free download kuckuck network archive NewCatch.com

Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert

Buchausgabe:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
1973 bis 2000 & unveröffentlichte Texte aus 40 Jahren Wüste. Die vielsandigen Vordenklichkeiten des Avram Kokhaviv.
Band 3. Strategien der Zerstörung
Herausgegeben von Alexander Becker / Baraq Kokhaviv
© 2000 kokhaviv publications

1985-00-00

Horst Lummert

Indizien...

Darauf habe ich nicht verzichten wollen

Versuche einer Gerechtwerdung · Polemik und Hintergründe · Reichstagsbrand und authentischer Nachkriegsunterwanderungsfaschismus · Von Bormann zu Axmann, Griesmayr und Schenke · Neuer historischer Rechtsanspruch der alten NS-Reichsjugendführung · Strategem Links-Image und die geheime Kultur der Rechten · Adenauer wider den Neutralismus · Deutschland in der NATO · Friedenspolitik als literarischer Verfassungs- und Landesverrat · Sozialdemokratie und ewige Klassenfrage

Ein Julius Streicher kann mich nicht beleidigen, seine Stürmer-Manieren sprechen für sich.

Das Gefühl, mich beschmutzt zu haben, werde ich erst allmählich wieder loswerden. Es begleitet mich seit langem.

Doch ich habe darauf nicht verzichten wollen: Erich Knapp gibt uns eine genaue Selbstbeschreibung, treffend bereits zu Beginn seiner Sperrmüll-Aktion (Seite 35), präzis in der abschließenden Situationsschilderung.

Professor und Goag sind nämlich eine Person. Es verblüfft mich immer wieder, wie gut er sich kennt.

Die Sache ist ja eher komisch, ich sollte nicht so dick auftragen. Was kümmert uns ein machtloser Bergstraßen-Goag, der seine Grenzen nicht wahrnimmt.

Ich habe mich schön blamiert, wenn Knapp nur der kleine Heppenheimer mit dem Holzgewehr ist, das nur gerade mal nicht zur Hand war, als es gebraucht wurde.

Ich muß immer wieder mal nachblättern, um es nicht zu vergessen.

Um nicht zu vergessen, daß der kleine Fisch nicht nur zu stinken anfängt, sondern ein gar nicht so kleiner Fisch ist.

Da ist zunächst dieser unbarmherzig radikale Revolutionär und "Anti-Nazi" (!), der die Erde umwälzen, ganze Völker am liebsten ausrotten, auf jeden Fall blutig unterdrücken und "erziehen" möchte, der sich schon an der Guillotine sieht: dieser - bis heute gottlob verhinderte - Scharfrichter verachtet nicht nur "richtende" Menschen, wenn's seinen NS-Freunden an den Kragen geht, er möchte vor allem seine Privatsphäre gesichert wissen.

Die Briefe, in denen er, ganz privatim, dem kuckuck anvertraut hat, daß Knapp von keinem politischen Gewissen geplagt ist, bleiben selbstverständlich unter Verschluß.

Wer am Tage der Revolution durch Heppenheims Vorgärten latscht, der kann was erleben, dem wird "die Jurisprudenz in den Weg treten".

Ich habe selten so viel gelacht, und selten kamen mir so viele Tränen wie über dieses neue und abermalige Unrecht an einem ewig Verfolgten.

Aber man läßt ihn auch diesmal nicht allein;

er soll doch wegen Verletzung seiner Intimsphäre eine Eingabe bei der Menschenrechtskommission der UNO machen, vielleicht kriegt er die Sache auch auf die Tagesordnung der Vollversammlung,

empfahl Pohrt.

Auch die Zuständigkeit des Europäischen Gerichtshofs wäre zu prüfen, und schließlich muß auch die französische Nationalversammlung, zu der Knapp ohnehin diplomatische Beziehungen unterhält, unbedingt informiert werden.
Die Sache einem Feld-, Wald- und Wiesenanwalt anzuvertrauen, der die Sache vors Amtsgericht bringt - das ist jedenfalls nicht Knapps Stil.

Und was seine Rechts-Koryphäen ihrem Berufsstand an Schalkstücken zumuten, ist ohnehin deren Sache.

Daß so einer hierzulande durchginge, na schön, aber die Briten sind doch keine dummen Leute, und die Amis nicht, dazu im Nachrichten- und Computer-Distrikt.

Erich Knapp ist nicht die Mickymaus im Polit-Disney-Land, die allen ein Schnippchen schlägt und immer wieder aufsteht zu neuen Kuriositäten.

Alles mit dem treuherzigen Blick.

Das muß man sich genauer ansehn.

Wer da was anstellt und zu welchem Zwecke.

Die Form der harlekinischen Geschichten wählte ich seinerzeit, weil es Dinge zu wissen gibt, die man eigentlich gar nicht wissen kann und soll, ja darf.

Mir war das schon unbehaglich...

So was wie Knapps Anwälte nahm man früher beim Rundfunk als Geräuschemacher, hörte sich echt an.

So was von unordentlichem Rückzugsgewitter.

Ich erwarte nicht, daß die Nummer II, die das verzapfte, sich bei mir entschuldigt, von der Nummer erwarte ich das nicht.

Aber ihr Erster gibt ihr womöglich einen Tip. Und unser Streicher-Erich kann das gleich mit unterschreiben.

Denn die Unterstützung des Grenzlandkantonisten Lafontaine steht ja noch in den Sternen. Am liebsten würde Knapp mit dem ne Zeitung aufmachen. Lafonte der Herausgeber, und der Julius als Chefredakteur.

Kleinen Moment, gleich hört der Spaß auf, ich suche nach einem Zugang zur Sache. Im Lichte besseren Wissens (und niemals wider es, meine Herren!).

Nicht zu fassen.

Wirklich zu fassen ist ja eigentlich gar niemand.

Wer hat Lazarek umgebracht, den Reichstag angezündet? Marginales, katholisches Proletariat, angestiftet vom Papst. Ganz einfach, so war's.

Der Vatikan hat die KZs nicht nur erbaut, sondern auch bewirtschaftet. Die katholischen Priester, die in den Lagern herumlungerten, waren päpstliche Bauarbeiter und Goldzahneintreiber.

Nazis? I wo, das waren Romantiker, jung und unbescholten. Meine Verehrung, der Herr, und stets zu Diensten, Ihr ewiger Knapp und devotester Diener.

Außerdem gab's da die Menge Mc und MacCloys, gar nicht zu zählen.

Kennt sich wirklich gut, der K..

Ein Schutzengel der NS-Restauration. Und ein wehleidiger Heuchler dazu?

Ein Abbruch von politischen Kontakten zu diesen Kreisen ist nicht möglich, da es solche weder gab noch gibt.
Im übrigen ist der Zustand des Nichtmiteinandersprechens ein Stück Unmenschlichkeit.
Wer es darauf anlegt, z.B. durch Ehrabschneiderei, trägt zur Unmenschlichkeit bei sowie dazu, daß zwischenmenschliche Annäherungen in körperlich aggressiver Weise versucht werden,

schrieb er in seinem Beibrief zum Sperrmüll-Artikel.

Hat er Angst, oder will er Angst machen?

Ich rate seinem Anwalt Dr. Heydegger, sich diesen kuckuck sehr genau durchzulesen.

Wer da welche Tatbestände erfüllt, wird der Heppenheimer Jurist nun erst noch zu ergründen haben.

Vielleicht können wir uns dann sogar auf eine gültige Definition des Rechtsradikalismus einigen.

In dem oben zitierten Absatz aus Knapps Brief steckt erst einmal eine Unwahrheit, nämlich, daß es "solche (politischen Kontakte) weder gab noch gibt".

Es gab sie - und es gibt sie ganz offensichtlich noch.

Dann folgt der Satz, der den "Zustand des Nichtmiteinandersprechens" als "ein Stück Unmenschlichkeit" beschreibt.

Worauf bezieht sich dieser Satz?

Ist es "ein Stück Unmenschlichkeit", von Knapp zu verlangen, die politischen Kontakte mit dem Nachkriegsunterwanderungsfaschismus abzubrechen?

Und meint dieser Satz, daß es - etwa vom kuckuck - "unmenschlich" wäre, andernfalls die Kontakte mit ihm, Erich Knapp, zu beenden?

Ja, "wer es darauf anlegt, z.B. durch Ehrabschneiderei"...

Das hat er begriffen: Wenn wahr ist, was im kuckuck über ihn geschrieben steht, geht's an seine "Ehre".

Und noch etwas: nämlich jene "Ehrabschneiderei", die sein politischer Freund Wolf Schenke (damit auch dies mal klargestellt wird: das Wort "Freund" ist hier keine Andichtung, sondern ein Knapp-Zitat aus einem seiner Tabu-Briefe an mich), also auch er durch den kuckuck erleiden mußte.

Die Kontakte, die es nie gab und nicht gibt, aber den Joker gibt's - und es gibt seinen Narren und Schutzengel, der darüber seine Identität verliert.

Also gut, kuckuck möchte dazu beitragen, daß der Knappe Knapp "in den Zustand des Nichtmiteinandersprechens" kommt - daß er, mit andern Worten, denen das politische Bündnis aufkündigt, die angeblich seine ewigen Feinde sind: den Nazis.

Er soll sie - aufgrund des ihm via kuckuck vermittelten besseren (!) Wissens - auffliegen lassen!

Doch die Sache hat einen Haken: es trüge nämlich dazu bei,

daß zwischenmenschliche Annäherungen in körperlich aggressiver Weise versucht werden.

Ist das eine Drohung?

Will er seine Schägertruppe - wie jüngst die Punker im Bundestag - jetzt mir aufs Dach schicken?

Hatte er mir nicht schon einmal versteckt mit einem Straßenverkehrsunfall gedroht?

Was ich hier erzähle, kann in diesem Heft an anderer Stelle nachgelesen werden.

Ich sauge mir nichts aus den Fingern, spitze die Dinge allenfalls ein bißchen zu.

Oder fürchtet er, seine nazistischen Bündnispartner könnten, sollte er mit ihnen brechen, neue "zwischenmenschliche Annäherungen in körperlich aggressiver Weise" zu ihm versuchen?

Vielleicht gibt er auch eine Drohung nur weiter.

In seinem Verhalten gegenüber Wolf Schenke, gerade auch in seinem Brief zu dem Bild von der Bücherverbrennung, war mir eine eigenartige Servilität aufgefallen; sie hat nicht unwesentlich zur Präzisierung meines Urteils über Knapps politische Rolle beigetragen.

Da stimmt was nicht.

Sein mich kaum mehr überraschender Reinfall auf eine Wunschassoziation, ich hätte "devot" und "hintenrum hundeschwanzwedelnd" mich "lieber doch entschuldigt" beim "Goag", schien mir auch ganz gut ins Bild zu passen.

Auch wenn Knapp mich einer Projektion zeiht, wo ich mich konkret auf Dokumentiertes berufen kann, stimmt mich das nachdenklich.

Es tritt da genau wieder jene Ambivalenz auf, die ja nur subjektive oder halt objektive Gründe haben kann.

Entweder er projiziert, ohne es zu merken - dann bin ich der Blamierte, wie gesagt, weil ich mich mit ihm abgegeben habe.

Denn mir ist es ja nicht darum zu tun, nachzuweisen, daß Knapp nicht ganz richtig im Kopf sei.

Und wäre er's, ohne daß ich's rechtzeitig gemerkt hätte, dann ist mir sowieso nicht zu helfen.

Aber die Sachlage macht mich hoffen, daß ich weiterhin fürchten darf, so absurd ist das alles.

Nein, ich glaube nicht, daß Knapp verrückter ist als wir andern alle auch.

Aber ich darf jetzt glauben, daß er, um bestimmte Reaktionen hervorzurufen, Mittel einsetzt, die so wirken und so wirken sollen, als hätte man's mit einem Verrückten zu tun.

Wo es ernst wird, da scheint er plötzlich daran interessiert zu sein, nicht mehr ganz so ernst genommen zu werden.

Und wen man nicht ernstnehmen darf, der ist natürlich auch niemals verantwortlich zu machen für das, was er tut, sagt und schreibt.

Darum hat er den Test mit dem absurden kuckuck 46 so völlig kopflos absolviert.

Ein Test?

Für ihn war's doch offenbar einer.

Vielleicht war dieses Heft 46 dann aber auch nicht ganz fair von mir.

Es mußte ja wie eine Erlösung für ihn sein, so einen Trümmerhaufen vorgesetzt zu bekommen, in dem er sich sofort wiedererkennen konnte, ohne es doch mit sich zu tun zu haben.

Dazu noch Chinesisches und sieben Jahre alte Notizen, die er jederzeit als Anspielungen mißverstehen durfte.

Und ich habe nie zuvor so lange auf eine Knapp-Erwiderung warten müssen wie dieses Mal aus Anlaß des bekloppten Heftes 46 (= Quersumme 1).

Aber da war nichts "hintenrum" und nichts "vornerum", es gab für Knapp nur eine Seite von mir zu lesen, die mit dem Brief an seine Rechtsanwälte.

In diesem Brief wiederholte und ergänzte und begründete ich noch einmal meine ohnehin längst belegten Behauptungen und forderte die Anwälte auf, ihren Mandanten zu bewegen, sich von besagten rechtsradikalen Kreisen, seinen "politischen Freunden aus der Nähe des RSHA" endlich loszusagen und im übrigen diese Kontakte auch einmal klarzulegen.

Ich wiederhole dies auch hier noch einmal.

Was soll also sein ganzes Geschwätz?

Hat er Angst? Steht er unter Druck? Wird er von den Nazis erpreßt? Muß er etwas tun, was er gar nicht will? Wird er zur Kumpanei mit den Nazis gezwungen?

Weiß da wer etwas über ihn, das wir nicht wissen?

Ich würde gern aus seiner, so nicht alles täuscht, Beklemmung heraushelfen. Aber dazu muß erst einmal die Wahrheit auf den Tisch.

