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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1975-00-00 (?)
Claude Pélieu machte in Frankreich Burroughs und Kerouac, Ginsberg, die Revolte der amerikanischen Jugend bekannt. Die Revolte Artauds ist mit jener verwandt und kann nach seiner Meinung nicht mehr reintegriert werden. Claude Pélieu hat an Jean-Louis Brau geschrieben, was er über den "richtigen Gebrauch" Artauds denkt. Erwin Stegenritt (?)
"Artaud ist scharf!" sagen die Zombies aus dem sogenannten französischen Underground.
Es wird immer schwieriger, in diesen Milieus zu überleben, denn es gibt keine ideologische Lösung.
Die (soziale, kulturelle, sexuelle) Revolution hat es nicht gegeben. Die Poesie hat weder das Leben, noch die Welt verändert. Hippieland gibt es nicht mehr. Und du weißt sehr gut, daß diese Agonien jedem Beschreibungsversuch entgleiten.
Ihr seid da, oder ihr seid nicht da. Und die persönlichen Komödien der Literaten haben genügend Opfer gefordert.
Artaud war ein großer Beatnik. Das hat irgendjemand gesagt. Sind Christus-Beat und sein Buddha-Zahn tot für euch?
Die Klassenkultur, auf die du mehrere Male in deinem Buch Bezug nimmst, ist eine sabbernde alte Vettel, die nicht mal der faschistischen Technokratie oder der Ideologie der herrschenden französischen Klasse nützlich ist.
Sie ist es nur für die hysterischen Typen, die Universitätsroboter, die Knüppelfetischisten, die Lederjacken-SS und für die Agitatoren.
All diese Typen mischen sich in das ein, was sie nichts angeht, und verschmutzen unseren persönlichen Bereich.
Madame Paule Thévenin hat ganz zu Recht bei so vielen lächerlichen Forderungen die Nerven verloren. Und die "Freunde Antonin Artauds"?
Es gibt eine ganze Menge solcher Scheißkomitees in Frankreich, glaube ich - von weitem habe ich ihre Drohungen und ihr Geschrei gehört; all das ist so unnütz, kindisch, so Scheiße wie die keineswegs märchenhaften Bilder aus der politischen Hysterie, diese vergifteten Bilder und hysterischen Mikrophone.
Wir können Artauds Gedichte lesen. Für ein paar Dollar können wir den ganzen Artaud lesen.
Wir haben den Film, den Soundtrack, die atomkleinen Freiräume, das Gras, das verwunderte Augen gibt, und wir halten den Kopf der Wahrheit über Wasser - dieser Planet gehört uns, der Planet Artaud gehört uns, Artauds Gedichte gehören allen.
Jeder besitzt die Instrumente für seine innere Befreiung, jeder kann frei, psychisch, physisch und sozial, über sich verfügen.
Gott ist überall mit seinen Videos, er hat das ganze Große Dorf verseucht, er ist in jener Bierflasche, die ich ins Meer werfen werde.
Ich hoffe, sie wird dich erreichen.
Die grellen Farben wurden von dem alten transistorisierten Händler geschmuggelt. Dann wurden sie weiter verschachert an die Grüngesichtigen und an die Roboters (bibliophil oder im Taschenbuchformat) zwischen dem Deux-Magots und dem Café Flore.
Hasch in der Juke-box und ein vages Lächeln, das ein Engel aufschnappt. Sinnlos, Methedrine-Jungle zu befragen, um Licht in die Affäre zu bringen.
Any more dope Baby? No, uh - No! Yup, so, fuck off! - ein jeder wühlt in Artaud, fordert, brütet, besudelt, analysiert, betrügt.
Das Para-Beatnik-Delirium war nicht annähernd so schlimm wie die französischen Trance-Zustände.
Die Amerikaner mißtrauen zu Recht den Ideologien und Manifesten, die aus Europa herüberkommen. Französische Scheiße und deutsche Verbohrtheit.
Auch Artaud hatte das Pech, als Franzose geboren zu werden, in einer einzigen Sprache eingesperrt zu sein; und er konnte nur französisch sein.
Die Agitatoren und Schriftsteller-Angestellten rutschen aus auf der Bananenschale der Realität Artaud. Die ganze Repression ist entstanden mit der ökologischen Katastrophe, und 100 Millionen werden nicht ausreichen.
Wir alle sind arme Kranke, leiden an der gleichen Krankheit, an den gleichen Sozio-Psychodramen und beleuchten unsere letzte Chance.
Das Schicksal des Dichters steht auf dem Spiel. Es gibt keine Geheimnisse mehr, und der Dichter hat es nicht gern, wenn man ihn beim Beten oder beim Gotteslästern stört.
DER GUTE GESCHMACK UND DAS WISSEN GEGEN DIE VISION!!! Die eingefrorenen glitschigen Wörter, die in Paris geschrieben werden, liegen in den Supermärkten des Denkens im Sterben.
