellen Kern zurückgeführt, als historisch modifizierte Wiederholungen ans Licht gezogen, erkannt und damit unschädlich gemacht werden könnten.

Vielleicht gibt es für die "Fälschungs"-Vorwürfe dennoch einen konkreten Grund.

Georges Reymond ** hat mir erzählt, daß seine Mitwirkung an der Zusammenstellung der Texte und Dokumente fürs Braunbuch im Jahre 1933 darin bestand, Zeugen, unbekannte Zuträger von Beweismaterial usw., auf ihre Glaubwürdigkeit hin zu untersuchen.

Er erinnert sich an einen Fall, da ein "ehemaliger" SA-Mann in Paris die Aussage machte, er sei beauftragt gewesen, an der Brandlegung mitzuwirken.

Der Mann war jedoch ein Spitzel, der mit einer im Detail falschen "Zeugenaussage" die Glaubwürdigkeit des Braunbuchs beschädigen sollte.

** GEORGES REYMOND, dessen "Drohbrief" an den Korschenbroicher Grafen und damaligen Bürgermeister Spee wir im vorigen Heft an dieser Stelle abdruckten, hat doppelten Grund zum Feiern.
Am 25. Mai wurde er 77, außerdem hat die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft - aufgrund einer Strafanzeige von Spees - gemäß § 241 StGB (Bedrohung mit einem Verbrechen) ein Verfahren gegen ihn eingeleitet.
Der Journalist und Schriftsteller arbeitete in der Weimarer Republik für Münzenbergs Berlin am Morgen und für die Rote Fahne.
Die Nazizeit überlebte er in Frankreich.
Er schrieb - nom de guerre: Fritz Hoff - für die gesamte Emigrantenpresse in Frankreich, Österreich, der Schweiz, der CSR, fürs Argentinische Tageblatt in Buenos Aires und Das Wort in Moskau.
1950/53 war er Spiegel-Korrespondent in Paris, Mitarbeiter von stern und Zeit; 1957 in Berlin Korrespondent französischer Regionalzeitungen für die DDR, gleichzeitig Musikmoderator an allen DDR-Rundfunksendern; 1966/68 Berliner Korrespondent von Le Monde; 1967 Mitarbeiter des Reporter in Prag, der Zeitschrift des tschechoslowakischen Journalistenverbandes.
Er schrieb auch für l'Humanité und sporadisch für den Nouvel Observateur.
In den Jahren 1950/53 produzierte er in Frankreich mit Erfolg 5 Kriminalromane unter dem Pseudonym Michel Marly.
Georges Reymond hatte auch seinen Anteil am Zustandekommen des von Willi Münzenberg 1933 herausgegebenen Braunbuch über den Reichstagsbrand.
Eine Zeitlang arbeitete er auch mit Edouard Calic zusammen, dessen Einschätzung der Urheberschaft er nach wie vor teilt.

Ich habe im Zusammenhang mit Calic an etwas ähnliches gedacht.

Es könnte ja, was im einzelnen zu prüfen wäre, tatsächlich falsches Material sich eingeschlichen haben.

Sollte es sich dabei um "Sprachschnitzer" handeln, so könnten gerade sie die Vermutung nähren, daß Calic nicht der "Fälscher", sondern ein Langfrist-Ziel von Manipulationen war.

Es ist doch widersinnig, ihn einerseits als den gerissenen Kerl hinzustellen und andererseits so simpler Patzereien zu zeihen.

Calic erklärt ein paar Fehler einfach als die Folge von Verwechslungen bei den Druck- und Korrekturarbeiten, wobei einige Zitate und Fußnoten durcheinander gerieten.

Bei der Herstellung politisch brisanter Publikationen ist es heute ohnehin ratsam, sich nicht gerade auf die Korrektheit deutscher Korrektoren zu verlassen.

Wer Störmethoden aufdeckt, muß immer damit rechnen, daß sie auch gegen ihn Anwendung finden. Himmler et son Empire ist darum vorsichtshalber gar nicht erst in Deutschland erschienen.

Robert Kempner warnt hierzulande sogar vor juristischen Schritten.