Und an die ganze Wahrheit mit dem Namen Erich Knapp kommen wir gewiß nicht heran, wenn wir uns einfach das vornehmen, was Knapp uns als seine Wahrheit direkt vorgelegt hat.

Er hat uns nämlich schon so viel erzählt, wo sich eines mit dem andern nicht verträgt, daß erst einmal ein Instrument vonnöten ist, ein Schlüssel, jedenfalls ein methodisches Hilfsmittel, um den Knapp, den ganzen, mit all seinen komplexen Widersprüchen, Irritationen, Luftballons auch wirklich verstehen zu können.

Es ist doch ganz schön blöd, wenn man es mit einem zu tun kriegt, bei dem erst nach und nach klar wird, daß er einen an der Nase herumführt oder...

Was?

Als ich Knapps Brief auf meine Anfrage, die ägyptisch-israelische Annäherungspolitik betreffend, gelesen hatte (siehe Seiten 50 und 130) fiel mir sofort die Antwort dazu ein, aber ich wollte nicht noch einen Brief schreiben, weil ich wiederum mit einer Antwort rechnen mußte, inzwischen aber in Zeit- und auch Platznot geraten war, dieses Heft sollte endlich fertig werden.

So formuliere ich hier nun nach, was mir damals eingefallen bzw. aufgegangen war:

Was haben Sie... - ja, was hat er, Erich Knapp, gegen die Antisemiten?

Der Mentalitätsstruktur nach ist er ihnen doch sehr nah, wenn nicht verwandt.

Der Inhalt ist auswechselbar.

Und darin, Inhalte einfach zu vertauschen, hat Erich Knapp große Übung - und im übrigen ein außergewöhnliches Talent an den Tag gelegt.

Die größten "Nazis", zum Beispiel, sind für ihn solche - expressis verbis! -, die niemals wirklich Nazis waren.

Und die prominenten, die echten, die in höchsten Positionen, die authentischen Nazis, die also nicht nur welche waren, sondern es bis heute geblieben sind, die haben sich unter Knapps Zauberfedern zu "Selbstbestimmungsdemokraten" gemausert.

Hitler war ein "Demokrat", die Demokraten in Bonn sind "Nazis".

Und wie ist es bei ihm mit den Antisemiten? Sind es auch nur "Antisemiten"?

Jedenfalls geht er mit ihnen um wie die Antisemiten mit den Juden. Und seine "Juden" sind, wie mir inzwischen scheint, wohl auch so eine Knapps-Idee, wenn nicht Schlimmeres...

Vor dreißig Jahren, als es in Deutschland Mode war, Antikommunist und Israelschwärmer zu sein, da war auch Knapp einer dabei.

Jetzt ist es Mode, Israel zu verketzern und die Sowjetunion um Schönwetter zu bitten, Knapp ist auch jetzt voll dabei.

Er ist halt immer dabei.

Man kann sich leicht ausmalen, wo er in der Nazizeit gestanden hätte, wäre er nur ein paar Jahre älter gewesen.

Knapp wäre auch unter Stalin feste dabei gewesen und unter Pol Pot, nur Mode muß es sein, Mode, motzig, repressiv, autoritär, "Bewegung"...

In der Kulturrevolution hätte man ihn unter den größten Schreiern gefunden - und als einen der schärfsten bei den Jägern nach der "Viererbande".

Knapp ist immer auf Linie.

Und bereit zum nächsten Absprung.

Bei allem Wirrwarr, das ist allerdings interessant, hält er nämlich tatsächlich auf Linie.

Woher hat er sie bloß, diese Linie?

Wer sagt ihm eigentlich, wann es wieder mal so weit ist?

Das ist hier eine Frage.

Mindestens ein nützlicher Idiot?

Ich hab's immer gesagt: Der Mann taugt nicht für den diplomatischen Dienst. Aber das Unrecht geschah nun mal. Er hätte niemals eingestellt werden dürfen. Fordert das Gehalt zurück und zahlt ihm die Sozialunterstützung nach.

Auch nicht schlecht. Hat sich wie ein toller Hund aufgeführt, der Bursche. Nein, nein, nicht erst seit seiner sogenannten Entlassung; der war schon immer so.

Er wollte mit seiner Person ein Beispiel geben: nehmt euch keine Demokraten, das klappt doch nie. Gut gemacht.

Mit der Begründung, er habe sich von einem kuckucksvogel austricksen lassen und damit indirekt Propaganda für die revolutionäre Potenz des Proletariats gemacht, was ja seine Sache nicht ist, könnte Knapps Führungsoffizier jetzt auf den Gedanken kommen, unsern Mann auszuwechseln, was nicht im kuckucksinteresse sein kann.

Es gibt im Sinne der hier betriebenen Aufklärungsarbeit gute Gründe, Knapp als dem Verständnis seiner Herren gemäß brauchbares Medium darzustellen.

Also hat er seine Sache gut gemacht.

Da hat sich doch jüngst unser kuckuck geschüttelt, pardauz fiel ein blinder Gast auf die Nase, versehentlich als Publikum einbezogen in funktionelles, gar operatives Kukukunsthappening, sowas.

Jetzt können wir einsammeln:

Knapps politische Prophezeiungen der letzten Jahre waren so gut wie allesamt Blech.

Oder weniger als das.

Sein Maskottchen "Ethnizismus" hat in bezug auf die in Europa anstehende politische Selbstbestimmung keinerlei Relevanz, steht gar nicht zur Debatte.

Der Figaro schrieb nach der letzten Bundestagswahl, die Deutschen hätten mit ihrer Wahl vom 6. März ihren Irrtum von 1933 wieder gut gemacht.

Die Hitler-Wahlen hatten nämlich auch im März, am 5ten, stattgefunden, bereits unter diktatorischem Druck und faschistischem Straßenterror.

Die Franzosen haben dafür einen Blick, keiner weiß es besser als Knapp.

Schließlich erhält die von Bahro endlich konstatierte und von Knapp auch endlich bestätigte "formelle" Verwandschaft der Grünen mit der NSDAP ihr Gewicht erst mit der Antwort auf die Frage nach dem ("formell", nicht wahr) gemeinsamen Urheber beider Parteien.

Die unauffälligen Anfänge stachen ohnehin schon ins Auge.

Ob wiederum der militärische Geheimdienst seine Hände mit im Spiele hatte, auch Hitler war ja zunächst nichts anderes als ein Spitzel und Propaganda-Agent der Abwehr, welche anderen Kräfte schließlich fördernd oder auch konterkarierend mitwirkten, ist ja längst nicht geklärt.

Aber die Ähnlichkeit mit der NSDAP wird just in dem Moment allerorten aufgedeckt, da die Grünen ihre "NSDAP"-Politik gar nicht mehr so konsequent praktizieren.

Die Grünen waren "formell" von Anfang an - und gerade in ihren Anfängen - der NSDAP zu vergleichen.

Und wenn wir vom kuckuck absehen, ist das zur rechten Zeit nirgendwo ausgesprochen oder geschrieben worden.

Jetzt soll die NSDAP-Politik allerdings auf breiterer Basis - nämlich von der Sozialdemokratischen Partei - fortgeführt werden, und da wird nun die Grüne Partei bloß hinderlich. That's the fact.

Die Initiatoren der Grünen-Partei sind die Initiatoren der NS-Restauration mit den alternativen Mobilisierungsmethoden der siebziger Jahre.

Die Profis hinter den Promis, hinter den sogenannten Prominenten. So ein professioneller Initiator war Erich Knapp.

Der Mann hat so viel im Kopf, was will er denn bloß?

Die Welt verändern will er.

Will die souveränen Staaten abschaffen zugunsten der Souveränität der Völker.

Moment.

Er sagt's auch umgedreht.

Keine Souveränität für die Völker, alle Souveränität für die Staaten, d.h. ihre Regierungen.

Das ist einem auch nicht sicher bei Knapp.

Er hat schon so gut wie alles propagiert, nacheinander und nebeneinander.

Mir scheint erst dann alles richtig zusammenzustimmen, wenn ich all seine politischen und publizistischen Aktivitäten, Selbstdarstellungen etc. als Provokationen nehme und ihn als einen agent provocateur.

Jetzt braucht es nur noch die Frage, wem es nütze, was Knapp seit Jahren auf die Beine stellt, kaputt macht, in die Welt setzt, widerruft...

Es braucht, wie schon gesagt, den Wunderschlüssel, der uns unser Knappschloß öffnen kann, dann aber ganz und gar.

Also, wem nützt er?

Oder: für wen arbeitet er?

Dies zunächst nur hypothetisch, weil ja nicht ohne weiteres und sofort ausgeschlossen werden kann, daß er doch nur ein besessener Einzelgänger ist.

Knapp hat uns schon zuviel suggeriert: danach könnte er für Frankreich tätig sein, neuerdings für Rockefeller, ergo auch für die deutsche Chemie, oder auch für den sowjetischen Geheimdienst, man könnte ihn für einen westeuropäischen Sozialisten, natürlich, Föderalisten halten, für einen gekauften Mann des internationalen Finanzkapitals, für einen Freimaurer, liiert mit irgendwelchen internationalen, obzwar nicht zionistischen, jüdischen Kreisen, einen Sufi, ganz neu: daß er jetzt meint, jene "jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung", von der Hitler nur träumen durfte, gebe es heute tatsächlich; und gäbe es sie nicht, so sollte man derlei animieren.

Und alles vor allem gegen Deutschland gerichtet, das mit dem Nazismus geschichtsidentisch sei, ergo: "Deutschland verrecke!" oder so ähnlich.

Alles darf man zu ihm sagen, er nimmt's mehr oder weniger gelassen hin.

Sogar einen Faschisten läßt er sich nennen.

Tobsüchtig wird er erst, wenn man ihn mit dem Nazismus, mit dem NS-deutschen Faschismus in Verbindung bringt.

Aber nein, ich muß ja sagen: Knapp-Verbündliches dieser Kategorie aufdeckt und gegens Licht hält.

Das kann einfache Gründe haben: ich habe mich geirrt, und Knapp war ein bißchen naiv.

Sagen wir so.

Joseph Goebbels lebt noch, trifft sich mit Knapp beim Schoppen oder einem Glas Bier in Hamburg und erzählt dem, daß er, Goebbels, heute kein Nationalsozialist mehr sei, er habe sich vielmehr belehren lassen, sei den Grünen beigetreten, aktiv in einer Bürgerinitiative für Umweltschutz, lebe jetzt auf dem Lande in einer Öko-Kommune und sei seit Jahren in der Friedensbewegung engagiert, wünsche Deutschlands Neutralität, Austritt aus der NATO, jetzt wolle er eine "Nationale Befreiungsfront" gründen, vor allem junge Menschen kämen ihm zugelaufen.

Knapp würde dem Mann natürlich glauben, daß der nicht mehr seine alten Ziele verfolgt, längst kein Nazi mehr sei, denn Knapp glaubt auch an den Klapperstorch.

Jetzt möchte er sich uns auch noch als Harlekin verkaufen.

Der Narr in Kaisers Mantel. Föderation!

Oder Knapp ist nicht naiv.

Knapp weiß, was er tut.

Dann ergibt sich ein ganz anderes Bild.

Knapp wäre den Nazis als agent provocateur nützlich, wäre sozusagen deren Provokateur.

Prompt zieht der Zauberkünstler Knapp aus seinem Zylinder ein schwarzes Kaninchen, einen jüdischen Großvater, eigentlich nicht so richtig, mehr den Erzeuger, Erzeuger der Mutter Knapps.

Ein Jude in der Familie, oder jedenfalls gleich am äußeren Familienrand - und die Sache kann abfahren.

Denn nun wird er mit allem, was er sagt, dieser Knapp, bei seinen nazistischen Freunden/Gegnern/Feinden willkommen sein:

Seht und hört doch selbst, was der "Jude" da sagt, Deutschland soll vernichtet werden, Holocaust für das deutsche Volk geplant, Deutschland und die Deutschen sollen von der Landkarte verschwinden, die "jüdisch-bolschewistische Weltverschwörung", von der der Führer immer sprach, und niemand wollte ihm glauben, und nun hört es aus dem Munde eines "Juden": die gibt es wirklich!

Knapps NS-restaurative Politik besteht praktisch darin, daß er der Restauration des Nazismus als demokratisches, linkes, sozialistisches, westliches, jüdisches, freimaurerisches (auf die Anführungszeichen verzichte ich mal) Alibi dient.

Was so einer sagt, ja das kann eben gar nicht nazistisch sein...

Darum ist, was er sagt, im großen und ganzen völlig belanglos, bezüglich seiner Inhalte buchstäblich fauler Zauber, nimmt man's als gerade, direkte politische oder ideologische Botschaft; bedeutsam aber und aufschlußreich wird es in seiner objektiven Funktion, schließlich in der dialektischen Vernutzung.

Er beliefert die Nazis mit "Argumenten", indem er sich einfach mit deren Propaganda, gleichsam seitenverkehrt, identifiziert.

Die Frage, ob Knapp auf eigene Rechnung und Kappe arbeite oder für wen auch immer, ist damit noch nicht beantwortet.

Mir ist immer wieder aufgefallen, daß seine Voraussagen regelmäßig nur dann stimmen, wenn eine bestimmte Parteipolitik Erfolg hatte, woraus man schließen könnte, seine Voraussagen sind nichts weiter als ausgeplauderte politische Pläne, die sich halt einmal verwirklichen lassen, ein andermal nicht.

Gegen die Annahme, bei Knapp handle es sich um einen politisierenden Privatmann, spricht seine Biographie, seine Ausbildung, sein beruflicher Werdegang.

Diese Biographie scheint mir allerdings auch gegen die Annahme zu sprechen, daß Knapp halt das vielleicht irgendwie verunglückte Kind einer politischen Umgebung, Partei, Gruppe sei.

Überhaupt bin ich sehr skeptisch, wenn mir hier nahegelegt wird, vor allem von ihm selbst nahegelegt wird, ihn für einen familien- und politumweltgeschädigten Unglücksraben zu halten.