Die blöde, geifernde Literatenmasse hat nur noch ihren Schließmuskel zum Weinen. Und über Artaud weinen ist Massenpornographie.
Es ist deprimierend, heute morgen französisch zu schreiben.
Ich habe die ganze Zeit nichts getan. Ich packe die Koffer. Der Fernseher fliegt in die Luft. Mass Media I love you!
Die Stille kommt über die Autobahnen, ich habe alle meine notebooks - ich habe den Polit-Schweiß in den Ausguß des Morgens geschüttet, und habe gemurmelt: "Die Sonne wird ohne dich scheinen."
Alle Straßen der Welt/des Bewußtseins sind durcheinander. Artaud war einer der ersten, die darunter zu leiden hatten.
Ich lese weder Zeitungen noch Literaturzeitschriften, das Fernsehen tut meinen Augen weh, wenn es sich um Politik handelt, ich lausche dem apokalyptischen Krachen der Sauerstoff-Juke-Box, ich bleibe auf der Mesa, ich fliege.
Die anderen können mit den Schwämmen tanzen. Und die Kritiker können die Maulwurfslöcher der aussätzigen Alphabete ficken.
Ein weites Bewußtsein suggeriert eurem Leib/eurer Seele ein anderes Leben. Die Ausdruckswut zerstört die Vision.
Deshalb mag ich die vier Bücher nicht, die in Frankreich veröffentlicht wurden.
Ich bin sicher, der Dichter Artaud hätte die letzte Ausgabe des Whole Earth Catalog gemocht und die Kollektivreisen von Ken Kesey, die Rock'n Roll-Explosion. Flûtescigarettes. Spaßige Kosmologien.
Der Morgen greift nach den Straßen von Gun Hill bis Golden Cross, von Stonehenge bis Big Sur - ein Nebel à la Postkarte sucht ein wenig Stille - die Wasserspülung des Himmels tröstet nicht die Kometen.
Wilde Erdbeeren und die Brombeeren (die der Frost verschont hat) scheitern auf dem Spiegel. Und ich frage mich, ob dieser große Dichter sich die Zeit genommen hat, all das zu lesen, was die Kritiker über ihn geschrieben haben.
Artaud ist wie Christus Beat-Hip für euch auf dem Kreuz-Mandala der Algebra von Dürftigkeit und fundamentalem Mangel an allem gestorben.
Und er hatte recht, daß er seine ganze Wirklichkeit einem Pierre Loeb, einer Madame Thévenin, einem Arthur Adamov, einem Roger Blin und einigen anderen, deren Namen ich vergessen habe, anvertraut hat.
Aber was hat er seinem Publikum zu verdanken?
Nichts, glaube ich.
Ich bin nicht auf dem laufenden über die Streitigkeiten verschiedener Gruppen.
Diese Typen gehen uns auf die Nerven. Sollen sie mit ihren Fötus-Freudn auf dem Parkplatz des Shopping Center bleiben.
Diese Jahrtausende französischer Literatur sind so schnell vergangen. Und der Film vom Nicht-Wissen blendet so.
Artaud hat nichts zu tun mit den Leichenhaufen der techno-elektronischen Zivilisation, und die Roboter haben bereits verloren. Was soll aus all den Untersuchungen werden?
Artaud hätte sich noch freier totaler ausdrücken können, im Avalon Ball Room wäre er sofort gesehen, gehört oder verstanden worden von den jungen Leuten - dessen bin ich sicher.
Ich bin umgeben von Blüten, Farn, Heidekraut, von Sand und Felsen, wilden Tieren und Vögeln, während der Sturm stärker und die Wellen größer werden. Hier gibt es keine Bullen. Keine Grünen Minnas. Keine Psychiater.
Keine Papierhippies. Keine Mini-Proleten.
Blumen-Vibrationen gleiten zwischen die Zeit-Marken. Was auch immer dem Dichter geschieht, seine Gesundheit ist unzerstörbar.
Eine Licht-Schranke hält die Geräusche der 60er Jahre zurück.
In San Francisco gibt es ein Artaud's Project. Ich habe den Ton von Frisco auf Kassette, und alles verliert sich in der Sanduhr der flüchtigen Zeit.
Die Amerikaner machen eine zweite Artaud-Anthologie. Ich glaube, diesmal ist's o.k.
Zu Recht hat sich Artaud gegen die surrealistischen Tremolos aufgelehnt.
Er versuchte, alle Geister zu beschwören, bevor sein Bewußtsein in den grauen Motiven der psychiatrischen Routine unterging.
Das rohe Leben hat die kindischen Bilder mit Stiefeltritten geweckt.
Die Hochfrequenzen seiner Gedichte stellen Kontakte her mit den sichtbaren Bildern, die weder die Stille, noch die Einsamkeit trösten.
Ich fixiere das Seidenblau des englischen Himmels, der alle Störgeräusche anzieht, selbst die, die von den neolithischen Kriegern mit ihren Steinen nach Stonehenge gebracht wurden.
