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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

1982-03-23
bis
1984-08-24

Erich Knapp in Briefen an Horst Lummert

"Unautorisiert"*

* kkk - Die Briefe - in Auszügen abgedruckt - wurden unterschiedlich bewertet. Erich Knapp verstand sie als eher privat und vertraulich. Horst Lummert hat Briefe an den kuckuck als potentiell öffentlich - als per se für die Öffentlichkeit bestimmt - angesehen.
Das war eine Besonderheit des kuckuck von Anfang an, ein Gründungsprinzip dieser offenen proletarischen Alternative zur bürgerlichen und kleinbürgerlichen Verschlossenheit.
Der Verlauf der Korrespondenz zeigt, daß eine anders auszulegende redaktionelle Zusicherung nicht gegeben wurde und daß darüber letztlich Einvernehmen bestand.
Lummerts Fragen an Knapp waren ganz offensichtlich journalistisch-investigativer Natur.
Wer an den kuckuck schrieb, wußte, an wen er schrieb. Privatbriefe an den kuckuck gab es nicht.
Hinzu kam, daß der Briefautor den Empfänger wiederholt der Lüge zieh, was nur mit der Veröffentlichung der Briefe ausgeräumt werden konnte.
Der Abdruck in kuckuck 47 diente einer notwendigen Aufklärung. Die dokumentarische Wiedergabe seiner kkk-Beiträge im Internet
- siehe kkk-review:
setzt sich mit aktuellen Arbeiten Knapps fort:
NewCatch Strategien:

Die Brief-Auszüge in sieben Teilen

Erich Knapp an Horst Lummert/kuckuck

Teil 03

1982-09-20:

Wenn sich Argentinien und Chile einen Krieg liefern wollen, der zum Sturz einer der beiden Diktaturen führen müßte, da geht der Allerheiligste friedensstiftend dazwischen.

Es geht ja auch um den Frieden für apostolische Diktaturen!

Im Nahen Osten geht der Dienstherr des Mafia-Bankiers Marcinkus nicht dazwischen, weil gerade Verhältnisse geschaffen werden, die den Islam zurückdrängen.

Aber deshalb macht der Vatikan noch keine Gemeinsamkeit mit dem zionistischen Henker.

Mit Henkern hatte es diese Kirche noch nie offiziell.

Sie überstellte nur die Todeskandidaten dem weltlichen "Arm".

Und den kann man fallen lassen, wenn opportun...

Wenn nun ein Teil der Kapitalisten, und zwar die Superreichen in Britannien und den USA, weil sie nicht mehr konkurrieren müssen, aus privaten Motiven, denen sie sich aristokratisch hingeben können, die Notbremse ziehen, die innerhalb des kapitalistischen Systems als einzige besteht, dann muß der Linke versuchen, diese Abkoppelungsbewegung von Konsumismus, Waffenproduktion, "Gleichgewicht" der Schrecken, Denkhemmung durch Kindergeschrei und Umweltvergiftung gleichzeitig zu stärken und in offener Konspiration umzufunktionieren zu einer Befreiungsbewegung aller Arbeitenden.

... Wir müssen durch durch die Brüning-Phase...

Es ist möglich, daß die Hitler-Phase sich nicht klar absetzt von der Brüning-Phase, diesmal...

Ich rechne übrigens mit einem Weltwirtschaftskrach, größer als der 1930er, binnen wenigen Wochen.

Hoffentlich irre ich mich.

Es kann ein Teufelstanz werden.

1982-09-27:

Meine ganze Auseinandersetzung mit Bahro, dessen letzter Brief seinen Charakter enthüllt: den deutschen Mentalitätsnazi unter der "marxistisch-leninistischen", also stalinistischen Tünche.

Wer so schreibt, sieht keine Menschen mehr.

Er führt nur durch.

... Nun muß es weitergehen: bis zur Unregierbarkeit der BRD...

1982-10-05:

Aber ich bin gegen Neuwahlen im nächsten März.

Diese Krankheit muß heraus, muß auseitern.

Diese schwarz-braune Macht, die Liberale und Sozis, ja auch die Kommunisten immer wieder verbiegt, sie muß aus dem Unter- und Hintergrund heraus, ins Licht.

Nur die Hitler verändern den permanenten Nazismus Deutschlands, indem sie Deutschland zerstören.

... Warum darf man den Wischnewski eigentlich nicht mit drei Nähnadeln totstechen, so im Zeitraum von 5 bis 6 Tagen?

Warum eigentlich nicht?

Akustopunktur, weil er dabei sonore Laute von sich geben würde...

Übrigens: Wer vom GRÜNEN-BuVo hat Sie als Kriegsverbrecher bezeichnet?...

Wer war das Arschloch?

Bezw. was für ein Loch war das?

1982-10-09:

Wenn ich eines hoffentlich nicht mehr fernen Tages, falls ich mutig werde, die Scheißhaustür meines Lebens hinter mir zumache, weil ich in ein Volk geboren wurde, das mir so fremd in wesentlichen Auffassungen ist wie das psychische Leben von Amöben, dann sind auch Sie daran "schuld".

Denn es gibt keinen Deutschen, der nicht irgendwo ein zynischer Reaktionär und Menschenfeind wäre...

Ich will mit diesem ersten Satz dieses Briefes nur sagen, daß Sie im letzten, falls Sie nicht zur Vernunft kommen, zur deutschen Gruppe gehören...

Ich bin, meine ich bescheiden, einer der politisch Klügsten und Gebildetsten in diesem Land - nicht theoretisch, aber praktisch, d.h. praktisch mit theoretischer Vertiefung.

Was außerhalb der Deutschlands natürlich nicht viel ist.

Aber hierzuland: welch ein Künstler stirbt mit mir.