In einem Brief an Rechtsanwalt Pletschacher schreibt er:

Ich bin gegen eine Klage vor deutschen Gerichten. Sie bildet nur eine mehrjährige Reklame für den Gegner. Vielleicht könnte eine Beleidigungsklage vor einem schweizer oder französischen Gericht mehr Sinn haben.

Auch Professor Buschmann vom Institut für Europäische und Österreichische Rechtsgeschichte an der Universität Salzburg hält nicht viel von juristischen Schritten.

Professor Josef Becker, Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Augsburg, hofft in einem Schreiben an Calic, daß "Gerichte nicht nochmals zu einer so formaljuristischen Interpretation des Terminus Fälschung gelangen, wie dies bei den Berliner Verhandlungen geschah".

Da hieß es, die Behauptung einer "Fälschung" hätte sich gar nicht auf Dokumente, sondern auf "falsche" Auslegungen und dergleichen bezogen.

Wer im Hause des Henkers vom Strick redet, erntet eben nicht bloß betretenes Schweigen.

Das verleumderische Piper-Buch war nicht zuletzt auch eine "Antwort" auf Calics Reinhard Heydrich, Schlüsselfigur des Dritten Reiches (vgl. kuckuck 47). Calic arbeitet inzwischen an einer Goebbels-Biografie.

Die Reichstagsbrandsache ist ein reiner Indizienfall.

Umstände des Geschehens, Motivlage, die Antwort auf die ewige Frage cui bono? - alles spricht für die Urheberschaft der Nazis.

Wäre Calic ein Fälscher, es würde nichts an der Beweislage ändern, aber als Schriftsteller könnte er Schaden nehmen; sein ganzes publizistisches Werk, das dem Nazismus sehr präzise ans Rückenmark geht, wäre in Mitleidenschaft gezogen.

"Calic der Fälscher" nützt nur Calics Feinden.

Drum arbeiten sie fleißig an diesem Gemälde.

In dem vom Luxemburger Komitee herausgegebenen Band Der Reichstagsbrand. Die Provokation des 20. Jahrhunderts. Forschungeergebnis heißt es auf Seite 180:

Der verantwortliche Redakteur des Braunbuches war Alexander Abusch.
Zu seinen engsten Mitarbeitern gehörten Rudolf Fürth, Albert Norden, Alfred Kantorowicz, Wilhelm Koenen, Arthur Koestler, Max Schröder, Willi Münzenberg, Otto Katz (André Simone) und andere Personen, die den unterschiedlichsten politischen Richtungen angehörten.
Die Kommunisten, die sich durch den Reichstagsbrandprozeß ganz besonders getroffen fühlten, gaben dem Werk seine Prägung.
Doch nach André Malraux, der seinerzeit mit Willi Münzenberg eng zusammengearbeitet hatte, erhielt die Redaktion ihre Informationen nicht nur aus kommunistischen, sondern vor allem aus sozialdemokratischen, deutschnationalen und Zentrums-Kreisen.

Hierzu von Georges Reymond eine Ergänzung und eine kleine, jedoch nicht unwesentliche Korrektur:

Willi Münzenberg war Herausgeber und Verleger des Braunbuchs. Der verantwortliche Redakteur war nicht Alexander Abusch, der damals in London weilte, sondern Otto Katz (André Simone), den Reymond als die treibende Kraft des ganzen Unternehmens bezeichnet.

André Simone wurde in dem berüchtigten Prager Slansky-Prozeß - in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre - zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Sein Name Otto Katz blieb in Prag unerwähnt.

Wir sehen uns heute in Europa einer neuen politischen Konstellation gegenüber, die der von 1939 ähnlicher ist als der von 1933.

Zumindest war sie 1939 endlich offenbar geworden.

Der Widerspruch zwischen dem, was geschah, was getan wurde, und seiner Interpretation machte die Basis der Arbeiterbewegung zu einer systematisch irre- und letztlich ins Verderben geführten kopflosen Masse.

Der Nichtangriffspakt, der gemeinsame Überfall auf Polen, schließlich der Freundschaftspakt zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion waren das Fundament einer neuen Bündnis- und Reichssicherheitspartnerschaft, der nicht nur die geschichtliche Wahrheit, sondern auch und vor allem der antifaschistische Widerstand zum Opfer fiel.