Der Mann hat eine Traumkarriere vorzuweisen, die unter äußerst günstigen Sternen gelegen haben muß und von irdischen Konstellationen kräftig befördert wurde.

Erich Knapp wird erklärbar als Protegé.

Der Heppenheimer Rechtsadjunkt wähnte, ich hätte seinen Mandanten vom "radikalen Jugendführer" zum "Jungvolk-Führer" "befördert" (worin die "Beförderung" vom "Führer" zum "Führer" bestanden haben soll, wird dabei allerdings nicht klar, was soll's).

Er unterstellt, ich spräche zweimal von derselben Sache. Dem ist aber nicht so.

"Radikaler Jugendführer" war er nach dem Kriege bei einem rechten, antikommunistischen Jugendverband - "BDJ", soviel ich weiß.

"Jungvolk-Führer" bezog sich auf die Hitler-Zeit. Erich Knapp kann hierzu vielleicht noch ergänzende Anmerkungen machen.

Seine "Jungvolk"-Führerschaft bestreitet Knapp zwar (wenn auch verbal nicht völlig zweifelsfrei), ich komme darauf noch einmal zurück.

Aber daß er (der angeblich "rassisch" Verfolgte) beim "Jungvolk" war, das kann er ja nun nicht mehr bestreiten, das habe ich ihm abgetrickst mithilfe eines "Jungvolk"-Trommlers.

In unserm Zusammenhang ist nicht die Führerschaft, sondern die Mitgliedschaft von grundsätzlicher Bedeutung.

Sie bestätigt, wie ich meine, genauso wie die Tatsache, daß Knapp in der Nazizeit ein Gymnasium besuchen durfte, den Legendencharakter seines individuellen "rassisch" Verfolgtseins.

So hat ihn mein Hinweis auf den dazumal obligatorischen "Schülerbogen" auch gleich in Bewegung gebracht.

Stracks hat er sich rundum erkundigt, ob jemand was wisse, von diesen "Schülerbogen".

Aber das war wohl eine Reichssache, und Heppenheim gehörte natürlich nicht zum Reich, sondern war heimlicher Rheinbund, und da lief die Chose nämlich ganz und gar anders als bei den Blöden in Preußen.

Durchaus, ich kenne das wohl, ohne Spaß.

Mit etwas Courage war da allemal was möglich an täglichem, anonymem Querlegen.

Aber die Sache hat bei Knapp dennoch einen Haken: Die Volksschule. Die war, wie er schreibt, weitaus gefährlicher, politisch, als das Gymnasium. Aber die Volksschule verließ er frühestens im Jahre 1942. Damals hatte Heydrichs Wannsee-Konferenz bereits getagt. Spätestens jetzt wurde es lebensgefährlich.

Der Schülerbogen lag beim Rektor der Volksschule! Wenn der einem gefährdeten Schüler helfen wollte, mußte er den Bogen verschwinden lassen. Wenn er den Bogen verschwinden ließ, konnte der Schüler nicht fürs Gymnasium vorgeschlagen werden. Da genau ist der Haken!

Knapp kam aufs Gymnasium, also war sein Schülerbogen für ihn ohne Gefahr. Anders hätte der Leiter der Volksschule (in der es nach Knapp jedoch viel nazistischer als am Gymnasium zuging) den Eltern, falls die nicht von selbst darauf gekommen waren, stillschweigend zu verstehen geben müssen...

Weder Eltern noch Lehrer hatten diesbezüglich irgendwelche Bedenken. Bei Knapp lagen die Dinge nämlich ganz anders. Das Körnchen Wahrheit an der Sache, ich will Knapp dies glauben, war der Großvater. Da der aber niemals mit der Großmutter verheiratet war, gab's natürlich auch keinerlei Vermerk in den aktuellen Papieren, also auch nicht in dem Schülerbogen.

Knapp hätte demnach überhaupt keinen Grund, jetzt bei dem Stichwort "Schülerbogen" unruhig zu werden und sich in der Nachbarschaft "Bestätigungen" usw. einzuholen.

Die Wahrheit ist, und ich unterstelle Knapps Angaben in diesen Punkten als wahr, viel einfacher. Der jüdische "Erzeuger" der Mutter war ein ständiger Schatten über der Familie; intern beschworen, in der Nachbarschaft gemunkelt. Zweifellos eine Gefahr, die psychologisch zu einer großen Belastung wurde, verstärkt durch die Ängste, die dadurch entstehen mußten, daß die Familie nie wußte, ob nicht vielleicht Denunziationen die Aufmerksamkeit der Nazibehörden auf sie lenken könnten.

Und daraus, aus dieser Vielschichtigkeit einer tatsächlichen Gefährdung, die aber, sieht man nun genauer hin, nicht ohne weiteres faßbar ist, resultiert meines Erachtens die Ambivalenz in Knapps Urteil über den organisierten Faschismus.

Sieht man von den beruflichen Benachteiligungen des Vaters, die nicht verharmlost werden sollen, jetzt einmal ab, so bleibt der merkwürdige Umstand, daß die Knapps nicht von den eigentlichen, den damaligen Staats-Nazis verfolgt wurden - wohl aber sich verfolgt sahen von ihren in der Mehrzahl wohl katholischen Nachbarn, deren gefürchtete Denunziationen die Verfolgung durch den NS-Staat jederzeit auslösen konnten.

Von daher wird Knapps sonderbare Verkehrung der Begriffe irgendwie verständlich. Ob die Befürchtungen, was die eventuellen Denunziationen betrifft, objektiv begründet waren, ob es also wirklich diese letztendlich das Leben gefährdenden Denunzianten in Knapps Umgebung gab, ist hierbei eigentlich zweitrangig. Ich verstehe aber auch Knapps Nervosität, wenn man ihn genauer danach fragt und er nun mehr oder weniger hilflos auf den einen oder anderen Zettelvermerk verweist - ständig in der Angst, es könnte ihm nun auch noch diese Identität verloren gehen.

Tatsächlich geht es hier gar nicht um solche Fakten. Hierfür relevant ist die psychologische Situation in der Familie - der familiäre Innenraum. Der ist gültig.

Daß die Großmutter, jene also, die ihren, da wir dies als wahr unterstellen wollen, jüdischen Geliebten nicht heiraten durfte, selbst allerdings eine glühende Hitler-Anhängerin war, mit der ihr Schwiegersohn Philipp Knapp, Vater von Erich, ständig im Streite lag, trug sicherlich kaum zu einer Entwirrung bei.

Insofern also sind Knapps Beschreibungen, glaube ich, authentisch. Die geklaute Vaterschaftsakte will ich ihm erlassen. Ob er dieses freundliche Entgegenkommen verdient, ist eine andere Frage.

Jedenfalls hat es nun seine Logik, daß Knapp für die Nazis, die als neue faschistische Herrschaftsklasse sich etabliert hatten und das Auschwitz-Regime trugen, immer ein gutes Wort übrig hat; während er für die "Nazis, die ideologisch gar keine waren", kein Erbarmen kennt.

Knapp sah sich nicht von den Nazis verfolgt, sondern von den Katholiken in Heppenheim - als potentiellen Zutreibern in die Fänge der Nazis. Diese aber ließen die Familie, der Vater war 1933 entlassen, fortan in Ruhe.

Verfolgt wurde jetzt vor allem der Knabe Erich. Dies war die "Kinderhölle", die er damals erlebte, "Innenraum", gewißlich weniger das vielleicht eine oder andere Geschwätz unter Spielkameraden als die psychologischen Folgen.

Ein hoch sensibles, intelligentes Kind empfängt unter solchen Umständen die winzige, auch nur anspielende Bemerkung als tiefe, spät halbwegs vernarbende, vielleicht nie völlig heilende Verletzung.

Nicht von den Nazis - von der Mutter sah er sich verfolgt, von deren jüdischem Vater, von der Illegitimität ihrer Geburt, von der Spiegelung all dessen in seiner Heppenheimer Umgebung.

Da mochte es äußerlich durchaus angehn, in einem Geschäftshaushalt aufzuwachsen, eine gute Schule zu besuchen.

Ich glaube, daß diese kindheitliche Ursituation überhaupt erst richtig zutage trat, als alles längst vorbei war.

Ich meine nun einen gewissen Verlust des Realitätssinns zu erkennen, der sich unter harmonischen Bedingungen kaum zeigt, sich aber in kritischen Situationen katastrophal auswirken kann.

Just da tritt Knapp in die Politik. Zur Stützung seiner politischen Autorität dient ihm jetzt jener kindliche "Innenraum", der ihm die - knapplike - charakteristischen Streiche spielt - bis hin zu der faschistischen Vision einer "jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung", der in Wahrheit zugrunde liegt, worauf Knapp selber seinen Stand gefunden hat, nämlich ein objektiv nachzuweisendes NS-sowjetisches: Komplott.

Sein ehemaliger "Fähnleinführer" und heutiger Zahnarzt wollte den jungen Erich als "Nachwuchsführer" vorschlagen, kam, die Mutter betreffend, Katholengerede dazwischen, und so wurde nichts draus.

Das Familiensyndrom behinderte den Erich in seiner nationalsozialistischen Jugendkarriere, wußte "Fähnleinführer" Flath doch, was er an dem jungen Dachs hatte.

Ob Knapp nicht längst "Jungvolkführer" war, sich die beim "Bann" einzuholende "Nachwuchsführer"-Befürwortung nicht vielmehr aufs Verbleiben beim "Jungvolk" (übers 14. Lebensjahr hinaus) bezog und eine Beförderung in eine mittlere bis höhere Charge im Auge hatte ("Führernachwuchs" war für die Zeit nach dem "Endsieg" gefragt), wird Zahnarzt und "Fähnleinführer" Flath, der jedenfalls als der Entdecker der Knappschen "Führerpersönlichkeit" gelten darf, vielleicht noch präziser beantworten können.

Fragen wir aber auch nach möglichen Motiven der angeblich denunziatorischen Katholiken in Heppenheim.

Da ist dieser Nazibengel, der mit Scharfmacherei, Anschwärzerei und hitlerjugendlichem Großmaul den Katholiken Angst macht.

Jetzt geben sie's ihm, von dem sie was zu wissen meinen, wenigstens andeutungsweise zurück, damit er endlich seine Schandklappe hält.

Was er bei der "HJ" nicht mehr werden konnte, holt er nach dem Krieg im "BDJ" nach. Ein gerader Weg. Nun kann er die Gangart beschleunigen: die Mutter, einst Familiensyndrom, wird jetzt als Motivfigur ins politische Nachkriegsspiel gebracht. Nicht schlecht, keine Frage. Es funktioniert sogar noch, als Knapp längst sich mit den ehemaligen Obergurus seines "Fähnleinführers" - soll man sagen: wieder? - verbündet hat.

Denen wird er zur nicht weniger nützlichen Alibi-Figur. Knapps kindheits-traumatischer Antikatholizismus kommt ihnen nun ganz besonders zupaß.

Die "kulturrevolutionäre" Strategie der Nazis (jetzt also: der richtigen Nazis, nämlich Hitlers, Himmlers, Heydrichs, Griesmayrs, Schenkes...) war es: zuerst die Juden - dann die Katholiken.

Der Krieg gegen die Juden ließ sich mit dem Zweiten Weltkrieg verknüpfen. Der Krieg gegen die Katholische Kirche wurde im Zuge der Kriegsvorbereitungen im militärisch-territorialpolitischen Bereich bereits in den dreißiger Jahren (Konkordat) einstweilen zurückgestellt.

Die Kirche hatte sich zu wehren begonnen, und so drohte der "Kulturkampf" die militärischen Kriegspläne erheblich zu gefährden. Dabei handelte es sich jedoch lediglich um einen Aufschub.

Der "Kulturkrieg" gegen die Katholiken war, und das kann inzwischen in zahlreich veröffentlichten NS-internen Schriften, Tagebüchern, "Tischgesprächen" usw. nachgelesen werden, für die Zeit nach dem "Endsieg" aufgespart und programmiert.

Und der authentische NS-Nachkriegsfaschismus in Deutschland hat just diesen "Kultur"-Krieg gleich nach 1945 wieder angefacht, organisatorisch z.T. auch anknüpfend an den besonders von der "Hitler-Jugend" Anfang der dreißiger Jahre angeheizten "Kulturkampf".

Man braucht, ohne nun abermals Gespenster sehen zu wollen, nur den antiklerikalen Spuren in den bundesdeutschen Parteien von Anfang an nachzugehen.

Vor den Gefahren des historisch längst überholten und überlebten Antiklerikalismus, einer dem Antisemitismus denkstrukturell durchaus verwandten Ideologie des Vereinfachens, ist nicht zuletzt aus den ideologiekritischen Überlegungen der Adorno-Schule heraus gewarnt worden.

Der Antiklerikalismus als Orientierungs-Zentrat ist in der Tat geeignet, eine neue, etwas anders als bis 1945 strukturierte, faschistische Sammlung zu organisieren.

Es liegt auf der Hand, daß auf diesem Felde auch ursprünglich antagonistische politische Kräfte zueinanderfinden können.

Die Parteiengeschichte der Bundesrepublik ist mitsamt ihrer medienpolitischen Begleitung geradezu beispielhaft für eben diese Entwicklung.

Die NS-restaurative Strömung verlief gleichsam unter der gesamtpolitischen Decke bundesdeutscher Selbstdarstellung und trat erst spät verstärkt an die Oberfläche.

Die Verlagerung der ideologischen Auseinandersetzungen von der West-Ost-Beziehung auf einen inneren Nord-Süd-Konflikt scheint mir dafür eher symptomatisch zu sein als das Sammelsurium ausdrücklich neofaschistischer Gruppen.

Diese ideologische Umschichtung auf breiter Basis stellt die eigentliche Wende in den Grundzügen der deutschen Nachkriegspolitik dar.

Mit der Massierung dieser Tendenzen wird es denn auch nötig, die Situation diesbezüglich neu zu überdenken - um zu verhindern, daß historisch notwendige, rational begründbare Kritik einmal von einer tendenziösen Politik dermaßen überdeckt wird, daß sie sich kaum noch autonom artikulieren kann, zum andern eine um sie entstandene Öffentlichkeit plakativ die Politik der Rechten verziert.