Hat Nero gesagt, der als Christenverfolger die Christenrache so gründlich erfuhr, daß wir ihn gar nicht anders sehen können als ein Ungeheuer.

Aber ich weiß: mein Herz, das nicht nur physisch das Zentrum meines Wesens ist, habe ich abgenutzt, es hat zu oft staccato schlagen müssen, seine Kranzgefäße verkrampften sich zu oft, mein geringes Hirn durch zu langwieriges Nachforschen überlastet bis zur Dauermigräne... ich weiß, daß dies alles für Dummheit geschehen ist, für die Dummheit der Deutschen, für diese Nichtswürdigkeit eines nichtswerten Volkes.

Das war meine Dummheit.

Hineingeboren in diesen Pöbel, mußte ich mir klar werden, warum sie so böse sind.

Und dabei wußte ich bis zuletzt nicht, daß sie so völlig böse sind.

Diese Dummheit mußte ich begehen, um sie ganz erkennen zu können.

Ich wäre ein Spielball der Sadismusspiele der Deutschen geblieben, wenn ich diese Selbstaufklärung durch Nichtvermeidung des Leidens und Selbstverpflichtung zum Denken nicht durchgestanden hätte.

Doch eine Selbstverschwendung wars.

Und dazu, seh ich von der Errungenschaft ab, daß ich bescheid weiß, ganz unnütz.

Muß man denn einen Scheißhaufen, in den man gefallen ist, analysieren, wenn man ihn abwaschen, fortspülen könnte?

Und Nichtdeutsche, die, zumal jüngere, noch nicht in ihn gefallen sind, müssen sie mehr als einmal auf ihn schauen, um ihn wegzuspritzen?

... Der Strauß ist das größere Kaliber, und er wird den Genscher und seine Restpartei auf das Niveau runter holen, für die Zuschauer, auf dem sie sind: Winkeladvokatur mit dem fensterlosen Hinterzimmer für Hehlergeschäfte.

Ein durchtriebener, ein ebenso kurzsichtiger Mafia-Anwalt, der seine Schuldigkeit getan hat und zu liquidieren ist...

Wie es gut war für uns, nach 1945 Ostelbien verloren zu haben, so wäre es gut, Bayern loszuwerden.

Es lebe das unabhängige Bayern!

Wer auch immer das förderte, ob Strauß oder Augstein, der wäre mein Mann...

Mir fielen einfach viele Parallelen auf.

Und noch etwas vermutete ich: die EAP kann beim KUCKUCK nicht geklaut haben, weil sie ihr Gedankengut aus den USA importiert hat, und zwar das meiste von dem Helga-Zepp-Ehemann Lyndon LaRouche.

Die verblüffende Parallelität zweier unabhängig voneinander sich entfaltender Gedankenketten bleibt festzustellen.

Dazu etwas anderes:

LaRouche ist m.E. ein Paranoiker, aber ein hochintelligenter Kopf; Sie ebenfalls letzteres, aber psychisch offenkundig von gesunder Antriebskraft.

Beide sind Sie Nichtkatholiken.

Ums kurz zu machen:

Bei noch so großer Intelligenz kann solch ein umfassendes Wissen in 50- oder 60-jährigen Leben nicht erworben werden ohne Hilfe.

Ich behaupte, daß Sie sich Durchblick verschafft haben, indem Sie spezifisch katholische wissenschaftliche Werke rezipiert haben.

1982-10-22:

Ein guter Tiefenpsychologe sind Sie zweifellos.

Kein Vorwurf ist Ihnen zu machen, daß Sie, immer nur schriftlich-stückhaft informiert, manchmal falsch kombinieren.

Mit meinem Vater ist das in Wahrheit so:

Ich wollte nie seine Nachfolge als Verfolgter antreten.

Schließlich hatte er die Nazis nicht bekämpft, um zu verlieren, sondern um sie zu besiegen.

Zu kritisieren war immer nur die falsche Kampf-"Methode", also der Eintritt in SPD usw., aber auch die objektive Lage, in der es überhaupt keine Organisation gab, die voll willens und fähig gewesen wäre, die Nazis zu Boden zu schlagen.

Denn die KPD war das ja auch nicht.

"Rebelliert" habe ich also nicht gegen meinen Vater, weil er die Nazis bekämpft hatte und dann, mit uns, ihr Opfer wurde; da hat er moralisch gut gehandelt.

Zu kritisieren hatte ich auch nicht die notwendig falsche Wahl der Mittel, weil er selbst das selbstkritisch getan hatte.

Er ist nie mehr einer Partei beigetreten.

Kurz vor seinem Tod 1973 fragte er mich, wie es in Bonn liefe.

Ich sagte, Brandt, die SPD ließen "alles aus der Hand gleiten".

Ihm war das Ergebnis, weit über die jetzige Brüning-Kohl-Periode klar.

Er sagte nach kurzem Schweigen: "Naja, in 20 Jahren ist auch das verschmerzt!"

Unbewußt muß ich aber die Nachfolge als quichottesker Antinazi und Naziverfolgter gewollt haben.

Insofern ist meine Stilisierung, die der tat-Redakteur loyal übernahm, einseitig, aber wahrheitsgemäß und folgerichtig.

Ich werde nicht "fertig" mit dem Deutschtum, und es repräsentiert mein Vater für mich:

Schwierig, gutmütig-ehrlich, langsam, schwerfällig, stur, gründlich, fleißig, in der Jugend menschheitsgläubig, mit jedem Jahr nach 1933 schwermütiger, menschenverachtender, bitterer, unangepaßter, einsamer, versponnener, jähzorniger, gewalttätiger.