Nur wenige Jahre zuvor hatte sich - zwar verdeckt, doch nach dem gleichen Muster - die kombinierte Zerschlagung der proletarischen Demokratie in Spanien zugetragen.

Wenn wir die revolutionäre Entwicklung als eine tiefgreifende Denokratisierung verstehen, so haben wir in jenem Modell der politischen Intrige das Kainsmal zu erkennen, gleichsam die Syntax, die algebraische Formel der europäischen Konterrevolution.

Die Dinge liegen ausgebreitet vor uns, wir müssen sie nur richtig sehen, lesen, kombinieren, rekonstruieren und vergleichen.

Tschernobyl wird nicht wie ein Unfall diskutiert, weil Tschernobyl kein Unfall war.

Die Absurdität in der öffentlichen Auseinandersetzung beruht darauf, daß die Bevölkerung - der zum Publikum degradierte demokratische Souverän - über die Tatsachenhintergründe nicht aufgeklärt wird.

Der normale Bürger muß glauben, alle seien verrückt geworden, wenn sie nicht reagieren, wie man normalerweise reagiert, wenn irgendwo ein Unfall geschah.

Wer reißt denn die ganze Stadt ab, wenn einer gepfuscht hat beim Bau seines Hauses, das schließlich eingestürzt ist, weil die Sicherheitsvorschriften nicht beachtet wurden?

Verrückte!

Er weiß nicht, daß ihre Reaktion diesmal einen rationalen Kern hat.

Der Kern ist die Drohung, ist der Erstschlag Tschernobyl, der Vorgeschmack.

Tschernjak (russ.) ist ein Entwurf, ein Konzept.

Bylawa ist die Keule, der Hetmansstab.

Bylat ist damaszener (!) Stahl.

Versteht man Tschernobyl als eine militärgeheimdienstliche Operation, verlieren sich auf einmal sämtliche Ungereimtheiten.

Und Tschernobyl war nur eine in einer ganzen Serie von Operationen, die allesamt gegen den status quo in Europa gerichtet sind; Aggressionen gegen die Souveränität der Völker, gegen die westlichen Demokratien auf dem Kontinent.

Ein Kapitel für sich ist die Ermordung Olof Palmes.

Die Ermittlungen der schwedischen Polizei sind - nach allem, was darüber bekannt wird - bisher ziemlich einseitig verlaufen oder systematisch behindert, wenn nicht verhindert worden.

Gefördert - vor allem auch publizistisch gefördert! - wurden jedenfalls Spurenfahndungen in Richtung Westen, CIA und dergleichen, und auf den ersten Blick könnte man tatsächlich amerikanische Motive hinter dem Anschlag vermuten.

Die Tschernobyler Strahlen-Attacke erfolgte - Wind und Wetter sind kurzfristig voraussehbar - zuerst gegen Polen und Schweden, während die westlichen Länder sich vorgewarnt sahen, die Bundesrepublik den Part des Hochspielens selber übernahm und sich damit ins Feld der unmittelbar Angegriffenen schob.

Die Kaltschnäuzigkeit, mit der Moskau diese Vorgänge behandelte, macht einigermaßen klar, daß es die bisherigen neutralen Zwischenzonen stabilisieren will.

Neutrale Blockfreiheit wird nur noch als sowjetfreundliche akzeptiert, nicht als politische Eigenständigkeit, was sie im strengen Sinne ohnehin nie war.

Olof Palme war nicht gerade ein schwedischer Reagan, aber ein flexibler Politiker, der seine Souveränität zu wahren trachtete.

Solange die sich gegen den Westen wandte, war Palme genehm.

Aber unter der Decke gab es Ärger zwischen Stockholm und Moskau wegen der permanenten Übergriffe der Sowjets in schwedischen Küstengewässern.

Starke Militärkreise in Schweden plädieren seit langem für einen NATO-Beitritt des Landes.

Aber um einen demokratischen Politiker auszuschalten, bedarf es in einer westlichen Demokratie nicht des Mordes.

Mordanschläge können allerdings eine Rolle spielen, wo sie den Tatverdacht in eine gewünschte Richtung lenken.

Und oberflächlich würde bei dem neutralen Politiker Palme mit seinen außen- und gesellschaftspolitischen Konzepten niemand auf den Gedanken kommen, daß ein sozialistisches Land Interesse an seinem Tod haben könnte, eher schon eine NATO-Regierung, um Schweden ins westliche Lager herüberzuziehen.