Das gilt für eine kritische Linke ebenso wie für den aus der Enttäuschung und Empörung über die vatikanischen Unterlassungen angesichts des Völkermords an den Juden entstandenen Ansatz zu einer radikalen Auseinandersetzung mit Christentum und Katholizismus.

Pinchas Lapide hat gerade erst in jüngster Zeit das Christentum als eine Art göttlich bewirkte Voraussetzung für die Ausbreitung des Geistes der Torah bezeichnet.

Die radikale Kritik an der Katholischen Kirche ist längst einer differenzierteren Betrachtung der Kirchengeschichte gewichen.

Auch in der politischen Literatur verdeutlicht sich eine differenziertere kritische Aufarbeitung nachkriegsdeutscher Politik und ihrer unterschwelligen Motivlage. Anlässe gibt es genug.

Leider sind wir nach wie vor hauptsächlich auf deutsche Übersetzungen aus den Werken europäischer oder amerikanischer Autoren angewiesen.

Leider - weil man ja trotz allem nicht von vornherein ausschließen möchte, daß auch in diesem Lande da oder dort die politische Vernunft sich regen und zu einer korrekten wissenschaftlichen Arbeit auf dem Gebiet der jüngsten und nun auch der allerjüngsten deutschen Geschichte anregen könnte.

Nehmen wir den Reichstagsbrand und seine prozessuale Geschichte als ein Beispiel. Edouard Calic schreibt dazu:

Als das Hamburger Nachrichtenmagazin Der Spiegel Ende 1959/Anfang 1960 die sogenannte Alleintäterschaftsthese veröffentlichte, setzte eine erregte wissenschaftliche Diskussion ein, die bis heute andauert.
Einer der ersten Historiker, die sich die These von der alleinigen Täterschaft van der Lubbes zu eigen machten, war Hans Mommsen.
Mit überwiegend apriorischen Behauptungen anstelle von Sachargumenten veröffentlichte Mommsen 1964 eine Studie, in welcher er nachzuweisen versuchte, daß die Nazis an der Reichstagsbrandstiftung keine Schuld treffe, da sie allein daran interessiert gewesen seien, ihre Wahlen in Ruhe durchzuführen.
Diese These stieß schon damals und stößt auch heute noch in der Bundesrepublik Deutschland auf ein positives Echo, vor allem bei jenen, die es nicht wahrhaben wollen, daß die Nazis neben vielen anderen Verbrechen auch den ungeheuren Volksbetrug Reichstagsbrand begingen.
Wer Hitler also moralisch und finanziell unterstützte, möchte heute um jeden Preis nachweisen, daß das Dritte Reich in einer Sternstunde geboren wurde, daß erst die Hetze des Auslands die legale Hitler-Regierung veranlaßte, Notwehrmaßnahmen zu ergreifen.
Viele wollten 1933 und wollen auch heute noch immer nichts von geplanten Provokationen und Manipulationen wissen, die im Nazireich als Voraussetzung für das geplante Verbrechen von nie dagewesener Dimension praktiziert wurden.
Was bewirken die Repräsentanten solcher Theorien, wenn sie nachzuweisen versuchen, daß der Reichstagsbrand kein inszenierter Anlaß für den Staatsstreich vom 27./28.2.1933 und die Einführung der Diktatur war?
Nach ihrer Interpretation soll es denn also der Zufall gewesen sein, der dem Führer der NSDAP den holländischen Anarchisten in die Arme trieb, der sich plötzlich entschlossen hatte, den Reichstag in Brand zu stecken.
Ein Zufall auch, daß Dimitroff kurze Zeit später verhaftet wurde. Eine neue Herostratos-Legende war geboren!
Die kriminalistische Absicherung seiner NS-Unschuldsthese machte sich der Historiker sehr einfach:
1. Mommsen, weder Chemiker noch Thermodynamiker, erklärte, van der Lubbe habe nicht mehr als zwei Minuten gebraucht, um den gewaltigen Plenarsaal von 11.000 Kubikmetern Rauminhalt in ein Flammenmeer zu verwandeln.
2. Ohne die Örtlichkeiten in Augenschein genommen und die Baupläne des Reichstages und des Reichstagspräsidentenpalais eingesehen zu haben, behauptete Mommsen, die Brandstifter hätten überhaupt nicht aus Görings Palais kommen können, da der unterirdische Kanal bei der Tag und Nacht besetzten Loge der Nachtpförtner gemündet habe.
3. Im übrigen hätten die Nazis ein solches Verbrechen gar nicht begehen wollen, da für sie der Reichstag ein Palladium gewesen sei.
Hätte der Historiker Mommsen einen genaueren Blick in Mein Kampf getan, hätte er nachlesen können, daß der verhinderte Architekt Adolf Hitler das Reichstagsgebäude allein schon wegen seiner Gipswände verächtlich gemacht hatte.
4. Der Historiker erklärte die Stellungnahmen aller bisherigen Reichstagsbrand-Gutachter kurzerhand als unzutreffend, machte statt dessen die ehemaligen Kriminalkommissare und späteren Mitarbeiter Heydrichs zu seinen Kronzeugen, ungerührt von der dokumentarisch belegten Tatsache, daß ihre Nachkriegsbekundungen zu ihren gerichtlichen Aussagen von 1933 in diametralem Gegensatz stehen.
Mommsen vertritt auch heute noch die These, wonach die gesellschaftlichen Strukturen des Dritten Reiches dessen Geschichte bestimmt hätten und sich die NS-Führer in einem immerwährenden unerbittlichen Kampf gegeneinander befunden haben sollen.
Der NS-Staat also eher ein Produkt gesellschaftlicher Bedingtheiten und Kräfte sowie unglücklicher Zufälle als ein durch planvolles Vorgehen konsequent verbrecherisches Regime?
Die sogenannte Alleintäterschaftsthese oder NS-Unschuldsthese für den Reichstagsbrand mußte unbedingt - vor allem auch aufgrund ihrer spekulativen Unwissenschaftlichkeit - interdisziplinär überprüft werden.
Es war die Internationale Reichstagsbrand-Kommission des Internationalen Komitees Luxemburg, 1969 in Luxemburg gegründet und seitdem von dem Schweizer Historiker Walther Hofer angeführt, die die "reinwäscherische Version" von der Reichstagsbrandstiftung unter die wissenschaftliche Lupe nahm.
Im Laufe der letzten Jahre veröffentlichte die Internationale Reichstagsbrand-Kommission drei wissenschaftliche Bände: Dokumentationsband I (1972), Dokumentationsband II (1978) und einen Forschungsbericht (1978).
Der erste Band stellt die Entstehung und Ausbreitung des Feuers dar, der zweite enthält die historische und kriminologische Lösung. Der Forschungsbericht erschien unter dem Titel Der Reichstagsbrand, die Provokation des 20.Jahrhunderts.
Alle drei Bücher haben die Misere der einschlägigen Institutsforschung in der Bundesrepublik Deutschland aufgedeckt.
Das Institut für Zeitgeschichte tritt, ohne zu diesem Thema unumstößliche wissenschaftliche Arbeiten vorgelegt zu haben, unerschütterlich für die Mommsensche Unschuldsthese ein und hält sich damit an die Version, die wesentlich auf den Nachkriegsaussagen der schwer kompromittierten NS-Kriminalisten fußt.
Der Direktor dieses Instituts, Professor Martin Broszat, versicherte, Mommsen habe mit seiner Studie über den Reichstagsbrand ein wohl nicht mehr widerlegbares Faktum rekonstruiert.
Was der Historiker damit sagen will, folgt deutlich aus seiner Stellungnahme, die er in der Sonderdokumentation Adolf Hitler des Hamburger Jahr-Verlages abdrucken ließ.
Die Herausgeber dieser Folge-Broschüren haben es sich nach eigenen Angaben zum Ziel gesetzt, das Dritte Reich objektiv darzustellen; das aber läuft im Endeffekt auf eine Neuschreibung hinaus.
Broszats Beitrag in diesem Heft, unter dem Titel Imposanter Erfolg veröffentlicht, zielt offenbar darauf ab, das an der Klärung der Ereignisse des Hitler-Regimes interessierte Publikum davon zu überzeugen, daß Hitler eigentlich mit der Zustimmung des deutschen Volkes zum Diktator wurde.
Im Vorspann zu diesem Artikel wird der Leser darüber aufgeklärt, daß "die Wahlen vom 5. März 1933 gewöhnlich stark abgewertet werden als eine Art bestelltes Plebiszit, als diktatorische Machtbestätigung".
Für Broszat zählen die Folgen des Reichstagsbrandes nicht, die die damaligen Machthaber aus diesem von ihnen inszenierten Ereignis herausholten.
Für den Historiker Broszat sind weder Terror noch der Betrug am Volke entscheidend; er betont dagegen, daß es die katholischen Wähler gewesen seien, die die Wahl zugunsten Adolf Hitlers entschieden hätten.
Der "wohlwollende Respekt seitens der katholischen Kirche" hätte die Wähler der NSDAP in die Arme getrieben; der Zustrom der Anhänger sei "in besonderem Maße aus katholischen agrarischen Randgebieten" geflossen.
Der Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München wählte hier gegen alle bestehenden historischen Fakten einen neuen Sündenbock, weil er wohl - wie offenbar auch Mommsen - damit auf eine Unterstützung seiner Theorien durch die Sozialdemokraten spekulierte.
Die Analyse der Wahlen vom 5. März 1933 aber zeigt klar, daß der Professor einen kapitalen Irrtum beging, hatten doch die Katholiken ihren Stimmanteil gegen Hitler nicht nur bewahrt, sondern ihn gebietsweise sogar noch vergrößern können.
Fest steht, daß die sogenannten vier Millionen "Abstinenzler" gerade wegen des Reichstagsbrandereignisses und um der versprochenen Ordnung willen zu den Urnen geeilt waren.
Viele linke Wähler waren indessen zu Hause geblieben, um dem das Land terrorisierenden Machthaber beweisen zu können, daß sie ihre Stimme nicht einmal den Marxisten hatten geben wollen.
Gegen die wenig überzeugenden Theorien Mommsens und Broszats steht das beweiskräftige Forschungsergebnis des Teams, das unter der Leitung von Professor Walther Hofer erarbeitet wurde.
Hofer erklärte anläßlich der Ausgabe des zweiten Dokumentationsbandes: "Das Rätsel des Reichstagsbrandes ist definitiv gelöst!"
Ernstzunehmende deutsche und ausländische Zeitungen haben das längst fällige Forschungsergebnis als einen großen wissenschaftlichen Erfolg gewürdigt, als eine Arbeit, die nicht nur den Kriminalfall zu lösen vermochte, sondern gleichzeitig aufzeigen konnte, wie mancher Historiker auch heute noch im Gleichklang mit der Gestapothese von der Unschuld der Nazis am Reichstagsbrand von sich reden macht.
Es ist allgemein bekannt, daß Heydrich ein fanatischer Gegner aller Religionen, im besonderen aber der Katholischen Kirche war.
Im Anfangsstadium des Dritten Reiches mußte Hitler natürlich noch behutsam mit den Kirchen umgehen; dabei bediente er sich vor allem des Zentrumpolitikers Franz von Papen.
In der Zeit des Reichstagsbrandes wirkte Heydrich vorläufig nur hinter den Berliner Kulissen, wobei er seine Agenten in der Flüsterpropaganda trainierte.
Sie sollten allenthalben verbreiten, es sei das internationale Judentum, das die Nationalsozialisten der Reichstagsbrandstiftung bezichtigte.
Stets nach Hitlers Direktiven handelnd, glaubte Heydrich nun, die Gelegenheit gefunden zu haben, um endlich eine größere Aktion gegen die Juden zu unternehmen.
In der jetzt einsetzenden antijüdischen Kampagne, von Heydrich und Goebbels gesteuert, galten vor allem die Worte des Führers... (118 ff.)

Auszug aus: Edouard Calic, Reinhard Heydrich, Schlüsselfigur des Dritten Reiches. Originalausgabe: Opera Mundi, Paris 1982. Deutsche Ausgabe: 1982 Droste Verlag GmbH, Düsseldorf.

Erich Knapp hat gute Gründe, sich wieder einmal in der Rolle des Verfolgten zu erkennen.

Verfolgt nicht von den Nazis, nicht vom Staate - wohl aber von denen, die seine politische Rolle durchschauen.

Er spielt den Nazis den "nützlichen Juden".

In dem aufgezeigten "Kultur"-Krieg des authentischen Nachkriegsfaschismus in Deutschland steht Knapp - wieder? - also doch: auf der Seite der Verfolger.

Die abermaligen Anläufe seines Bewußtseinskarussells erzeugen die einfachste Formel, die er jemals finden konnte:

Was Knapp macht, denkt und plant, ist halt echt selbstbestimmungsdemokratisch und dergleichen...

Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn und ein: "Volksnazi! endemischer!...". Oder einfach ein CIA-Agent.

Daß Knapp es wagt, sich in einem Atemzug mit Jean Améry zu nennen, der in Auschwitz geschunden wurde, während Erich die Schulbank für Privilegierte drückte und seine erste jugendpolitische Förderung erfuhr - wenigstens für den schlechten Geschmack könnte er sich schämen.

Seine dunklen Andeutungen, er selber, Knapp, habe etwas mit einem geheimen Freimaurerorden irgendwo um die Priorei von Zion zu tun, was ja in mancherlei Hinsicht eine äußerst makabre Geschichte ist, erinnern nicht zufällig an den bemerkenswerten Spruch in der Johannesoffenbarung (3,9): "Siehe, ich werde geben aus des Satanas Schule, die da sagen, sie seien Juden, und sie sind's nicht, sondern lügen..."

"Das Nazireich endete in einem Holocaust" - das zu schreiben, bleibt halt einem Erich Knapp vorbehalten (s.S.58).

Seine "Politik der Rettung" ist der Vorstellungswelt des Faschismus so nah, daß man nur deshalb nicht aufschreckt, weil das Pflänzchen in Knapps Gartenkolonie gewachsen ist.

