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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

1975-02-00

Jürgen Ploog

... oder der andere Atem

Ich werde ein Beispiel dafür geben, wie ich die Wirklichkeit betrete.

Es genügen 2 Seiten eines Textes, um den Eingang in Artauds Wirklichkeit zu finden. Jeder Text ist gut genug, aber nach einigen Jahren Erfahrung im Aufsuchen geheimer Treffpunkte entwickelt man eine Nase für die Molekularbewegung des Materials.

Ein Gespür für die Richtung der Gedanken, deren wahllose Bewegungen dem Raum seine Energie geben. Ähnlich einem Versuchstier, das spürt, wie wenig Einfluß es auf den Ausgang des Experiments hat.

Jedes Universum ist eine Versuchsanordnung, der jeder ausgesetzt ist, der seinem Bewußtsein etwas Spielraum läßt.

Die Grenzen der Erfahrung zeigen, wie wenig Einfluß man auf den Ablauf dieses Vorgangs hat. Manche mögen das Schicksal nennen.

Der Schreiber betritt die Szene durch das Schreiben. Artaud brachte eine wichtige Voraussetzung für Selbstbeobachtung mit: die Fähigkeit, Umwelt als feindliches Schema zu erfahren.

Die Formel seiner Grausamkeit bestand nicht darin, was Artaud der Gesellschaft tat, sondern was die Gesellschaft mit ihm machte.

Anwesenheit oder Gegenwart waren für ihn nichts Selbstverständliches, das war sein Ausgangspunkt.

Alles andere hatte die Tragik selbständiger Abläufe unter Bedingungen, auf die man keinen Einfluß hat.

Ich kann wirklich sagen, daß ich nicht Teil dieser Welt bin, & das ist nicht nur eine geistige Einstellung,

schrieb er.

Die Infektion durch das Menschliche

Er gab vor, der Vermittler einer anderen Welt zu sein. Teile seiner Arbeit waren magische Rituale, das Menschliche in sich zu löschen.

Die Kehrseite einer totalitären Kultur sichtbar zu machen, die anderes sein würde als bloßes Symbol einer Fassaden-Wirklichkeit.

Um das zu erreichen, inszenierte er Demontagen, in deren Verlauf die aus dem üblichen Zusammenhang gerissenen Elemente zu einem neuen, erstaunlichen Bild zusammengesetzt wurden, das etwas von der ursprünglichen Plastizität zeigte, die er suchte.

Ich folge seinen Augen durch das Universum... er ist am Verhungern, kein Zimmer, weil er sich die Miete nicht leisten kann... wenn ich mir seine frühen Jahre in Paris vorstelle, seine Kopfschmerzen, seine Mißerfolge... er war besessen davon, kein Wort neben dem anderen zu lassen... fing mit Gedichten an, von denen ich keins ganz gelesen habe...

Gedichte sind mir zu feierlich, Bilder auf einer entfernten Leinwand... Gedichte, die von der Nouvelle Revue Française abgelehnt wurden & in einem Briefwechsel endeten...

Die Kultur des Protestes

Dies sind die 70er Jahre bestimmt durch das, was aus den 60er Jahren nachklingt. Jarry, Baudelaire, Tristan Tzara, Fitzgerald, Kerouac, Burroughs... sie schrieben ihre Zeit, nach Unterwegs (On the Road von Kerouac) machte sich eine ganze Generation auf, durch die Kontinente zu ziehen... -

als gäbe es einerseits Kultur & andererseits Leben,

wie Artaud sagte...

Die Botschaft ist nicht zu überhören, aber sie wird nach wie vor ignoriert, lächerllch gemacht & in Offbeat-Theater & Außenseiter-Gazetten verdrängt.

Artaud war ein Vorläufer dessen, wofür heute international Untergrundkultur steht.

Sein Anspruch war radikal, sein Schicksal Beispiel für die Reaktion eines Monsters, dessen Unlust-Zentren man berührt... die Zersetzung des Realen durch die Poesie...

Die erweiterte Realität

Ein eisiger Frühling setzt ein, wenn man merkt, daß man im falschen Film gelandet ist.

Ein Shakespeare-Darsteller in einem Western & die Sache wird nicht besser, wenn man erkennt, daß es keine Zufälle gibt.

Artaud deklarierte diesen Zustand sofort als Krankheit, als "schreckliche Seuche des Geistes".