Die einzige schwere, die tödliche Krankheit ("Ich bin ein Wrack!") und sein Tod: da gibt es nichts Versöhnliches, ein für nichts gescheitertes, gutgewolltes Leben.

Mein Vater war der deutsche Prolet, wie er heute nur noch selten anzutreffen ist.

Rebelliert habe ich gegen alles, was meine Mutter getroffen und bedroht hat.

Ich war ihr Beschützer, als mein Vater Soldat sein mußte, gegen die Nazis, natürlich in lächerlicher Weise, und dann gegen meinen armen Vater.

Muß ich sagen, daß ich alles, was ich an politischem Urteilsvermögen, an Ausdrucksfähigkeit, an Brutalität, an Anpassungs/Nichtanpassungsfähigkeit, an Sentimentalität habe, diesem schwerblütigen Mann verdanke?...

Ohgott, Horst Lummert!

Daß meine ED-Veröffentlichung mich "für den Diplomatischen Dienst untragbar" gemacht hat, das hat kein örtliches und kein Landesarbeitsgericht befunden, das hat noch nicht einmal der parteilose AA-Sprecher Eyck gemeint ("Privatansicht des Herrn Knapp"), der Meinung sind nur der Bayernkurier, Genscher, Wischnewsky und Sie...

Ihre Übereinstimmung mit den Bonner Drahtziehern ist ein schlechtes Zeichen, für Sie.

... Übrigens gehört die Unterscheidung zwischen der amerikanischen und der französischen Revolution zu den ideologischen Meisterstücken des katholischen Verwirrspiels ab 1945...

1982-12-03:

Feige, wie die Deutschen sind - die ja nur so größenwahnsinnig gegenüber Moskau sind, weil sie die USA hinter sich wähnen: als ob diese die Ernst-Jünger-Jünger nicht verächtlich durchschaut hätten: non-valeur! -, würde eine verirrte Atomrakete, die in einem ganz schwarzen Wahlkreis einschlüge, eine Massenhysterie - "raus aus der NATO!" - entbinden, gegen die die Friedensgeschwätzbewegung ein Fürzlein ist...

Ach wissen Sie, manchmal unterstellen Sie mir dies und das so grob, wie es nicht zu Ihrem Differenzierungsvermögen paßt.

Darauf bin ich lange genug reingefallen.

Das ist wohl Ihre journalistische Provokationsmethode, um mich zum Sprechen zu bringen?

1982-12-23:

... dieses Heft (kkk 37/38/39) ist der Dummheit Blattschuß, eine polierte Waffe der Aufklärung...

Wir wollten halt einen freien Sozialismus, einen anderen als den real existierenden im Osten.

Und so kamen wir mit getarnten Stalinisten und dem Hintergrund der Hitlerei der 20er Jahre zusammen, und lernten sie kennen.

Wer hat die APO, der ich einen wirklichen Großen Sprung voran in meinem Kopf verdanke, eigentlich gemacht?

Eigentlich publizistisch gefördert, und warum?

Denn ohne diese Förderung hätte sie nicht die "Öffentlichkeit" erreichen und durchsäuern können.

In dem kleinen roro-Bändchen von Dutschke und Rabehl gibt es ganz stikum einen Hinweis auf den CIA in Paris, der später von Gonzales-Mata deutlicher beschrieben wurde.

Die ganze Bewegung von 1968 als globale Aufbruchs- und Verwirrungsbewegung, um wem, welcher Kapitalgruppe welchen Landes welche kleinen Kapitalfestungen aufzuhrechen?

1983-01-16:

Wie schaffen Sie das eigentlich: gleichzeitig für die Juden und für diese Kirche zu sein?...

Die 68er Generation, die Sie im Kibbuz kennenlernten, die hab ich ja von Aug zu Auge erst Mitte der 70er Jahre kennengelernt...

Nach meiner Einschätzung wird der KUCKUCK von den intelligenten Geheimdiensten, und manche sind top-intelligent, gelesen, also dem englischen, israelischen, sowjetischen.

Möglich, daß auch der CIA KUCKUCK liest, weil er, der CIA, sich breit informiert.

Von den zuerst genannten darf angenommen werden, daß sie Argumente aus dem KUCKUCK ihrem Denken assimilieren.

Insofern gibt es eine Osmose der Informationen, die Sie herausgeben.

1983-01-21:

Wenn ich nicht meinen Vater gehabt hätte, d.h. nicht wüßte, daß Sie ein Herbert-Wehner-Charakter sind, hätte ich Ihren Brief vom 20. mit dem Götz-Zitat beantwortet ("im" Arsch, bitte).

Mein lieber Mann, was sind Sie ein ungerecht polternder Kerl...

Erst mal doch den Götz:

Ich denke nicht daran - nachdem zuerst die Nazis mich zu dem verschrobenen Typ gemacht haben, der nun seiner Frau und seinen Freunden auf den Keks geht; nachdem ich ins Feuer der Bonner Demokraten gelaufen bin und Frau, Mutter und Kinder damit schwerst belastet habe - nun Zieschanks wegen nochmal die Geheimdienste und die Fertigmacher der Generalbundesanwaltschaft auf mich und (!) eine andere vielköpfige Familie zu ziehen.

Nee, Gerechtigkeit hilf Dir selbst!

But Horacio Lummert expects, that everyone has to sacrifice himself, like Jesus, and others, unlike Jesus?...

Nein, Lummert, nicht mit mir!

... mancher ist aus Dummheit "mutig"...

Da sind Sie wieder mal der bösartige deutsche Prolet, um nicht zu sagen: Lump! - der pauschal diffamiert.

Weil es in scheelen Augen wie den Ihren "da aufwärts nur eine negative Auslese" - bis auf die Richtung ist das ein nazi-artiges Maßnehmen - gibt, kommt es auch zu keinem Kontakt zwischen anständigen Leuten da "oben" (die gibt es!) und Ihren "kleenen Arbeitern".