Züge der Selbsterrettung freilich sind allemal zu erkennen, wo Erich Knapp sich politisch produziert (und reproduziert).

Die subjektiven Bedingungen für eine "Politik des Transzendierens" - imgrunde der Selbstzerstörung als eines Heilsprogramms - sind bei ihm gegeben.

Dennoch versteckt sich unter dem ganzen - dürfen wir sagen: zweck-irrationalen? - Durcheinander eine als politische Strategie zu definierende, ziemlich streng rationale Linie: besonders im außenpolitischen Bereich.

Knapps Aufwerte-Arbeit am Nations-Begriff, sein Unternehmen, eine allein schon sprachlich auf Herkömmliches weisende Angelegenheit mit Zukunft aufzuladen, ist, verknüpft mit propagandistischem Zirkus, eine lächerlich rührende querelle d'Allemand - freilich eine mit Methode.

Mit ihr wird etwas Wichtiges vertuscht - nämlich daß der neue Nationalismus seine Politik geändert hat.

Seine neue Strategie offenbart sich in der Lösung aus dem westlichen Bündnis, der Abkopplung von den USA, dem Austritt aus der NATO, der Anerkennung der DDR - nicht aber in der juristisch, völkerrechtlich, historisch korrekten, legitimen, in keinem Vertrag bestrittenen, nur mit einer friedensvertraglichen Regelung im gesamteuropäischen Rahmen zu lösenden "deutschen Frage".

Während jede demokratische Nachkriegspolitik es als für eben die innere Demokratie existentiell notwendig erachtet, mit der prinzipiellen Offenhaltung dieser "Frage" - angesichts der sonst drohenden Alternative, die in Europa offenkundig ist - die Westmächte an die Bundesrepublik samt Westberlin zu binden, verspricht sich der neue, ich sage: NS-restaurative, Nationalismus im Rahmen einer neuen - ostorientierten - Friedenspolitik eine dann territorial stark reduzierte (Verzicht auf Wiedervereinigung, weitere Teilung der Bundesrepublik), aber international abgesicherte, volle staatliche Souveränität.

Diese Politik einer scheinbaren Befreiung aus den Zwängen machtkonstellativer Nachwirkungen der deutschen Geschichte ist allerdings in Wahrheit eine Politik der Auslieferung: der innen- und außenpolitischen Übergabe der politisch entmündigten und ihrer demokratischen Rechte beraubten Bevölkerungen in den meisten europäischen Ländern an antidemokratische, diktatorische, totalitäre Kräfte zwar unterschiedlicher, aber einander ergänzender Couleurs.

Es ist auch in der Tat nirgendwo ein demokratisches, "nationales", humanes Interesse an einer solchen Entwicklung zu erkennen.

Minoritäre Feinde der Demokratie haben untereinander die Neuaufteilung Europas ausgehandelt.

Ich hoffe, daß sie noch rechtzeitig entdecken werden: die Rechnung ist ohne den Wirt gemacht.

Knapp spielt nicht nur die Rolle des Provokateurs (als "Jude"), er ist zugleich der Imagepfleger der NS-Restauration, indem er ihr die "demokratischen", "sozialistischen", "emanzipativen", "revolutionären" usw. Argumente liefert.

Seine Funktion ist es in der Tat, den Nazis exemplarisch den "jüdischen" usw. "Feind der Deutschen" darzustellen, zugleich aber sich als ihr Freund zu erweisen, als ihr Schutzengel, Advokat...

Seine dritte Rolle ist es nämlich, eventuelle Aufklärungsversuche über dieses Komplott propagandistisch zu unterlaufen.

So geriet er uns schließlich ins kuckucksnest, um die hier praktizierte (wie bescheiden auch immer praktizierte) Aufklärungsarbeit über ein im toten Winkel öffentlicher Aufmerksamkeit vor sich gehendes Polit-Schach zu behindern.

Knapp fiel dieser kuckucksarbeit gezielt in den Arm. Mit der Methode, die Redaktion mit einer Überfülle von Material mehr oder weniger lahmzulegen, die redaktionelle Zielsetzung, die er jedenfalls vermutet, praktisch zu ersäufen.

Aber das geschieht mir nicht zum erstenmal. Peter van Spall hatte mich auf ähnliche Weise zu manipulieren versucht. Auch er war ein schwebender Mitarbeiter des Nachrichtenhändlers Ryschkowsky.

Knapps Rechtsberater schrieb in seiner Klageandrohung vom 1.11.84:

Sie wissen, daß nichts, aber auch gar nichts, aus dem Briefwechsel mit Herrn Knapp und aus seinen Veröffentlichungen Ihnen Anlaß geben könnte, die vorstehend wiedergegebenen Unterstellungen zu rechtfertigen... Die Wahrheit ist Ihnen bestens bekannt... Ihre Behauptungen sind schlichtweg grob unwahr und wider besseres Wissen aufgestellt worden.

Hieraus darf ich folgern, daß dieser dreiste Briefschreiber weder Knapps Veröffentlichungen noch gar seinen mit mir geführten Schriftwechsel gelesen hat. Das kann er jetzt nachholen.

Die Veröffentlichung aus Knapps Briefen in diesem Heft geschieht in öffentlichem Interesse. Unter den gegebenen Umständen sehe ich mich an keinerlei Zusage, den - sogenannten "privaten" - Briefwechsel vertraulich zu behandeln, mehr gebunden. Die Priorität liegt jetzt anderswo.

Ist Knapp ein Einzelgänger - oder ist das "Einzelgängerische" an ihm die besondere Befähigung für Spezialaufgaben?

Zur Mickymaus paßt, daß er es war (und einer Knappschen Empfehlung folgend, behaupte ich das einfach mal, ohne es beweisen zu können), der als den Bundespräsidenten Lübke auf dessen Weltreisen begleitender Pressesprecher die, wer erinnert sich, Osaka/Okasa-Story erfand und über die Fernschreiber quirlte.

Ein Hesse und Provinzfalschspieler mogelt sich durch die Nachkriegsgeschichte und am Ende aus ihr heraus. "Ihre Linie, Herr Lafontaine!". Auch Schmidts Pose hatte es ihm einmal angetan.

Die Karriere eines Protegés. Bis zum Kollaps in Kairo. Austritt aus der SPD.

Knapp wird, wieder paßt zeitlich alles wie geplant zusammen, ein Gründer der Grünen.

Oder war das ein Parteiauftrag aus der "Baracke"?

Guillaume, Brandt, Ahlers.

Hat die Sicherungsgruppe Bonn der SPD einen bestimmten Namen? Ist auch die Flick-Affäre eine Geschichte von Einzelgängern?

Eine mulmige Szene voller Berufs-Chamäleons, interner Quislinge, Knapputschisten, und keiner krümmt dem andern ein Haar, eine Hand wäscht die andre, die linke die rechte, die rechte die linke.

Protektionskinder und Politkriminelle, wo die Politik umprogrammiert, wo die Demokratie unterspült, wo die Wahrheit vergewaltigt werden soll.

Bisweilen jedoch scheint selbst einem Spiegel das Maß bald voll zu sein. Seine jüngere Berichterstattung über die Serienmorde an katholischen Priestern, nicht nur in Polen, sondern auch in der Sowjetunion und anderen Ostblockländern, holt endlich eine bis zur Aufdeckung des Geheimdienstmordes an Popieluszko hierzulande vermiedene Unterrichtung über das wahre Ausmaß der Verbrechen pressepflichtgemäß nach.

Knapps administrativer Einsatz in der Welt der Nachrichten, der politischen Propaganda, der Information und der Desinformation - ob beim Reichsbanner oder als "privater" Korrespondent, als Zensor, Nachrichtenmanipulator und -schieber im Bundespresseamt, als Informationsmanager beim Britischen Generalkonsulat, als Pressesprecher - Spitzentechnik, Elektronik - der IBM Deutschland oder als Stofflieferant für die Deutsche Nationalzeitung, Presse- und Kulturattaché der Bundesrepublik Deutschland an polit-strategisch heiklen bis heißen Punkten auf verschiedenen Kontinenten, oder als Dirigent in liberaldemokratischen Redaktionen und Studentenorganisationen, ob schließlich als offizieller Informations-Schleusenwärter zwischen Grünen und Grünen oder als "freier Publizist": nichts davon spricht für einen Privatmann mit hohen menschlichen und politischen Idealen, der sich eines Tages in einem Gestrüpp hinterhältiger Intrigen verfing.

Alle Anzeichen sprechen hingegen für einen Erich Knapp als den besessenen politischen Intriganten, der sich uns auch im kuckuck vorgestellt hat.

Und von wem immer er sich wechselnd distanziert, nachdem eine bündnispolitische Phase wieder einmal abgeschlossen ist - von den uns hier interessierenden Kreisen, nämlich seinen Freunden aus der Nähe des "Rasse- und Siedlungshauptamtes" der SS, hat er sich bis heute weder distanziert, noch wäre es ihm auch nur im Traume eingefallen, diese politischen Beziehungen endlich einmal offenzulegen.

Die Verbindungen bestehen über Personen, die nachrichtendienstlich, pressepolitisch und ausdrücklich auch sicherheitsdienstlich - Abwehr, CIC, DNB, SD, SSD bzw. Geheimdienst der Nationalen Volksarmee der DDR - gleichsam als Krähen tätig sind, die einander kein Auge aushacken, selbst wenn sie manchmal so tun, als täten sie's (Knapp contra LaRouche).

Wir möchten wissen, in welcher Form und durch welche Personen die über Werner Best vom SD-Hauptamt/Organisation in den fünfziger Jahren der FDP eingewirkten innerparteilich-geheimdienstlichen Strukturen später auch auf die SPD übertragen wurden.

Außerdem interessiert uns der personelle und organisatorische Verbindungsstrick (nämlich ein Bündel von Fäden) zwischen dem ehemaligen "Rasse- und Siedlungshauptamt" der SS und der deutschen Friedens-Frauen-Ökosiedlungs-Bewegung.

Als Vermittlungsglieder können die im kuckuck bereits registrierten bzw. abgemahnten NS-Führungssippen (bevorzugt tätig im Medien- und "Kultur"-Bereich) sowie (auch via "Reformbewegung") der Gesamtkomplex der nazistischen "Elite"-Schulen ("Nationalpolitische Erziehungsanstalten", "Ordensburgen", "NS-Frauen-Schulen", "Adolf-Hitler-Schulen"), Stichwort: NS-Pädagogik, gern herangezogen werden.

Es geht um die Lösung eines einfachen Problems: daß der NS-Nachwuchs auf höherer und höchster Ebene jene Generation darstellt, die - samt ihrem keineswegs geringen weiteren Nachwuchs - heute das politische und kulturelle Leben der Bundesrepublik (wenn nicht längst auch der DDR und Österreichs!) als mindestens tonangebende "neue" Klasse beherrscht.

Die Trägerschichten der Nau-Nau-Politik haben wie diese in Knapp einen Verbündeten gefunden, falls er ihnen nicht ohnehin zuzurechnen ist. Der einstige Kämpfer gegen die Naumann-Clique hat mindestens die Seiten gewechselt. Daß der Name Naumann seit Jahren beim Spiegel erscheint und neuerdings bei Bertelsmann die linken Sozialdemokraten verdrängt, scheint mir nicht nur auch ein Stück Sippen(?!)politik zu sein; es zeigt vor allem, was die sozialdemokratischen Bündnis-Phantasten von ihren rechten Kumpanen zu erwarten haben, wenn's erst mal wieder so weit ist.

Auch in der systematischen Zerstörung demokratischer Abwehrkräfte, wie sie etwa im Reichsbanner organisiert waren, hat sich Erich Knapp einen Namen gemacht.

Das ursprüngliche Reichsbanner war nicht nur ein Blatt, sondern vor allem ein interner, im großen und ganzen mit der SPD sich identifizierender Sicherheitsverein und Kampfbund.

Es verstand sich vornehmlich als ein Verband zur Verteidigung der verfassungsmäßigen Demokratie.

Doch sobald Erich Knapp auftauchte, wurde alles, was nach Demokratie aussah, entweder zerstört oder in sein Gegenteil verkehrt.

Das schafft der Mann nicht aus eigener Kraft.

Seine Zerstörungsarbeit am Reichsbanner ist bezeugt und wird auch von ihm nicht bestritten. Mich bewegt jetzt aber die Frage, ob das nunmehr kaputte Reichsbanner durch einen neuen, anderen, anders gerichteten, geheimen Sicherheitsdienst ersetzt worden ist und welche Rolle ggf. Erich Knapp dabei gespielt hat und weiterhin spielt.

Knapp arbeitete für das Reichsbanner als Sonderbeauftragter des SPD-Bundesvorstandes; es liegt also nahe, die Zerstörung des Reichsbanner als erledigten Parteiauftrag abzuheften.

Ich habe wiederholt angedeutet, daß ich bezüglich seiner Entlassung aus dem diplomatischen Dienst bzw. der dafür angegebenen Gründe gewisse Zweifel hege.

Die parteipolitische Umstrukturierung der Bundesrepublik seit dem vergangenen Jahrzehnt läßt Rückschlüsse zu, die den operativen Charakter der Grünen-Partei samt alternativer Basis als taktisches Moment einer neuprogrammierten SPD-Strategie, die Grünen als Rangierlokomotive der SPD zu ihrer eigenen Verschiebung auf ein anderes politisches Gleis erscheinen lassen.

Soll eine so große und schwierige Partei wie die SPD außenpolitisch um 180 Grad gedreht werden, sind Prügel nötig.

Ich stelle mir vor, Erich Knapp erhält den Befehl, aus allen Diensten und aus der Partei rauszugehen, um einen kräftigen Knüppel zu schnitzen. Sprach Glotz nicht einmal von einem Tanker? Und die Grünen als parteieigener Bugsierer.

Knapp war unter den ersten, die das Ding zu Wasser ließen und die Taue spannten. Genug.