Ebenso wie Artaud, kümmerten sich diese Wilden nicht um die Surrealität, sie durchstießen den Spiegel der Realität, und sie verstanden es, die von der Wirklichkeit ausgelösten Halluzinationen auf Trab zu bringen.
Sie hatten Ameisen in den Augen. Keine Droge war verdammt. Du siehst, eine wirkliche Unfähigkeit, die Dinge zu benennen.
It's all right Ma' I'm only bleeding.
Johnny Winter singt.
Rollin' and Tumblin'. Mean Town Blues.
Schon zerstreut mich der Wind vom Meer, denn er sagt mir, daß nichts passiert - literarische Grimassen und Tuttifrutti.
Eine stechend-schmerzende Weise aus Außenhandel und Copyright zerstört die bekannten Signaturen.
ARTAUD MAGICAL MYSTERY TOUR, die Roboter haben uns aus unserer Kindheit rausgeschmissen, whaAAm!
Kerouac hat das schon sehr früh gesehen auf seine amerikanische Art. Der Rest? Die sogenannten revolutionären Rückstände sind ausreichend albern und spektakulär, so daß wir uns nicht mehr daran erinnern.
Einen Pavlov-Cocktail unter den Arsch der totalen Zensur und zack!
Was denn? Christus-Beat und sein Publikum? It's all right Ma' - du siehst, von den 60er Jahren bleibt nicht mehr viel, nur einige verklemmte Euphorien in einer Flut von aufgefrischten, vorprogrammierten und abgewichsten Bildern. Einige Filme und Tonbänder.
Aber die Nerven haben alles registriert, ach wie sind wir schön geflogen! Wir haben sie auf alle Arten gesehen.
Artaud hätte Jack de Kerouac incognito gehört.
Er wäre auch zur Stelle, um die wirkliche Halluzination der wirklichen Welt zu beschreiben. Der globale Onanismus der Schulen ruht heutzutage in den Abgründen der Waschmittel.
Artaud ist tot. Adamov ist tot. Kerouac ist tot.
Neal ruht in der mexikanischen Erde. Jimmy Hendrix, Janis Joplin und Jim Morrisch sind tot - eine Art Leere, eine Art Ersticken - ja, die bleiche Sonne hat sich auf die Ellbogen gestützt und verjagt die Wolken.
Es wird, ganz gleich wo, schön sein.
Ich habe immer noch die Kopie der Gedichte Artauds.
Es wird noch immer wunderbare, geschundene, nackte, verbrannte, verblutete Dichter geben, und die wilden Katzen werden nicht die Trauer aus Neon tragen.
Ich sehe Artaud lächeln, entspannt, glücklich in seinem Himmel mit den merry pranksters der Floating Magic Lotus Opera.
Ich sehe ihn nicht in La Chatte Trouée mit den Ex-Surrealisten und den Kritikern, nicht mit den Neo-Marxisten und - das mußt du zugeben, die französischen Trance-Zustände sind widerlich, und all das ist so unnütz - die Kinder Amerikas verstehen Artaud, die von den Papierhippies, von der Politik der kurzgeschorenen Roboter und der hemophilen Agitatoren angewidert sind - waschen ihre Augen mit "Jesus Superstar" - alle Couleurs einer Generation stürmen die Computer; die Farbfernseher mit Captain Video und Nancy Kleenex brüllen, und zum 100sten Mal geht Jim Hendrix ein ins Paradies - elektronisches Yoga und Poesie.
Es bleibt nicht mehr viel zu tun.
Es geht los. Alles und in allen Bereichen wird in Amerika passieren. Schau! Eine Patrone voll Morgen im rosa Fenster. Dosen-Körper-Seelen-TV senden die letzten Signale aus.
McLuhan entnervt die Avant-Garde und ihren toten Salat. Carl Solomon ist nicht mehr verhext. Am Morgen haben sich alle Energien versammelt. John Sinclair ist frei. Bob Kaufman schreibt wieder.
Timothy Leary scheint wieder in Sicherheit zu sein.
Die amerikanische Poesie läßt verzauberte Dämpfe in die Straßen der Welt ab.
Die Fenster flippern mit bösen Mächten, die sich aller Vollmachten bemächtigen. HOT AND COOL, ein neues Environment empfängt Artaud und schlägt die mit Neon-Scheren bewaffneten Minus zurück - hier beginnt alles mit den von ihren eigenen Magien verletzten Robotern.
Artauds elektronische Brüder werden nichts bezeugen.
Im Licht SEINER Gedichte verstehe ich seine Sache sehr klar:
MAN MUSS ES VERSTEHEN, MIT EINEM GANZEN KONTINENT ZU BRECHEN UND AUF DIE KÖPFE DER GEBILDETEN SCHIESSHUNDE ZU SCHEISSEN. DRÜCKT EUCH AUS IN SCHALLMAUER-DUR!
(Aus dem Französischen von Erwin Stegenritt)
online-Fassung
kuckuck 13/14
76/77, Herbst/Winter
erscheinend im April 1977
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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