Und nehmen Sie nicht Worte wie "koscher" in Ihren arischen Mund!

Moralisch!...

Sie fabrizieren Phantome, weil Sie sich nicht genügend bemühen, gerecht zu sein.

1983-01-28:

Können (Sie) sich nicht vorstellen, daß Verfolgung durch Nazis (alltäglich, sozusagen hautnah verstärkt, infamiert durch die Katholen, nicht die paar Zentrumsleute) trotz aller elterlichen Erklärungen, infolge der Angst, die ein Kind ja ganz undistanziert erlebt, zu bestimmten Reaktionsweisen, zu psychosomatischen Krankheiten, zum Grundmißtrauen gegenüber fast jedem außerhalb der engen Familie führen muß (wobei Vertrauen sich erst ergibt nach der politischen Einordnung der außerfamiliären Personen)? -

... Daß ich ein Schauspieler sei, glaubt keiner, der mich kennt.

Wehner hat mich gegen Ahlers geschützt auf Wunsch von K.-H. Hansen, der wiederum, weil ich eine antipolnisch-deutschnationale Publikation, aus BPA-Mitteln, angegriffen hatte.

So "dabei gewesen" zu sein, halte ich bis heute für keine Schande.

Sie etwa?

kkk - Ein schlechter Schauspieler, gewiß, der seine Rollentexte durcheinander bringt.
Knapp bezieht sich hier auf seine Zensor-Tätigkeit im Bundespresseamt.
Das kann nun anhand der Originaltexte nachgeprüft werden (vgl. kuckuck 42a-d).
Bei der angeblich "antipolnisch-deutschnationalen Publikation" handelt es sich um die englischsprachige Zeitschrift German International, die in ihrer Ausgabe vom September 1970 (siehe Knapps amtlichen Aktenvermerk vom 9.9.70: kkk 42a-d, S. 98) in einem Artikel eines englischen Autors die sogenannte Neue Ostpolitik u.a. in die Tradition der Ribbentrop-Molotow-Politik historisch einordnete und damit gerade auf die antipolnisch-deutschnationale Komponente der "Neuen Ostpolitik" hinwies.
Dies suchte Knapp damals zu verhindern.
Von dem, was er oben behauptet, ist also das Gegenteil wahr.
Einmal mehr.

Vielleicht haben die Amerikaner der Fulbright-Kommission damals sozusagen mit dem Schleppnetz Leute rübergezogen, darunter auch mich, durch nichts empfohlen außer, wahrscheinlich, durch unsere vor-45-Verfolgung.

Aber ab Ende 55 wieder in Deutschland, ist keine Stelle an mich herangetreten, so von wegen weiterer Mitarbeit.

1983-02-22:

Die Reformation blieb wahrscheinlich überall stecken, zumal in Deutschland, ist z.T. auch Fehlwege gegangen, war in sexueller Hinsicht, in Hinsicht auf Erdenliebe, keine Judaisierung.

Aber dieses Scheitern kann mich, den Exkatholen, nur anstacheln, wie ein bellender, beißender Hund die Herde voranzutreiben und auf den richtigen Weg.

Ich wollte immer Macht, verstand und liebte sie.

Denn nur Macht ermöglicht, feindliche Angriffe aufzuhalten, ja niederzuhalten.

Ich erhielt leider nie Macht.

Denn meine "Wahrheiten" war ich nie bereit aufzugeben, um Macht zu gewinnen.

Für was oder wen Macht, wenn man nicht mehr selbst ist?

Daß "ich" meinem Machtstreben im Weg stand, ist ebenso psychologisch erklärbar wie soziologisch: "ich" stand im Gegensatz zur deutschen Machtstruktur.

Da ich mich ihr, trotz taktischer Manöver, letztlich nicht unterwerfen wollte, mußte ich scheitern.

... Was mich hauptsächlich getrogen hat, waren nicht die Deutschen.

Ich war ja sofort nach 45 für die Spaltung des Reiches.

Getrogen haben die Alliierten und unter ihnen der mächtigste, die USA!

... Hoch die DDR, das beste, was die Deutschen als Staat hingekriegt haben!

Tut mir leid, H.L., ich bin ja weit genug weg von der Mauer und ihren Wächtern.

Ich kann mir aus sicherem Abstand diese Meinung erlauben...

Nehmen Sie immer noch die Gefahr eines begrenzten Krieges nicht ernst?

Sie müßten sich doch unterstellen wollen, wenigstens Ihre jüngeren Leute, bis es abgerauscht und abgestrahlt ist.

1983-03-01:

Die Deutschen haben ihren Beitrag, ihren praktischen, zu dieser Emanzipation aktiv und bewußt verweigert; sie sind schuldig.

Sie haben auch, in Dauer und Intensität viel stärker als das konservative Frankreich, in Bewußtheit den Polen, Russen, Ungarn, Ukrainern, Rumänen weit voraus, die Juden in die Verzweiflung getrieben, die diese in zionistischer Weise daran hinderte, den jüdischen Beitrag, theoretisch wie praktisch, weiterhin in dem bis dahin üblichen Umfang zu leisten.

Heute mag es zu spät sein und keinerlei Anstrengung den Fall der Menschheit noch aufhalten können.

Deutschlands weitere Schuld!

Dennoch empören mich israelische Verbrechen weit stärker als deutsche, weil ich nicht ansehen kann, daß Juden solche Untaten begehen.

Noch einmal: wenn die ganze Menschheit säuisch ist, warum sollten Juden besser sein müssen und die ewig Leidenden?

Ich bin nur beschämt und deswegen empört.