Wir kommen erst weiter, wenn wir nach den Kräften fragen, die die Umorientierung mit solcher Vehemenz betrieben haben, daß sie heute bereits auf die Grünen verzichten können.

Knapp hatte allerdings schon in den sechziger Jahren innendienstlich fleißig Vorarbeit geleistet.

Seine bewundernswerte Aktivität gegen die ehemaligen Nazigrößen in Brandts Außenamt war primär, das konnte man bald unschwer erkennen, gar nicht so gegen die Nazis als Nazis gerichtet, als vielmehr gegen sie, sofern sie der Neuen Ostpolitik möglicherweise im Wege standen.

Es diente zudem der Profilierung eines Hechts im Karpfenteich und der Beseitigung von lästigen Karrierehindernissen.

Aber hier will ich nicht zu weit gehen; denn vieles von dem, was Knapp damals tat oder schrieb, hat den Touch des Autoritativen. Ich verkenne das nicht. Er schwamm noch im Wohlwollen einer allgemeinen Anerkennung.

Parteiauftrag oder nicht: Knapp scheint später mehr und mehr isoliert. So oder so mußte die Rolle durchgehalten, das Spiel zuende gespielt werden.

Die ganze Grün-Ausscherung war jedenfalls für die Realpolitiker, von denen Knapp einer ist, keine Flucht, sondern ein, so betrachtet, durchaus auch spannender Akt, der von Anbeginn die Sozialdemokratische Partei im Auge hatte.

Hier freilich wird es nun kritisch, da es nicht allein um eine außenpolitische Umorientierung zu tun sein konnte, sondern zugleich um die Disziplinierung derjenigen Kräfte ging, die die damit zwangsläufig verbundenen innenpolitischen Folgen und Gefahren für den demokratischen Bestand der Bundesrepublik niemals freiwillig mittragen würden.

Hier nun kommt es zu einem sonderbaren Zusammentreffen. Was Knapp seit seiner Jugend als innere Widersprüchlichkeit, als gleichsam Identität gewordene antagonistische Kooperation mit sich, eigentlich als sich herumschleppt, darf sich auf einmal als Rückspiegelung objektiver Umstände erleben.

Nikolaus J.Ryschkowsky, der sich im allgemeinen wie Knapp als Sozialist gibt, linker Sozialdemokrat, ist als Nachrichtenhändler auf den Sektoren Nonkonformismus-Links und Nonkonformismus-Rechts seit vielen Jahren den linken und rechten Auguren bekannt.

Als Mitglied der Zentralredaktion von Links Europa, einem "Organ der Internationalen Stiftung Links Europa, das in niederländischer, englischer & deutscher Sprache erscheint", ist er, scheint's, eng liiert mit westeuropäischen Linkssozialisten aus Holland, Belgien, England, nicht mit solchen in Frankreich, Italien, Spanien und anderen westeuropäischen Ländern, auch nicht mit skandinavischen Linkssozialisten.

Links Europa "ist das Nachfolgeorgan der Europäischen Sozialistischen Zeitung (ESZ) und der Quartalsschrift Links Europa-Links Interfact". Noch vor wenigen Jahren nannte das Blatt auch Le-Interfact und Europe de Gauche, die in ihm aufgegangen waren, wie überhaupt seit Anfang der achtziger Jahre eine geopolitische Reduzierung und ideologische Zentralisierung zu beobachten ist.

Der Rotterdamer Wim Albers, dazumal Präsident der Stiftung und Mitglied des Europäischen Parlaments, schrieb zur Jahreswende 1982 auf 83 in Links Europa/Interfact (82/6), daß das kommende Jahr ein glückliches werden könne, wenn es der Friedensbewegung in der Welt gelingt, die nukleare Waffeneskalation zu verhindern.

Aber für Soziale Demokraten ist Frieden nicht bedingungslos. Frieden steht in einem Zusammenhang mit den Menschenrechten und Lebensumständen in der ganzen Welt.

Wim Albers ist bereits seit über einem Jahr aus dem Impressum von Links Europa verschwunden.

Sieht man von der englischen Sektion, die ohnehin neben der friedenspolitischen eine starke, in der Tradition der Arbeiterbewegung sich verstehende sozialpolitische Komponente aufzeigt, einmal ab, so scheint es sich bei der Selbstreduzierung dieser Europäischen Sozialisten um alles andere eher als etwa um eine Europäisierung linker Sozialdemokraten zu handeln.

Man könnte vielmehr meinen, daß die einst europäischen Sozialisten unter dem zunehmenden Druck der westdeutschen sogenannten linken Sozialdemokraten mehr und mehr an den Rand gerieten, wo sie der deutschen Szene allenfalls noch als Wandschirm dienen.

Wie Ryschkowskys Nachrichtendienst u.a. arbeitet, zeigte sich an einem Beispiel in jüngster Zeit.

Ryschkowsky gab an LaRouches EIR-Dienst (Spuren und Motive) einen langen Hintergrundbericht über die nazistische Internationale (auch sogenannte Malmö-Internationale) weiter.

EIR druckte das offenbar unbesehen. Wir haben es in kuckuck 43/44/45 dokumentiert.

Jetzt sind darin freilich Fehler versteckt. Vor allem der Genoud-Bericht scheint mir systematisch in die Irre zu führen.

Knapp/Ryschkowsky werfen mittlerweile dem EIR-Dienst vor, die faschistische Internationale fälschlich auch "Malmö-Internationale" genannt zu haben, aber genau diese Motte war in dem Stoff von Ryschkowsky.

Ryschkowsky hat es mir inzwischen bestätigt.

LaRouche, ebenfalls dokumentiert in kuckuck 43/44/45 (S.65), schreibt es selbst:

Die Nazi-Internationale, manchmal auch fälschlich als die Malmö-Internationale bezeichnet, wurde in den 50er Jahren als offen arbeitende Organisation gegründet.

Knapp hatte das prompt überlesen, sagte dann später, oho, der LaRouche schreibt was Falsches. Jene "Falschinformation" stammte aber von Ryschkowsky. Und Knapp wußte das.

Ich weiß nicht, ob es eine "Malmö-Internationale" noch gibt oder nicht gibt. Wer kann so was wissen?

Wahrheit mit Lügen zusammengerührt, wenn's denn von dem Entdecker Knapp so genannt wird, kann die ganze Suppe verderben.

Konsequenz: von solchen Händlern keine Informationen mehr beziehen. Es sei denn, man durchleuchtet sie bei Gelegenheit auch.

Ryschkowskys Verlag der Studien von Zeitfragen gibt nicht nur die gleichnamigen Info-Blätter heraus, er macht auch Bücher. Mit einem seiner Autoren - dem Wirtschaftspublizisten, einstigen NS-"Volkstums"-Schriftsteller und SS-"Sonderführer" der, wie wir ergänzten, "Volksdeutschen Mittelstelle" beim "Rasse- und Siedlungshauptamt", Emil Hoffmann - hatten wir uns aus Anlaß eines beim Verlag erschienenen Werkes (Emil Hoffmann: Medienfreiheit? Anspruch und Wirklichkeit. Mit einem Vorwort von Sean MacBride) im kuckuck (45e-h) beschäftigt.

Die von Professor Dr. Arno Klönne in dem Verlag herausgebenen und redigierten Informations-Blätter Studien von Zeitfragen haben schon eine lange Geschichte hinter sich.

Klönne hatte zunächst nur eine beratende Funktion.

Ich möchte mit dem kuckuck dazu beitragen, daß hinsichtlich politischer Entwicklungen und Tendenzen gewisse Unklarheiten beseitigt werden.

Arno Klönne hat gerade in letzter Zeit sehr viel zur Aufklärung über historische Zusammenhänge und in sie verwickelte Personen beigetragen, dem kuckuck zudem, hier inzwischen dokumentiertes, sehr aufschlußreiches Material zur Verfügung gestellt.

Die hier geäußerten Vorwürfe, es werde eher verdunkelt als erhellt, treffen nicht Arno Klönne.

Das ist so selbstverständlich, daß ich es nur erwähne, weil Ryschkowsky eben auch mit ihm zusammenarbeitet, weil Klönne für die heutige Publikation Studien von Zeitfragen verantwortlich zeichnet und kuckucksleser auf den Gedanken kommen könnten, meine Kritik an Ryschkowsky und, grundsätzlich, auch an den Studien von Zeitfragen ziele immer auch zugleich auf deren jetzigen Redakteur.

Nein. Ich nehme Klönne hiervon ausdrücklich aus, ohne verhehlen zu wollen, daß mir einige von ihm vertretene Positionen nach wie vor Kopfschmerzen machen.

Ryschkowsky nimmt und gibt, er hat Zuträger und Verteiler.

Einer seiner einstigen (?) Mitarbeiter, Zuträger und Verteiler in einem, war (?) Peter van Spall.

Der war immer unterwegs, in Kneipen, Clubs, linken Gruppen, auf Demonstrationen; Teach-ins ohne van Spall waren keine.

Wie ein Hobby betrieb er das Sammeln von linken Zeitschriften, aus denen er abschrieb.

Das ging dann an Ryschkowskys Info-Dienst.

Peter van Spall war von Beruf Musiker, schrieb aber die meiste Zeit Artikel für mehr oder weniger linke Publikationen.

Van Spall machte aber noch etwas.

Er deckte arbeitende Redaktionen mit Text-Material ein, was für junge Leute, die was auf die Beine stellen wollten, ebenso reizvoll wie gefährlich war.

Sie hatten immer Stoff für ihre Blätter - und waren stets in Gefahr, Fehlinformationen aufzusitzen.

Ich glaubte, daß er nur weitergab, nicht, daß er Informationen bewußt manipulierte.

Ich hielt ihn für einfältig genug, seine eigene Arbeitsweise nicht hinreichend zu durchschauen.

Da mochte ich mich täuschen.

Vielleicht war er pfiffiger, als ich zunächst anzunehmen bereit war, obwohl mir durchaus auch etliche Zweifel kamen.

Da war der Fall mit der Studentenzeitschrift input.

Die hatten einen Artikel von mir (Herbert Marcuse und die antiautoritäre Phase; vgl. kuckuck 42a-d). Der Beitrag erschien in einer derartig verstümmelten Fassung, daß ich ihn nicht wiedererkannte.

Ich rief an, verlangte meine anderen Manuskripte zurück, und nun erlebte ich eine Überraschung: der gute Mann am Telefon sagte mir, meine Arbeiten lägen allesamt bei van Spall in Berlin, der auch den Marcuse-Aufsatz gekürzt habe, er habe sich als "Aufbereiter" für linke Texte angeboten, und die Redaktion sei über diese Arbeitsentlastung sehr froh gewesen.

Mithin schien er so etwas wie eine Kontrollfunktion zu haben.

Ein andermal erzählte mir van Spall eine kleine Horrorstory.

Im Laufe eines Telefonats fragte er mich, ob ich denn nicht Lust hätte...

Zu was.

Also, das Gesamtdeutsche Ministerium in Bonn lasse Leute für sich arbeiten, die auch mal in der DDR recherchieren u.ä., ob ich denn nicht, das wäre doch...

Hallo! spitze ich meine Ohren, warum denn nicht er selber...

Nee, sagt er, er hätte noch vom ersten Mal genug.

Vom "ersten Mal"?

Tja, er hatte nämlich schon mehrere Jahre in einem DDR-Gefängnis hinter sich.

Nanu, nanu.

Die Gründe für sein Pech wollte er mir immer mal unter vier Augen anvertrauen, aber daraus ist nie etwas geworden.

Ist das bloß ein komischer Kauz, der mir eine aufgeschnappte Geschichte erzählt, denke ich, oder hat er mir eine gesamtdeutsche Rutschbahn antesten wollen?

Ich schwankte ständig, ob ich ihn nun ernst nehmen müsse oder nicht. Wer ihn kennengelernt hat, wird das begreifen. Woher kannte ich ihn?

1968 arbeitete ich in der Nähe von Stuttgart bei einer Baufirma, schrieb eine kleine Reportage über die Zustände in einem Gastarbeiterwohnlager, die ich auch einer in Stuttgart erscheinenden Zeitschrift mit dem Namen aktion anbot.

Der Herausgeber machte mir schließlich den Vorschlag, eine Berliner Redaktion seines Blattes aufzumachen. Ich schlug ein.

In Berlin gab ich u.a. im Berliner Extra-Dienst eine kleine Anzeige auf, um auf dieses neue Vorhaben aufmerksam zu machen.

Erster Anruf: Peter van Spall.

Die Zusammenarbeit mit der Stuttgarter aktion währte nicht lange. Aber meine Miniwerbeaktion hatte einen kleinen Mitarbeiterkreis zusammengebracht. Wir machten einfach eine eigene Zeitung und nannten sie, nicht sehr originell, Neue aktion, kauften eine Maschine, druckten und verkauften das Blatt. Unsere Verkaufsaktionen vor dem Kranzler-Eck sind inzwischen legendär. Das reicht.

Ich möchte auf diese Erfahrungen nicht verzichten.

Van Spall gehörte nicht zu unserer Gruppe, er hatte halt überalI seine Augen und Ohren.

Irgendwann verbat sich der Mann weitere Zusendungen der Neuen aktion. Aber nichts für ungut. Er war's übrigens auch, der mir Schenkes Neue Politik zur Mitarbeit empfahl.

Die Neue Politik wurde im Extra-Dienst hin und wieder unter der Rubrik "links" zitiert oder erwähnt, was mich später, als ich diese Neue Politik längst als ein rechtsradikales Tarnblatt durchschaut und dies, nun freilich auch mit Unterstützung des Extra-Dienstes, öffentlich gemacht hatte, gleichwohl noch einmal nachdenklich machte.

Carl Guggomos, Martin Buchholz, Walter Barthel, die den ED verantworteten, mußten Schenke doch bereits gekannt haben. Warum ordneten sie das rechte Blatt des NS-Prominenten Schenke "links" ein?