Ein Zustand, der ihm eine einprägsame Abhandlung über die mittelalterliche Pest diktierte.

Daß diese Pest keine private, individuelle war, zeigt sich darin, daß Camus ein Stück aus derselben Metaphorik machte.

Die Pest als para-soziologische Infektion...

Gedanken entfallen an verschiedenen Punkten ihres Entstehens... vom einfachen Vorgang des Überlegens bis hin zu ihrer verbalen Verwirklichung...

Der qualvolle Vorgang, dieser scheinbaren Unfähigkeit auf den Grund zu gehen, setzt ein.

Ich jage pausenlos meiner intellektuellen Existenz hinterher.

Als vorläufiges Erlebnis dieser Suche findet er die Formel vom Theater der Grausamkeit, die Grausamkeit, mit der er mit sich selbst umgeht.

Die Grausamkeit des Handelns, der schöpferische Vorgang als Heilprozeß, die Erweiterung der Wirklichkeit um die Möglichkeit, sie zu verändern.

Die Kultur ohne Zeit & Raum

Die Tatsache, daß es Kulturdezernenten gibt, spricht für den Verfall des Begriffs, den wir uns von der Kollektivität cerebraler Manifestationen machen.

Ich spreche auch nicht von der Feierlichkeit bürgerlicher Kunstpflege-Rituale.

Kultur ist die Alchemie menschlichen Softwares, ein Vorfeld für Entwürfe des Neuen, des Anderen.

Als alle Versuche, dort einen Platz zu finden, gescheitert waren, landete Artaud bei den Mayas Mittelamerikas & ihren Peyote-Ritualen, die jenseits von Zeit & Raum Aufführungen der Grausamkeit sind.

Parallelen zu Burroughs Yage-Briefen tauchen auf, die Reise zum Ende des Tunnels verschütteter Visionen.

Die Grammatik der neuen Sprache

Im falschen Film gelandet, aber was hält uns hier? Wie sehen die Schaltstellen des Schmerzes aus? Die inneren Kämpfe Montezumas?

Lange bevor ich verstand, schrieb ich von großen Raumfahrern. Die Bewegung durch den Raum wird zu einer Irrfahrt durch die geschlossene Veranstaltung, der sich Artaud ausgesetzt sieht.

Ein Acteur, den man lächerlich macht.

Hätte er seinen Protest politisch motiviert, wäre er im Gefängnis gelandet.

Für ihn gab es die Nervenklinik, Elektroschocks & Deprivation. Das magische Ritual setzt ein, die Kehrseite der Existenz. Atemübungen, Kabbala. Weiße Magie. Gedichte eines anderen, eines neuen Menschen. O dada oyoura...

André Breton, aus der Zeit des Surrealismus, verfolgt aus der Entfernung das Drama einer cerebralen Operation.

Erweiterung der Realität durch Schreiben?

Für Artaud war das Wort eine Sackgasse, ein Kontrollinstrument, wie Burroughs sagt.

Artauds Theater war Veranstaltung zur Auflösung der Sprache, zur Wiederherstellung eines Zustands, der "zur Erschaffung der Sprache geführt hat".

Unter diesen Umständen ist es keine Übertreibung, wenn man sagt, daß das Wort im Hinblick auf eine geschlossene, abgeschlossene Terminologie nur dazu dient, den Stillstand des Denkens zu bewirken; es zingelt es ein & beschließt es; es ist kurzum ein Ende.

Gegen die Verkalkung des Wortes setzte Artaud das Theater der Gebärde, den sinnlichen Vorgang.

Die Sprache der Wörter

Diese Überlegungen Artauds wurden Ende der 50er Jahre erweitert, als der Maler & Weißmagier Brion Gysin die sogenannte Schnittechnik (cut-up) entdeckte.

Er zerschnitt Textseiten & klebte sie in der Art kubistischer Collagen in beliebiger Reihenfolge wieder zusammen.

Einige dieser Nahtstellen ergaben erstaunliche semantische Abweichungen.

Burroughs machte aus dieser Technik eine Schreibmethode, die er bis heute in verschiedenen Variationen anwendet.

Die Technik der semantischen Abweichung (wie sie Peter Weibel dann nannte) wird von Burroughs als Guerilla-Taktik gegen die Verbindungslinie zwischen Wort & Begriff beziehungsweise Bild angesehen.