Das scheint aber ein Fehlschluß zu sein, wie auch die organisierten Schwierigkeiten bei den polizeilichen und staatsanwaltlichen Ermittlungen zeigen.

Eine besondere Bewandtnis hat es mit der Vergangenheit des Österreichers Waldheim.

Die Geschichte wurde angeblich vom Jüdischen Weltkongreß in New York hochgespielt, wo sich dessen internationale Zentrale befindet.

Sicherlich spielte auch der Weltkongreß eine Rolle, aber wahrscheinlich nicht die erste.

Solange in Rußland Juden leben, die das Land verlassen wollen, aber daran gehindert werden, solange das Sowjetregime keine Skrupel hat, Juden in der Sowjetunion gewissermaßen als Geiseln zu benutzen, werden auch jüdische Organisationen im Westen manipulierbar sein.

Was unter dem früheren Präsidenten des WJC, Nahum Goldmann, sicherlich ausgeschlossen werden konnte, ist durch seinen Nachfolger Edgar Bronfman eher in ein akutes Stadium getreten.

Bronfman hat sich um die Auswanderung von Juden aus der Sowjetunion sehr verdient gemacht.

Aber der Name Edgar Bronfman ist für manche Leute, die sich ein wenig hinter den internationalen Kulissen auskennen, ein ähnliches Signal wie der des amerikanischen Industriellen Armand Hammer, der dem Gorbatschow angeblich ganz "zufällig" mit dem Doktor Gale in Moskau in die Arme lief, um nach Tschernobyl Schlimmeres zu verhüten.

Bronfman und Hammer stehen in dem Ruf, "Agenten" Rußlands, "alte Freunde" der Sowjets zu sein.

Dies alles sind Indizien, die die These stützen, daß wir es mit einer neuen - wohlberechneten! - Phase der Ost-West-Auseinandersetzungen zu tun haben.

Waldheims Vergangenheit war uns normalen Sterblichen nicht bekannt; aber die Herren, die sich plötzlich nach vierzig Jahren für Waldheims NS-Militär-Nachrichtendienst-Aktivitäten interessieren, hätten das natürlich schon längst tun müssen.

Jetzt sieht es so aus, als ob amerikanische Juden die ganze Geschichte endlich klären wollen.

Mögen die Sowjets auch keine sicheren Atomreaktoren und vielleicht nicht einmal ein Wiener Dritte-Klasse-Hotel zufriedenstellend bauen können - von Politik verstehen sie etwas, im Schach sind sie Meister.

Da müßte schon einer das ganze Spiel in Frage stellen, aus den Regeln tanzen, um sie flattern zu machen.

Ich denke, daß in Waldheims Vergangenheit ein paar Sachen schlummern, die ihn erpreßbar machen, solange sie nicht ans Licht gelangen.

Als österreichischer Außenminister und später als UN-Generalsekretär hat er im Sinne der arabischen Welt, vor allem aber im Interesse Moskaus - ein fast vergessener Fall: Prag 1968! - fabelhaft funktioniert, da blieb also der Knüppel im Sack.

Gäb's in Gesamteuropa eine demokratische Offenheit und Öffentlichkeit, eine Publizistik zudem, die sich in erster Linie der Wahrheit verpflichtete, wäre Waldheim nie und nimmer in die UNO gekommen, weil alle Welt gewußt hätte, was sie bis heute nicht weiß, was ihr bis heute nur scheibchenweise aufgetischt wird.

Daß - wie man 1986 erfährt - in New York bei den Vereinten Nationen eine NS-Verbrecherkartei streng unter Verschluß gehalten wird, ist ein internationaler Skandal.

Bei Waldheim geht es aber weniger um Waldheim als um Österreich.

Solange Kreisky Bundeskanzler war, lag die Prominenz des Landes auf diesem Amt.

Kreisky war für Österreich imgrunde eine Lüge, ein falsches Etikett, das der Welt etwas vortäuschte.

Jetzt scheint die Wahrheit ans Licht zu kommen.

"Österreich zeigt sein wahres Gesicht", sagte mir Erika Wantoch, Redakteurin beim Wiener profil, am Telefon.