Ohne meinen Einblick in die Gründe und Hintergründe der Neuen Politik könnte ich mir bis heute manche Merkwürdigkeiten in der bundesdeutschen und europäischen Allerjüngstgeschichte nicht erklären. Ich müßte Peter van Spall eigentlich dankbar sein für seinen Tip.

Zwei regelmäßig wiederkehrende Sprüche von ihm habe ich noch im Gedächtnis.

Kritik an seinen ungestrafften Zeitungsartikeln wies er zurück: "Ick muß schließlich meine Miete bezahlen." Irgendwie sympathisch und drollig liebenswert.

"Ein anständiger Deutscher hat einen ausländischen Paß." Er hatte einen holländischen, wie schon sein Name nahelegen konnte. Aber er war ein waschechter Berliner.

Jahre später brachte er zwei Bücher über den Neofaschismus heraus. Das war wichtig und mußte unterstützt werden (vgl. kuckuck 31/32). Dabei wurde ich freilich nach genauerer Lektüre das Gefühl nicht los: da wird eine eher gefürchtete als gewünschte Öffentlichkeit aufgefangen und gleich wieder in die Irre geführt. Der Teufel schlummert in den Winzigkeiten, man weiß, im Detail.

Hin- und herüberlegt, nein, denke ich, nicht Peter van Spall, der kennt die einzelnen Zutaten nicht, der rührt dann nur alles zu einer Suppe zusammen und teilt aus. Erstaunlich immer wieder der Aufwand, die Energien...

Daß sie, ohne viel dafür zu tun, diesen Eifer, diese Kräfte mobilisiert - gegen sich mobilisiert! - : Das macht die Wahrheit, die ganze, ungeteilte Wahrheit, zu einem wahren Mysterium. Müssen die eine Angst haben...

Wie ähnlich doch auch Ryschkowskys Knapp vom rechts-linken Komplott schrieb, nachdem er davon (im kuckuck) gelesen hatte - nur förderte er auf einmal ein ganz anderes "Komplott" zutage, und von dem, das es endlich zu erkennen galt, war dann nicht mehr die Rede.

So konnte mit demselben Vokabular über eine völlig andere und obendrein irrelevante Sache gesprochen und geschrieben werden. Das sah alles schon recht professionell aus.

Professionell auch, daß der Wolhynien-Deutsche Ryschkowsky sich als "Russe" oder "Ukrainer" verkaufen möchte; professionell, daß er die Geschichte seiner CIC-Mitarbeit als "Gerücht" verbreiten läßt. Jeder denkt, es werde schon was dran sein; wahrscheinlich ein russischer Emigrant.

Es erinnert mich an Schenke, der seine Abwehr-Legende erzählt, selbstverständlich unter dem Siegel der Verschwiegenheit, was ein Schmarren ist, weil so ein Mann niemals einem Menschen, den er gerade mal seit einigen Wochen kennt, von dem er außerdem weiß, daß er politisch auf der Gegenseite steht, solche Geheimnisse anvertrauen würde.

Solche "Geheimnisse" und "Vertraulichkeiten" binden den neuen "Geheimnisträger", machen ihn zum "Mitwisser", locken ihn, schöpft er Verdacht, auf eine falsche Fährte, die hinwiederum auch die richtige sein kann.

Solche Überlegungen hat ein geriebener Intelligenz-Dienst allemal vorausgedacht. Anders auch: Ein "linker" CIC-Mann (CIC ist/war der militärische Geheimdienst der USA), es könnte ein "Ehemaliger" aus der Kriegszeit sein, als die Amis noch mit den Russen in der Antihitlerkoalition zusammengingen.

Komisch, jetzt ist der zwischen Baum und Borke zurückgeblieben. Und arbeitet mit Gerhard Opitz (vgl.auch kuckuck 42e-h, S.114ff., und kuckuck 43/44/45, S.62), einem bekannten Vertreter aus der rechtsradikalen, neofaschistischen/altnazistischen Szene, redaktionell zusammen.

Gemeinsam machen sie bis 1972 die Studien von Zeitfragen. Ryschkowsky redigiert "links" (Materialien zum nonkonformistischen Sozialismus - Links), Opitz "rechts" (Analysen, Berichte, Informationen zum nationalen Nonkonformismus - Rechts).

Ich halte es mir zugute, daß Ryschkowsky die beiden Informationsdienste jedenfalls formal voneinander trennte.

Der rechte Redakteur, Gerhard Opitz, wird in Zukunft den rechtsgerichteten Informationsteil auch selbst herausgeben und ihn im Titel um die Vokabel Nationalpolitische Studien ergänzen.
Den linken Informationsteil wird, unter dem gleichen Titel, Ryschkowsky weiter edieren. Ryschkowsky verbunden bleiben wird für diesen Teil als Redakteur Dr. Arno Klönne, einerseits SPD-Mitglied, andererseits dem Offenbacher links-Kreis um das Sozialistische Büro eng verbunden" (Extra-Dienst 1/VI vom 5.1.72).

Meine erste Empörung über die Kooperation hatte ich freilich schon gut zwei Jahre vor meinem Schenke-Eklat gegenüber van Spall geäußert.

Ryschkowsky rief mich daraufhin an, um mir die Zusammenhänge lang und breit zu erklären, redaktionell seien da "Links" und "Rechts" strikt voneinander getrennt. Naja. Es brauchte erst einen größeren Krach, um es zu ändern.

Das rechtslinke Komplott hat tatsächlich einen seiner Ursprünge in der Nachrichtenwerkstatt von Nikolaus Ryschkowsky.

Als ich anno 1971 u.a. auch ihm meinen erst vier Jahre darauf in kuckuck 8 endlich abgedruckten Bericht über den Getarnten Nazismus in der Bundesrepublik D. aus Den Haag, wo ich für die Harlekinischen Geschichten eine Verschnaufpause eingelegt hatte, nach Frankfurt schickte, gab's bald eine Überraschung.

Er holte mich eines Sonntagsmorgens mit der Frage, ob ich denn seine Postkarte nicht erhalten hätte, aus dem Bett und erzählte mir lange Geschichten von einem Stuhl oder Tisch, von dem ich drei Beine schon gefunden hätte, aber das vierte, das fehle halt noch, und darum dürfe meine Story nicht erscheinen.

Was es mit dem vierten Tisch- oder Stuhlbein aber auf sich habe, das erzählte er mir nicht. Als er ging, da klang es in meinem Ohr schon wie eine sanfte Drohung: wie abgemacht, die Sache werde also nicht veröffentlicht. Bitte?

Demnach eine wahre Geschichte... So heiß, daß er sich ihretwegen gleich auf den Weg nach Holland gemacht hatte? Sein Wagen stand in einer abgelegenen Nebenstraße. Ein Profi.

Die Postkarte traf per Eilzustellung am Montag nachmittag bei mir ein. Er hatte sie in Aachen, also bereits auf dem Wege, aufgegeben. Sie trug den Poststempel vom Sonnabend (15 Uhr). Das war also Ende Januar 1972.

Ein Profi, dachte ich, wie gesagt. Er wollte, das stand nun fest, die Veröffentlichung meiner Erkenntnisse über den getarnten Nationalsozialismus verhindern.

Desgleichen kürzlich, als er mir am Telefon bestätigte, daß Emil Hoffmann zwar Emil Hoffmann sei (vgl. kuckuck 45e-h, S.24ff.), die Öffentlichkeit es aber nicht erfahren dürfe. Stichwort: Rasse- und Siedlungshauptamt der SS. Sonderführer im Auftrag der Volksdeutschen Mittelstelle anno 1940... Indizierter NS-Schriftsteller.

Die Aufforderung an Knapp, den besonderen Charakter seiner politischen Kontakte einmal klarzulegen, ist jedenfalls mit seinen Erzählungen über die Grünen noch nicht vom Tisch. Mich interessieren neben den Spielern und Kulissenschiebern vor allem die Regisseure und Autoren des Stücks. Knapp hat das Drehbuch nicht geschrieben; er ist nur ein ausführendes Organ.

Wir haben an der Oberfläche sogenannte linke Sozialdemokraten, die parteihistorisch aus den Jungsozialisten der sechziger Jahre hervorgegangen sind. Aber erst in den siebziger Jahren wurden die Jungsozialisten, wie einst die Jungdemokraten (vgl.auch kuckuck 42a-d, Das wahre Gesicht der FDP), zum Umerziehungs- und Exerzierfeld der "Reichsjugendführung".

Die Restauration einer breit gefächerten nationalsozialistischen Politik hatte als große Massen- und Trägerpartei die SPD im Auge.

Auf dem Wege zunächst über Jungsozialisten und linke Sozialdemokraten und später, als dies nicht mehr griff, die Gründung einer Disziplinierungspartei in Gestalt der Grünen wurde die innere Umwandlung der Sozialdemokratischen Partei ins Werk gesetzt.

Hauptziel dieser scheindemokratischen, in Wahrheit administrativen Maßnahmen war die völlige Umorientierung der Partei auf die Europapolitik der Sowjetunion, auf die uneingeschränkte aktive Berücksichtigung der sowjetischen Interessen.

Die Sowjetunion brachte dazu ihre alte Nachkriegstaktik wieder ins Spiel, die den ehemaligen Nationalsozialisten, welche die Handreichung akzeptierten, die Lossprechung von ihren Verbrechen, vom Makel des Nazismus und des Hitlerkrieges in Aussicht stellte.

Schon Walter Ulbricht hatte in frühen Jahren wie programmatisch in einer großen Rede darauf hingewiesen, daß die DDR seit Beginn ihres Aufbaus der von den Nazis verirrten "deutschen Jugend" nichts nachtragen wollte, sofern die nur bereit war, sich am sozialistischen Aufbau zu beteiligen.

Was hier "deutsche Jugend" genannt wurde, das war nichts anderes als die "Hitler-Jugend", und was Ulbricht nicht sagte, aber hauptsächlich meinte, das war das gewisse Anerbieten an die in der BRD weiterhin aktiven Funktionäre der "Reichsjugendführung". Gleichsam der linke Hoden, der dem in der "Reichskanzlei" aufgefundenen Hitlerleichnam fehlte. Eine interessante Geschichte. Der Mann, der sie erzählt hat, ist Lew Besymenski, vor allem bekannt als Bonner Korrespondent der sowjetischen Agentur Novosti.

Besymenski ist ein interessanter, sehr belesener und informierter Mann, der sich im Nachkriegsdeutschland seit Anbeginn als kritischer Beobachter und Berichterstatter umgetan hat, ein Deutschlandkenner von hohen Graden. Im kuckuck dokumentierten wir kürzlich (42e-h, S.73) ein Interview, um das Lew Besymenski den Wolf Schenke gebeten hatte.

Das ganze Interview drehte sich um die Nahostproblematik, den Krieg in Libanon, das Abkommen von Camp David, den Kampf zwischen PLO und Israel. Ich will nicht auf Einzelheiten des Interviews eingehen. Das Interview selbst vielmehr ist mir höchst fragwürdig erschienen.

Nun gilt Wolf Schenke wegen seines jahrelangen Aufenthalts in China als Korrespondent des Völkischen Beobachter und des Deutschen Nachrichten-Büros manchen Leuten als China-Experte, das ist verständlich.

Wenn aber ein sowjetischer Journalist vom Range eines Besymenski den ehemaligen VB-Berichterstatter, Abwehr-Mann, DNB-Mitarbeiter, was noch, den heutigen aktiven Friedens-Politiker und Begründer einer neuen Nationalen Befreiungsbewegung in der Bundesrepublik, die Graue beziehungsweise braune Eminenz des rechtsradikalen Untergrunds seit mehr als drei Nachkriegsjahrzehnten, den Spitzenfunktionär der "Reichsjugendführung" der NSDAP und überzeugten Antisemiten Wolf Schenke zum Thema Israel befragt, so hat er sich etwas dabei gedacht, und ich muß annehmen, daß ich in bezug auf Schenkes Nahost-Kompetenzen nicht auf dem laufenden bin.

Möglicherweise richtete Besymenski seine Fragen zugleich an den potentiellen Führer einer Deutschen Befreiungsfront, sozusagen einer Parallelorganisation zur PLO.

Besymenski wird über Schenkes Zuständigkeiten in Nahostfragen sehr genau Bescheid wissen.

Ich habe sowieso Gründe zu der Annahme, daß Schenke sich in einer Sondermission auch im Vorderen Orient aufgehalten hat.

Von dem inzwischen verstorbenen ehemals stellvertretenden Chefredakteur der Neuen Politik und einstigen HJ-"Obergebietsführer Ost" Gotthart Ammerlahn - er war übrigens einer der radikalsten Kulturkämpfer, spezialisiert auf Säuberungsaktionen gegen resistente Überbleibsel der vornazistischen Jugendbewegung in der "Hitler-Jugend" der frühen dreißiger Jahre - habe ich indirekt erfahren, daß Schenke aus eigener Anschauung mehr über Palästina/Syrien wissen muß, als er öffentlich zuzugeben bereit ist.

Besymenski kennt vermutlich auch die Gründe für die plötzliche Freilassung Schenkes aus dem noch gar nicht abgeschlossenen Kriegsverbrecherprozeß in Schanghai im Jahre 1946.

Lew Besymenski ist nicht nur ein interessanter, kenntnisreicher Mann, er hat auch mindestens ein interessantes Buch geschrieben, in dem er von seiner Wohlinformiertheit Zeugnis ablegt. Ich spreche von dem Buch, das letzte Spekulationen um die Figur des "Führers" aus der Welt schafft.

Lew Besymenski: Der Tod des Adolf Hitler. Der sowjetische Beitrag über das Ende des Dritten Reiches und seines Diktators. Aus dem Russischen übersetzt von Valerie B.Danilow. 2. Auflage. Völlig überarbeitete, ergänzte und um einen neuen Bildteil erweiterte Ausgabe. 1982 by F.A.Herbig Verlagsbuchhandlung, München-Berlin. Erste Auflage: 1968.

Die Veröffentlichung wurde seinerzeit als eine Sensation aufgenommen, weil bis dahin nicht bekannt war, daß die Russen Hitlers Leiche 1945 gefunden hatten.