Genau diese automatischen Reaktionen auf Worte sind es nämlich, die es den Wortmanipulierern ermöglichen, die Gedanken anderer in großem Maßstab zu kontrollieren (DER JOB).

In einer alphabetisch gesteuerten Gesellschaft entwickeln sich Assoziationsketten immer mehr zu genormten Formeln, das heißt, auf bestimmte Worte stellen sich bestimmte Begriffe ein.

Das heißt, daß auf bestimmte Worte bestimmte Bilder & damit bestimmte Reaktionen auftreten.

Dieser Automatismus reduziert den Informationswert der Sprache immer stärker.

Cut-up ist eine Sprache der Worte.

Es ist der Weg zur nichtgenormten Welt von Bildern, die sich aus Querverbindungen von Worten ergeben.

Alles intuitive Schreiben ist Reproduktion dessen, was da ist. Es ist eine Rückmeldung des Bekannten.

Um diesen hermetischen Raum aus Wort & Ratio, dieses Gefängnis von Erfahrung & Zustand zu verlassen, ist man auf Techniken angewiesen, die den eingefahrenen Stoffwechsel des Bewußtseins durchbrechen.

Jeder, der die Notwendigkeit spürt, aufzubrechen, kann sie anwenden. Zu ihnen gehören Biofeedback, Dekonditionieren mit dem E-Meter, Yoga, Meditation, Bogenschießen, Zen, Tarot und I Ging.

Körperliche Sprache

Ich könnte keine Theorie der Sprache annehmen, deren Aktionsradius vor der Praxis endet.

Wie sieht die Praxis der Schnittechnik aus?

Nicht ihre Theorie entscheidet, sondern die Erfahrung im Umgang mit ihr.

Ich begann diesen Text mit einem Schnitt durch eine Abhandlung über Kerouac von Burroughs.

Wenn er seine Hand ausstreckte, berührte er immer Unlust-Zentren.

Anfangs war ich fasziniert von der Eigenart der Wortkombinationen, von ihren "Möglichkeiten, körperliche Erregung" zurückzugeben.

Der Umgang mit dem Wort war zu einem taktilen Vorgang geworden. Ich sah keinen Grund, mich auf Kontinuität einzulassen.

Ich hielt sie für brauchbar, weil sie dissoziative Energie in mir freisetzten, die ich an anderen Texten vermißte.

Aber diese Aussprachen mit eigenen Produkten haben etwas Gespenstisches. Auch dazu finde ich eine Stelle bei Artaud:

... Silbe für Silbe zu untersuchen, ist sinnlos, & was man hier darüber zu sagen hat, ist zwecklos & nicht mehr als Asche.

Für ihn mußte alles Geschriebene Erfahrung wiedergeben, mußte wirklich erlebt sein.

Ich mag Gedichte, die stinken. Sie atmen Leben.

Das Ende als Wort

Ich kenne keinen, dessen schöpferische Leistung ich respektiere, der nicht seine Schwierigkeiten hatte, das, was im allgemeinen Leben genannt wird, zu überstehen.

Das nackte Individuum hat wenige Möglichkeiten, sich zu wehren.

Aber es sind Mittel bekannt, eine Gegend aufzusuchen, von der aus die Sicht erlaubt, den wahnsinnigen Input menschlicher Erfahrung besser zu ertragen.

Selbst das ist keine Garantie.

Nach dem Krieg, nach Elektroschocks & NK, schreibt Artaud über van Gogh. Der Durchbruch aus dem grauen Raum (breakthrough in grey room), der Durchbruch im Bild war schon früh passiert, was auch seine Begeisterung für die Marx-Brothers zeigt.

Die Wirkung der Bildkontrolle in sich auslöschen... & der freie Raum ist erreicht. Nicht ich werde geschrieben, sondern ich schreibe. Das Wort hat seine Zwangsläufigkeit verloren, es ist genau das: ein Wort.

Über diesen Punkt hinausschauen, heißt Chaos schmecken. Der weiße Raum des Nichts, des Lichts: das Chaos der transzendentalen Hochöfen. Ich bin nicht der Mann, der sich gern die Finger verbrennt. Das Geräusch der täglichen Hölle hat mir den Appetit verdorben...

online-Fassung

kuckuck 13/14
Herbst/Winter
76/77
erscheinend im
April 1977

kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)

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