Aber ich will nicht richten...

Ich schimpfte mal in Portugal über die Deutschen.

Da sagte ein Freund:

"Du bist zweimal von den Deutschen verfolgt worden. Und da solltest Du kein Deutscher geworden sein?"

... Ich bin halt kein Henryk Broder, mir steht kein Israel zur Verfügung, ich bin "Jude" wie Jean Améry einer war (s. Mein Judentum, Stuttgart/Berlin 78): durch die Definition der Deutschen, also der Nazis.

Ich kann mich nur noch zurückziehen.

Aber nicht nach Israel, nicht auf den Sinai...

... der Nahe Osten war mir immer unbehaglich.

Ich kann mit Arabern nicht...

Dennoch: am Anfang in der Botschaft Kairo war es für mich erlösend, dienstlich rauszukönnen, zu den Ägyptern.

Denn Deutsche in arabischen Ländern, das ist die Paarung von Antihumanität mit Totalkorruption.

Die finanzielle Korruption zerfrißt nicht etwa die moralische Korruption des nazistischen Mörders, sondern steigert dessen Sadismus, macht ihn zum bewußtesten aller Teufel.

Nein, Ägypten, so interessant es ist, so schön außerhalb Kairos, war mir bedrohlich erschienen vom ersten Tag an.

Der Angriff auf Kiriat Schmoneh, der Mord an den Kindern, das eiskalte Nichtreagieren in der Botschaft.

"Sadat, der arabische Bismarck", das ist doch das höchste Lob, das deutscher Mund spenden kann.

Und mit diesem Strolch, der rechtens niedergeknallt wurde, kamen die alten Nazis der ersten Periode Nassers, in Gefängnisse geworfen durch den Einfluß des Ostblocks, wieder hoch, die Brüder Amin z.B..

Bonner Nazis und ägyptische Nazis, Erinnerungen an die Vorkriegszeit und an die frühe Nasser-Zeit, antisemitische Artikel in Al Ahram.

Ich wütend, mein Vorgesetzter Hermann ZIOCK (Schüler eines katholischen Philosophieprofessors an der Uni Münster, Existenzialist; Nazi, Kathole) mir entgegnend:

"Ich war nie Antisemit, vor dem Krieg habe ich hier (= er war damals schon in Kairo gewesen) mit Juden gesprochen"!

Jeder Nazi hat seinen Juden.

Nein, er, Ziock,*

* Vgl. Sind die Deutschen wirklich so? Meinungen aus Europa, Asien, Afrika und Amerika. Eingeführt und zusammengestellt von Hermann Ziock. Schriftenreihe des Instituts für Auslandsbeziehungen Stuttgart. Reihe: Deutsch-ausländische Beziehungen, Band VII. 1965 Horst Erdmann Verlag. Mit Beiträgen von Prodosh Aich, Raymond Aron, M. Y. Ben-gavriêl, Liam D. Bergin, Irene Buschmann, Pura S. Castrence, A. J. M. van Dal, Roshan Dhunjibhoy, Peter Dürrenmatt, Klaus Epstein, Johannes Gaitanides, Agne Hamrin, Kazuo Kani, Stefan Kisielewski, Terence Prittie, Leópold S. Senghor, Pietro Quaroni, Magdi Youssef u.a. - kkk

behauptete nicht, er sei mit Juden befreundet gewesen.

Den Aufwand einer solchen Lüge, 1975, mutete er sich gar nicht zu.

Der Botschafter Steltzer, Sohn des christlichen Ministerpräsidenten in Kiel und "Widerstandskämpfers", ein Anzug mit Bügelfalte und SPD-Mitglied, dupschte mich ("Was, Sie wollen mich der Falschberichterstattung bezichtigen?" - "Ziehen Sie Ihren Berichtsentwurf zurück!" usw.), dann später, deutschfeige:

"Ja, machen Sie Ihren Bericht doch fertig, ich will Sie nicht hindern."

Ich konnte da nicht mehr, wollte nur noch Übersetzungen der Artikel mit kurzem Begleitschreiben ("Text spricht für sich.") machen, aber Steltzer:

"Nein, analysieren Sie den Text, wenn Sie es so sehen; das können Sie doch."

Für wen ich das getan habe?

Für mich!

Die Israeli, realpolitisch wie Preußen, wollten später nicht, daß an ihrem Partner Sadat gekratzt würde.

kkk - Er tat's auch nicht für die Kinder von Kiriat Schmoneh.
Eine ägyptisch-israelische Annäherung lag in ihrem Interesse.
Was Knapp "antisemitische Artikel in Al Ahram" nennt, war alles andere als das.
Es waren publizistische Versuche, für Israel, für die israelische Gesellschaft, für die historischen Hintergründe Verständnis zu wecken.
Mit deutlicher Einsicht in den innerisraelischen Konflikt zwischen Ashkenasim und Sephardim.
Knapps Beurteilung dieser Vorgänge und seine administrativen Eingriffsversuche per Berichterstattung nach Bonn konnten, nach Lage der Dinge, nur den Zweck haben, die zwischen Kairo und Jerusalem eben anlaufenden Friedensbemühungen zu sabotieren.

... in Deutschland und allen teutonisierten Ländern, also auch marxisierten, ist hegelianisch-macchiavellistisches Verhalten die Norm der Politik...

Ich sage mit trauriger Miene: alle Deutschen (im politischen Sinn) waren ganz oder teilweise Nazis, sind dies ganz oder teilweise oder werden es einmal werden.

Wenn man es so sieht, erkennt man die statistische Notwendigkeit, daß allüberall im westdeutschen öffentlichen Leben immer mal wieder ein Nazi auftauchen muß.