Aber mit dieser Wahrheit kommt eine neue Lüge herbei, die sich nicht so leicht zu erkennen gibt.

Jetzt und immer wieder rächt sich, daß die Österreicher genauso wie die Deutschen nach 1945 nicht reinen Tisch gemacht, daß sie den ganzen Naziplunder bis in die jüngsten Tage mitgeschleppt, ja ihn von neuem (binnen-) gesellschaftsfähig gemacht haben.

Außenpolitisch kann nun ständig daran gedreht und im Effekt damit erpreßt werden.

Erpreßt werden ja nicht die Waldheims, sondern mit diesen die Demokratien, die sich ihrer nicht rechtzeitig zu entledigen wußten.

Österreich ist wie Schweden ein neutrales Land, das mit Kreisky ein beachtliches Profil gewann.

Kreisky machte ähnlich wie Palme, mit dem ihn die gemeinsame sozialdemokratische Heimat und ein identes europa- und verständigungspolitisches Konzept verband, eine eigenständige Politik, die sich zwar weitgehend, aber gewiß nicht in jeder Hinsicht mit den Interessen der Sowjetunion deckte.

Kreiskys antiisraelische Eskapaden stehen freilich auf einem besonderen Blatt.

Das neue Konzept Moskaus scheint nun in Europa jegliche Souveränität dieser Art ausschalten zu wollen - zugunsten einer "Neutralität" mit scharfen Kanten gegen den Westen.

Waldheim ist auch diesmal Moskaus Mann.

Österreich hat auf den Coup so reagiert, wie man es wahrscheinlich erwarten durfte und also vorausberechnet hatte.

Das internationale Renommee des Landes ist dahin, wie es scheint.

Aber das scheint eben nur so.

Gewiß gilt es für die USA und wichtige Teile des westlichen Europas.

Der Osten hat jedoch bereits seine Arme ausgebreitet.

Als erste offizielle Stimme aus den Warschauer-Pakt-Staaten äußerte sich Polens Regierungssprecher Urban zum Fall Waldheim.

Die Kontroverse um den österreichischen Präsidentschaftskandidaten sei eine interne Angelegenheit Österreichs.

Kurt Waldheim bleibt in unserer Erinnerung ein hervorragender Generalsekretär der Vereinten Nationen.

Ein Wahlsieg Waldheims könne die Beziehungen Polens zu Österreich nicht belasten (TS, 28.5.86).

Österreichs Wohlverhalten ist bis auf weiteres garantiert.

Mit den neuen Aufgaben der Internationalen Atomenergieorganisation - IAEO - in Wien kommt ein frischer Glanz über das Land an der Donau.

Zwei Neuerscheinungen hat der Siedler Verlag für den kommenden Herbst angekündigt.

Bruno Kreisky: Zwischen den Zeiten. Erinnerungen aus fünf Jahrzehnten. Sie werden über manches Aufschluß geben. Und:

Die Chance des Sonderfriedens. Deutsch-sowjetische Geheimgespräche 1941-1945. Von Ingeborg Fleischhauer.

Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen stellen alle bisherigen Darstellungen auf den Kopf,

schreibt der Verlag.

Die Vereinigten Staaten und Großbritannien waren von den Nachrichten über Geheimtreffen der Abgesandten Stalins und Hitlers so alarmiert, daß sie mit völlig unerwarteten Zugeständnissen die Sowjetunion auf ihrer Seite zu halten suchten; inzwischen ist erwiesen, daß selbst Stalin von dem Entgegenkommen Roosevelts und Churchills in Teheran und Jalta verblüfft war, weil er nicht ahnte, daß die Westalliierten allen Ernstes einen Ausgleich zwischen den Diktatoren für möglich hielten.
Die Rekonstruktion dieser abenteuerlichen und aufreibenden Geheimgespräche auf dem Höhepunkt der Schlachten in Rußland geben eine atemberaubende Lektüre ab, wobei das gespenstische Lavieren im Zwielicht durch die Tatsache noch bedrückender wird, daß hier zum ersten Mal fast jeder Zug der beiden Seiten aus den Akten der schwedischen Geheimdienste belegt wird, die minutiös über das informiert waren, was sich auf dem Boden Stockholms abspielte.

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kuckuck 52
1986

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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