Und da ist mir ein kulturbeflissener und von den Eltern auf Ehrgeiz angespitzter 17-jähriger Pimpf immer noch lieber als ein 75-jähriger "vermittelnder Charakter" bei den Grünen oder ein seinerzeitiger Mainzer Ministerpräsident mit Nazikumpanen in Familie und Weinkeller.

Sicher, die Familie Vogel war eine deutsch-bürgerlich-katholische.

Ob Vogels, ob Mendes.

Das Katholische wird da durchgehalten.

1983-03-18:

Leider habe ich nicht die Bildungsvoraussetzungen - gute Literatur, Philosophie usw. -, die mich befähigen würden, Sie mühelos zu verstehen.

Da bin ich viel mehr der (kleinbürgerliche) Proletenbub als Sie: ursprünglich Verachtung der Kultur der besseren Leut', nur das intensiv lesen, was praktisch, auch für die Politik, wichtig ist.

Dabei leider, südwestdeutsch, gar kein inneres Organ für die Abstraktionen bei Marx und den Marxisten.

In kultureller Hinsicht nur das, was man in einer katholischen Umwelt täglich einsaugt: Sinn für Farben und Formen; Architektur, Malerei, Plastik, Wälder, Felder, Seen, Tiere, Menschen.

Ich weiß also gar nicht recht, was die sozusagen zupackende Hand Ihrer Beschäftigung mit der Nazi-Ideologie sein könnte.

Das müßten wir mal mündlich klarlegen...

... Auch da gibt es die bürgerlich-nazistischen Familien, besonders im AA und Innenministerium, auch damals im Vertriebenenministerium der Stellenkegel der höheren Beamten die Versammlung "volksdeutscher" Nazibonzen.

Daß das unter der CDU/CSU geschah, diese Verbindung der 1933 zu kurz gekommenen schwarzen Nazis mit dem Staatsrest der braunen, diese Heirat von Globke mit Gehlen; daß das unter dem Patronat eines McCloy geschah, der die Bombardierung von Auschwitz gegen Roosevelts Wunsch aktiv verhinderte; daß die SPD nicht willens oder mächtig war, das zu verhindern - das bestimmt mein Bild.

Deshalb werde ich mithelfen, den Staat BRD als Apparat restlos und ohne die Möglichkeit eines Nachfolgestaats zu vernichten.

Aber dennoch interessiert mich Ihr Aspekt sehr...

... Wir stimmen wohl darin überein, daß die Nazis in den Juden klarsichtig keine physische Rassengruppe sahen, sondern Träger der nichtmatriarchalischen Kultur, des ethischen Gesetzes, das, wie die Naturgesetze, allen gesellschaftlichen Ordnungen, ob tyrannisch oder plebiszitär-diktatorisch, vorangeht und ihnen übergeordnet ist.

Also Antijudaismus als Haß gegen das Gesetz.

Als Aufstand; als Rekurs zur Magna Mater Gäa, zum Tribus, zur Blutlinie, zum geschlossenen historischen (und "ökologischen") Kreislauf.

... Ich habe auch nie ein Buch der (oder über) Nazi-Ideologie gelesen.

Wahrscheinlich ein Fehler...

Was "Bonn" noch kann, und zwar allemal besser als alle westlichen kapitalistischen Staaten, das ist der Aufbau eines totalen Kapitalsicherungsstaates.

Aber gerade deshalb kann sie nicht auf Autarkie und Rassenreinheit machen...

Ich würde also ein mich nicht wirklich verpflichtendes Bündnis schließen mit dem kleineren Gegner gegen den größeren.

Sie wissen, daß ich es als "Politiker" so mache, bei anderer Einschätzung dessen, wer der gefährlichere Feind ist...

Erstens sind die neuen US-Raketen als Dekapitationsmittel eine neue Waffenqualität.

Kommt eine Übereinkunft zustande, dann ist das kein Modus vivendi, sondern ein Modus moriendi.

Denn irgendwann muß den Sowjets der Nerv reißen, sie können nicht lange eine solche Waffe, die ohne nennenswerte Warnzeit bei ihnen einschlagen könnte, ertragen.

Es wäre also in diesem Bereich des Irrealen irgendwann mit einer plötzlichen, besonders irrealen Reaktion zu rechnen, etwa einem Putsch in Moskauu, einem Druck auf den atomaren Auslöseknopf...

Immerhin ist die Drohung, Mittelstrecken-Erstschlagswaffen vor der US-Küste zu stationieren, bereits gefallen.

Die USA werden sich diese Wiederholung der Kuba-Affäre nicht bieten lassen.

Dann hätten wir den Weltkrieg.

Zweitens war die BRD schon 1978 bereit, Neutronenwaffen bei uns stationieren zu lassen, die CDU/CSU ganz wild, die SPD/FDP in der typischen verschämt-abwehrenden Geilheit.

Das bedeutet, daß ein Modus vivendi-moriendi auch im Westen nur ein labiler Übergangszustand wäre, der mit anderen modernen Waffen, etwa Gas, überwunden würde.

Die BRD kann gar nicht anders.

Sie ist ein pathologischer Fall.

Sie muß auf Krieg zutreiben, weil sie wie gebannt auf den Osten - Wiedervereinigung, Oder-Neiße-Gebiete - schaut, weil sie von der Furcht eines jederzeit (angeblich) drohenden russischen Angriffs so besessen ist wie der Mörder, der von der Familie seines Opfers ständig Rache erwartet.

Der Beschluß vom 12.12.79 eignet sich, als der gröbste Fehler der BRD, zu deren Vernichtung.

Die Friedensbewegung ist seine Folge, d.h. ein immer weiter sich ausbreitender Loyalitätsentzug.

Aber es muß auch ein Druck von außen kommen, vom Osten.

Wenn dieser Druck kommen soll, braucht die UdSSR eine rationalere Führung, eine, die alle Reformen durchsetzt, die die gefährliche Gratwanderung zwischen der politischen Liquidierung der BRD und einem Weltkrieg erleichtern...

Zumindest für die BRD bin ich "optimistisch".

Schon rebelliert ein rechter Flügelmann der CSU, der Naziverteidiger und Exinnenminister Seidl, gegen die Atomraketen.

Da die CDU/CSU jetzt an der Macht ist, muß die SPD, ungebremst von Schmidt, aber getrieben von ihrem Opportunismus, in die Friedensbewegung einsteigen.

Teile des DGB sind dann auch nicht mehr zu stoppen.

Den Bundestags-GRÜNEN werden wir schon Zauber machen; eine Instandbesetzung der Fraktionsräume habe ich einigen Freunden schon für alle Fälle zur Überlegung anheimgestellt.

Derweil verdorrt der schöne deutsche Wald und die süddeutsch-katholischen Feudalen werden nervös.

Kracht gar der Bankensektor zusammen unter der Schuldzinslawine der Dritte-Welt-Länder, kriegt der Sparer nichts mehr ausgezahlt, verdoppelt sich die Arbeitslosenzahl - dann ist Westdeutschland ein Tollhaus.

Schade...

Schade, wirklich schade, denn als unpolitischer Mensch werde ich zu leiden haben, als sensibler Mensch werde ich flüchten wollen, als Fremdling werde ich vielleicht zum Sündenbock gemacht.

1983-03-19:

... Man bräuchte einen allwissenden und gerechten Gott, der Mensch für Mensch nach dem Ausmaß des je individuellen Schuld-, Dummheits- und Nichtwissens-Anteils beurteilen könnte.

Wir können nur grob einteilen.

Darum wünsche ich mir, falls ein paar Warnungs-Atomraketen auf die BRD geschossen würden, daß sie dort einschlügen, wo CDU und CSU im letzten März über 60% bekommen haben...

Ich erzähl Ihnen jetzt mal ein paar Episoden:

Im Nazireich hatten wir immer Angst, unsere Mutter würde nach Theresienstadt geschafft.

Von den Vernichtungslagern wußten wir nichts, hörten nicht einmal Andeutungen.

Aber wir hatten dennoch Todesangst, ständig.

Nach 1945 sahen wir die Fotos der Leichenberge, las ich, daß SS-Männer Kinder an den Beinen gepackt und mit dem Kopf gegen Wände geschmettert hatten.

Unsere Angst kristallisierte sich nun an diese Bilder und Schilderungen.

Juden kamen aus dem Osten und erzählten.

Wir waren dennoch optimistisch, arbeiteten, glaubten an die Möglichkeit einer Demokratie.

Dann begann der Kampf gegen die wieder hochkommenden Nazis, den wir immer nur punktuell auffaßten.

Nicht als Riesenberg, der vor uns lag, sondern als ekelhafte Krümel, verpestete, die noch herumlagen.

Die vielen Fälle, zuerst rechts von der CDU und in der FDP, dann in der CDU, in den Flüchtlingsverbänden, der Polizei, den Verwaltungen.

Das über Jahrzehnte.

Wenn ich das heute so ton- und farblos schildere, dann deswegen, weil es ein so deprimierend langer Zug ist, so eine unübersehbare Tatsache, daß ich es doch eigentlich nicht beschreiben müßte.

Es liegt doch so offen am Tag!

Ich habe den direkten Kontakt mit der Aufarbeitung der Naziverbrechen bald eingestellt.

Nachdem ich den Film Nacht und Nebel gesehen hatte, wurde ich für meine schuldlose "arische" Umgebung wochenlang so unleidlich, reizbar und ungerecht, daß ich mich dem nicht mehr aussetzen konnte.

Ich bin auch nicht zum Frankfurter Auschwitz-Prozeß gegangen, obwohl ich Zeit und Gelegenheit dazu hatte.

Einmal, in der Frankfurter Straßenbahn, hörte ich am Tag nach der Entführung Eichmanns einen unverkennbaren alten Nazi leise Protest zischen zu seiner Frau.

Ich, rasend vor Wut, wollte ihn erwürgen.

Meine sehwangere Frau neben mir.

Ich ließ es natürlich bleiben, mein Herz raste, mir war ganz schlecht.

Demütigungen später immer noch und wieder, die ich einsteckte.

Man mußte ja eine längere Perspektive sehen, nicht wahr, die man sich durch unbeherrschte Reaktionen nicht verbauen durfte.

Ich wußte auch aus einer Frage, die mir 1953 in der Fulbright-Auswahl-Kommission gestellt worden war, daß man mich nicht zum Studium in den USA zugelassen hätte, wäre ich straffällig geworden.

Nein, man hätte dafür kein Verständnis gehabt.

Man hat Verständnis für den legalistisch mordenden Büronazi, aber nicht für den sich mit Gewalt wehrenden Naziverfolgten.

Noch eine Erinnerung:

Im März 1945 verließ die Wehrmacht unsere Stadt.

Es gab bei uns eine kleine Antinazigruppe, mit einem MG und einer Hinrichtungsliste der Nazis.

Ich, 12 Jahre, war am Rand, geduldet als wacher Sohn seiner Eltern, dabei.

Da kam die SS zurück.

Die paar Männer versteckten sich in den Weinbergen.

Sie hatten aber auf dem Balkon unseres Hauses, zu dem unsere und die Familie Völm Zugang hatten, eine weiße Fahne gehißt für die "Amis".

Wir saßen im Keller, meine Mutter und ich traten, weil unser Name gerufen wurde, hinaus in den Lichthof.

Da stand der Gendarm Fischer mit Maschinenpistole im Anschlag.

Er stellte sich in die Kellertür, so daß wir vor der Hofwand standen und sagte, wir hätten die weiße Fahne rausgehängt, wir würden erschossen.

Da kam Herr Völm aus dem Keller.

Er war Vorarbeiter im Tonwerk, ein fanatischer Nazi, aber funktionslos, so ein Analtyp preußischer Art (ein Schwabe, kein Kathole).

Der sagte, "I hol se rei!"

Das ließ offen, daß er die Fahne herausgehängt haben könnte.

Fischer war unsicher, wir verdrückten uns.

Ja, lieber Horst lummert, wäre der Völm einer der typischen Katholen gewesen, dann hätte sich erfüllt, was die 12 Jahre lang versucht hatten: daß die Nazis uns umbringen.

Denn die hatten ständig denunziert, die Nazis aber, auf Dokumente versessen, konnten nicht, was sie als anale Pflichtmenschen gern getan hätten.

So stellt sich das mir dar aus meiner kleinen Perspektive.

Heute morgen nun, ich wieder früh wach, im Bett, weil ich Heizung sparen und nicht stören will, war plötzlich, bildlich, in einer (ich interpretiere: osteuropäischen) Ebene, alles in Grau, unter einer riesigen Gruppe von Ermordeten.

Wir standen alle und sahen nach Westen.

Ende des Fotos.

Jetzt wieder voll verbal denkend, sah ich im Westen die BRD: das Land, das den Verbrechern Aufnahme, höchste Posten, hunderttausendfach, gegeben hatte und dann Pensionen sowie den Söhnen, Enkeln, Neffen wiederum Machtposten.

Das größte Verbrechen der europäischen Geschichte seit dem 30-jährigen Krieg hat keine Sühne gefunden, sondern üppigsten Lohn!

Das ist die Wahrheit...

Und nun macht dieses Ewige Deutschland gerade weiter mit seinen Herrschaftswünschen, mit seinen Revisionsforderungen, ständig um seine "Sicherheit" greinend, nur auf die brutale Gewalt vertrauend, mit allen Vernichtungemitteln, die es erwerben oder mieten oder hereinlocken kann und die einige Millionen Auschwitz' sind.

Einfach so weiter!

Für was haben die Geschundenen gelitten, sind die Ermordeten gestorben?

Daß dieses Deutschland seit 33 Jahren wieder lebt, besser als jedes andere Volk in Europa, aber unverbesserlich inhuman - das bedeutet die Negation jeder Hoffnungsmöglichkeit, jedes Bestrebens nach humanitärer Evolution, die höhnische Verneinung des Gesetzes, den Triumph des Todes.

Ja, nichts weniger bedeutet das: den Triumph Satans über Gott!

Nur dieses Bild heute morgen hat mich befähigt, meine grau gemurmelte Aufzählung der Renazifizierungen Westdeutschlands zu beenden und mein Problem auf die prall ausgefüllte Formel zu bringen:

Deutschland muß vom Erdboden verschwinden - als Staat, gesellschaftliches Gewaltverhältnis und als politische Ideologie.

Und wenn, wie es der Fall ist, die große Mehrheit dieses Volkes hinter diesem Gebilde steht und es geschaffen hat und aufrecht erhält, dann muß diese Mehrheit, um der Gerechtigkeit willen, ohne die die Menschheit nicht vorankommen kann, sterben...

1983-03-24:

Wer das erlebt hat, kann es weder mit dem Kopf noch in seinem Gefühl je bewältigen.

Auschwitz kann erklärt werden, richtig, aber es kann weder von den Betroffenen noch von denen, die sich in die Betroffenen einleben, in seinem Sinn begriffen werden.

Wer also darüber allzu lange grübelt, der ist fixiert an eine Sinn1osigkeit.

Er kann nicht mehr leben, er wird an einer psychosomatischen Krankheit sterben.

Ich kann mit Auschwitz "umgehen" nur solange ich hassen kann (und auch Haß ist selbstzerstörend!).

Als Melancholiker gehe selbst ich daran zugrunde.

Und ich habs doch gut gehabt!

Ich darf zur Erklärung vielleicht hinzufügen, daß wir ja nicht nur überlebt haben außerhalb der KZ, sondern daß uns immer nur der Antisemitismus traf, vor 1933 und danach wie auch nach 1945, als vernichten wollender Haß bis in die vierte Generation, als Feindschaft gegen die Juden als Mosaische.

1983-04-05:

Aber Völker anarchischen Temperaments brauchen autoritäre Staaten, damit die notdürftigste Ordnung gewährt bleibt.

Das gilt für Romanen wie Slawen...

In einigen Jahren der Krise werden größere Teile der jungen Bevölkerung der Rheinlande für die rheinbündische Idee offen sein.

Nach einem örtlich und zeitlich begrenzten Krieg werden allfällige Bevölkerungsreste für jegliche politische Umorientierung gewonnen sein...

... Besonders die katholischen Gegenden haben sich längst mit Preußen arrangiert, nachdem dieses den Kampf aufgegeben hatte.

Denn ein autoritärer Staat über einem autoritären Volk ist das Beste für eine autoritäre Religion.

... Cäsar wie Napoleon als Kulturbringer; nicht die Venuspriester Roms, sondern der Joschua aus der syrischen Reichsecke gegen Venuspriester wie Wotan.

Das wäre noch zu leisten im Département Mont Tonnère: auf den Donnersberg einen Bahai-Tempel zu bauen.

... Richtiges Handeln bringt noch längst nicht richtige theoretische Kenntnis, wodurch das Handeln auch wieder falsch wird...

online-Fassung

kuckuck 47
I/85
18. Feb. 1985

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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