Neuer Expertenstreit um die eine oder andere Detailfrage war wie im Fall Bormann vorauszusehen. Was nun aber Besymenskis Hitler-Buch meines Erachtens wirklich interessant macht, ihm politisches Gewicht gibt, ist die Veröffentlichung selbst, ist die Signalwirkung, die von ihm ausgeht.

In einer totalitären Diktatur wie der Sowjetunion hat jede derartige Publikation neben dem historiographischen Wert eine aktuelle politische Bedeutung; das möchte ich erst einmal unterstellen, zumal, da das Werk erkennbar für eine westliche, ja westdeutsche Leserschaft konzipiert worden ist.

Ich will ein paar Einzelheiten jetzt nicht überbewerten, aber sie doch zu bedenken geben. Wichtig ist, daß die Sowjets behaupten, die Leiche Hitlers damals also doch gefunden zu haben, während sie jahrzehntelang nichts darüber verlauten ließen. Und wichtig ist der Befund.

Zur Identität:

Der wichtigste anatomische Fund, der zur Identifizierung der Person ausgewertet werden kann, ist das Gebiß mit vielen künstlichen Brücken, Zähnen, Kronen und Füllungen (siehe die Akte). (184)

Die Todesursache

- daß der Tod in diesem Fall durch Vergiftung mit Zyanverbindungen verursacht wurde -

sei nur nebenbei erwähnt.

Auffallend an dem Bericht fand ich etwas anderes:

Der linke Fuß fehlt (181).

Und:

Im Hodensack, der angesengt, aber erhalten ist, wurde nur die rechte Hode gefunden. Im Leistenkanal konnte die linke Hode nicht gefunden werden (181).

Noch einmal:

Die linke Hode konnte weder im Hodensack, noch im Samenstrang innerhalb des Leistenkanals oder im kleinen Becken gefunden werden (184).

Dies ist der erste und bisher einzige Hinweis auf einen derartigen körperlichen Mangel. Selbst Hitlers Leibarzt will davon nichts gewußt haben.

Es folgten die üblichen Auseinandersetzungen.

Aber ich glaube, daß es hier nicht auf den Sachverhalt, auf die reale Wahrheit des Untersuchungsbefundes ankommt.

In erster Linie wird von Moskau offiziös und öffentlich bestätigt: Wie auch Martin Bormann, über den Besymenski ebenfalls ein Buch schrieb, so ist Adolf Hitler für uns tot, eine Leiche.

Politisch; historisch. An ein Wiederaufleben ist nicht mehr zu denken.

Der Leiche aber fehlten 1) der linke Fuß und 2) der linke Hoden.

Nimmt man die Nachricht als ein politisches Signal, so sind ein paar Überlegungen erlaubt.

Linker Fuß. Der Nazismus hatte sich nur noch auf seinen rechten Fuß gestützt. Die linken Nazis - die Strassers, vielleicht auch die SA - fielen also nicht unter die abschließende Todeserklärung. Sie waren nicht gemeint, als 1945 der Vorhang fiel.

Freilich ist dies eine nachträgliche Entscheidung; insofern sind die Jahresdaten 1968 (1. Auflage) und 1982 (2. Auflage) nicht ohne Bedeutung.

Und der linke Hoden. Rechts, das war also endgültig tot. Aber links. Hoden. Keimzelle, das ist Zukunft. Die linken Nationalsozialisten könnten demnach noch eine Zukunft haben, die linken jungen NS-Keimlinge.

Mag ja sein, daß ich auf solche "Signale" schon ein bißchen programmiert bin, man muß meinen Spekulationen nicht folgen. Doch unter der Decke wird mit solchen "Botschaften" gearbeitet, und Gewicht erhalten sie erst, wenn sie "empfangen" und "verstanden" werden, gewiß kamen sie an.

Zufall oder nicht. Es ergibt jedenfalls keinen Widerspruch, wenn der Besymenski-Schenke-Kontakt so problemlos funktioniert - selbst in ferneren Gefilden, wo der Sinn für Peinlichkeiten noch nicht abgestorben ist.

Bringen wir's auf die einfache zaristische Formel: Was "links" ist, das wird in Moskau bestimmt. Schon Thälmann, kein Genosse hat sich später um ihn gekümmert, hatte definiert, ob einer Kommunist sei, ergebe sich aus seinem Verhältnis zur Sowjetunion.

Der prominente Nazi Schenke (und mit ihm manch anderer) hat das Handtuch gelassen aufheben können. Seither ist er kein Rechtsradikaler mehr, sondern ein Linksradikaler.

Diese Konstellation trägt in höchstem Maße zur Verschleierung des NS-restaurativen Untergrunds bei.

Auch unter dem Stichwort "Bormann" kommen die Dinge wieder in Bewegung, seitdem die dafür zuständigen Administratoren endgültig seinen Tod beschlossen haben.

Bis dahin glaubten nämlich ein paar Unverbesserliche, der Mann lebe noch; man wollte ihn sogar als Mitglied einer Sowjetdelegation irgendwo gesehen haben.

Aber, nein, er ist tot. Am Leben geblieben freilich beziehungsweise zu neuem Leben erweckt worden ist der Geist oder Ungeist, von dem Bormann sich bis zur letzten Minute inspirieren ließ.

Martin Bormann, der Mann, der, wie es heißt, Hitler beherrschte, herrschte keineswegs nur aus eigener Kraft.

Ende Februar 1945 schickte ihm der Hitler-Jugend-Funktionär Griesmayr ein Manuskript mit dem Titel Wie steht der Krieg?, und weil es seine eigenen Gedanken besser formulierte, als er es vermocht hätte, hielt er es für geeignet, den Politischen Leitern damit den rechten Weg zu weisen.
Mit scheinbarer Offenheit schrieb der Autor, "die gegenwärtige Krise" habe "erstmalig in weiten Kreisen der unteren und mittleren Führung lähmendes Entsetzen, unverhohlene Kritik und stumpfe Hoffnungslosigkeit ausgelöst".
Dies sei gefährlicher als der bolschewistische Vormarsch.
Wer jedoch als Nationalsozialist nicht mehr an den Sieg glauben könne, möge folgerichtig Selbstmord begehen.
Die Krise sei zu überwinden, wenn jeder Parteifunktionär bereit sei, mit wehender Flagge unterzugehen. "Die rücksichtslose Beseitigung feiger Vorgesetzter ist nicht nur ein Akt der Gerechtigkeit, sondern auch der Klugheit." Und: "In schicksalsschweren Tagen ist es besser, einen Schwächling mehr als hundert zu wenig erschießen zu lassen."
Diese Mixtur aus Verheißungen und Drohungen schien ihm die richtige Medizin für das Funktionärskorps.
"Beeilt" - das Wort verwendete Bormann gleich viermal in seiner Anweisung - mußte das Manuskript gedruckt und an alle Reichsleiter, Gauleiter, Kreisleiter und Reichstagsabgeordneten verschickt werden.
Gestrichen werden mußten jedoch zuvor "einige der untragbaren Vorwürfe, die ungewollt Kluften aufreißen" und der Hinweis, daß eine "Phiole Gift... in allen Notzeiten... zum Requisit heroischer Menschen" gehöre. Bei dieser Stelle schrieb Oberbefehlsleiter Helmuth Friedrichs, zuständig für die Parteiangelegenheiten in der Kanzlei, an den Rand: "Nee! Nicht unbedingt."
Bormanns Motiv für die Streichung war anderer Art; niemand brauchte zu wissen, daß sich die Spitzen des Regimes dieses Mittels bedienen würden, um in letzter Minute aus der Verantwortung zu schleichen (322).

Griesmayrs Broschüre erschien noch im März 1945 als Taschenbuch.

Die kurze Einblendung verdanken wir einer umfangreichen Arbeit von Jochen von Lang.

Die Führer-Generation der jungen HJ-Scharfmacher und Kriegsverlängerer der letzten Tage ist nur in wenigen Werken über die Kriegs- und Nazizeit namentlich überliefert; um so leichter fiel es ihr, nach dem Kriege sofort wieder Fuß zu fassen - unauffällig und erfolgreich.

Diese relativ namenlosen NS-Bonzen haben in den letzten Kriegstagen noch unglaubliches Unheil angerichtet und sind dafür niemals zur Verantwortung gezogen worden.

Hunderte von Jugendlichen wurden durch sie noch in den Tod getrieben. In Berlin erlitten die um Punkt ZwöIf noch mobilisierten "Hitler-Jungen" schwerste Verluste.

Jochen von Lang bezieht sich auch auf den Bormann-Biographen Lew Besymenski: Die letzten Notizen von Martin Bormann. Ein Dokument und sein Verfasser. (Aus dem Russischen übertragen von Reinhild Holler.) Stuttgart 1974.

Ich denke, daß die Beschäftigung mit der Nazizeit am Beispiel derjenigen Personen zu aktualisieren ist, die heute noch leben und ihre Politik unverändert fortsetzen.

Die zeitgeschichtliche Literatur macht es einem freilich gewöhnlich etwas schwer, die für uns relevanten Verbindungsfäden wiederzufinden. Das obige Zitat nahm ich aus:

Jochen von Lang, Der Sekretär. Martin Bormann: Der Mann, der Hitler beherrschte. Unter Mitarbeit von Claus Sibyll. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1977. 2. Auflage 1978.

Für die Wahrscheinlichkeit, daß diese oder jene Veröffentlichungen über ehemalige Naziführer vor allem aktuelle Bedeutung haben und in erster Linie den Austausch politischer Absichten für die Zukunft bezwecken, sprechen auch verschiedene Hinweise im dokumentarischen Anhang bei Jochen von Lang.

Teil A: Schlußbericht der Frankfurter Staatsanwaltschaft unter dem Aktenzeichen Js 11/61 (GStA Ffm.) in der "Strafsache gegen Martin Bormann wegen Mordes" vom 4. April 1973.

Hierzu merkte die Redaktion an:

Dieser Schlußbericht wurde vom Ersten Staatsanwalt Joachim Richter verfaßt, der seitens der Frankfurter Staatsanwaltschaft über ein Jahrzehnt lang die Suche nach Martin Bormann betrieb. Wegen der Mitarbeit an der Aufklärung des "Falles Bormann" gestattete der hessische Justizminister Karl Hemfler dem Autor die Erstveröffentlichung dieses Schlußberichts (385).

Auszüge aus Abschnitt VI (Die weitere Fahndung im Aus- und Inland) des Schlußberichts:

Da die Grabung vom 20./21.7.1965 erfolglos geblieben war und es den Zeugen Dr. Naumann, Schwägermann, Dietrich und Axmann aus der letzten, beschriebenen Gruppe gelungen war, aus Berlin zu entkommen, wurde die Fahndung nach dem Angeschuldigten im In- und Ausland fortgesetzt, zumal Hinweise auf ein Überleben des Angeschuldigten teils durch Informanten, teils über Pressemeldungen eingingen.
In mindestens fünfzig Fällen wurde das Auswärtige Amt in Bonn gebeten, die aus dem Ausland eingegangenen Hinweise durch die zuständigen Auslandsvertretungen der Bundesrepublik überprüfen zu lassen...
1. Hinweise von Simon Wiesenthal
Zu den zahlreichen Pressemeldungen, in denen immer wieder behauptet wurde, daß der Angeschuldigte noch am Leben sei und sich in Südamerika aufhalte, trugen insbesondere Interviews des Leiters des Dokumentationszentrums des Bundes jüdischer Verfolgter des Naziregimes, Dipl.-Ing. Simon Wiesenthal in Wien, bei.
In der italienischen Illustrierten Epoca, Nr. 1029 vom 14.6.1970 (Band VI Bl. 811a d.A.), wird ein solches Interview wiedergegeben, demzufolge sich der Angeschuldigte ein Jahr zuvor in Dribura, einer deutschen Kolonie im Staate Rio Grande do Sul, der an Paraguay grenzt, aufgehalten haben soll. Der Pfarrer dieser Kolonie heiße übrigens Himmler...
2. Hinweis von Lew Besymenski
Anläßlich der Vernehmung vom 29.9.1970 übergab der Zeuge Wiesenthal auch einige Ablichtungen von Dokumenten, aus denen sich entnehmen ließe, welcher Art jene Hinweise seien, die er erhalte.
Unter diesen Ablichtungen befindet sich auch ein an den Zeugen Dr. von Hummel, der etwa die Funktion eines Privatsekretärs des Angeschuldigten auf dem Obersalzberg ausübte, gerichteter geheimer Funkspruch aus Berlin, der am 22.4.1945 um 9.21 Uhr aufgenommen wurde.
Der Text lautet: "Hummel, Obersalzberg. Bin mit vorgeschlagener Übersee Süd Verlagerung einverstanden."
Eine Ablichtung dieses und weiterer hier nicht interessierender Funksprüche übergab der sowjetische Journalist Lew A. Besymenski am 15.9.1967 zu den Akten (Hülle Band 30 Bl. 5581 der Fahndungsakten).
Auch in seinem Druckwerk Auf den Spuren von Martin Bormann - 1965 im Dietz-Verlag, Berlin, in der DDR erschienen -, das überwiegend eine unsachliche, gegen die Bundesrepublik gerichtete Propaganda enthält, zitiert er diesen Funkspruch wörtlich und knüpft daran die Folgerung (S.254 dieses Druckwerks): "Dieses Dokument ist von außerordentlicher Bedeutung. Es stützt ein weiteres Mal unsere These von der Flucht nach Südamerika."
Die bereits im Jahre 1966 durchgeführten Ermittlungen ergaben eindeutig, daß es sich bei "Übersee" - auch "Übersee/Hohensee" - um die nach Schloß Steinach bei Straubing ausgelagerte Partei-Kanzlei der NSDAP handelte.
Die Anschrift lautete: "Dienststelle Übersee Postanschrift: NSDAP.-Dienststelle Übersee Straubing/Donau Postschließfach 99" ...
Die Bezeichnung "Südverlagerung" war - wie der Zeuge Dr. von Hummel in seiner Vernehmung vom 3.5.1966 (Band 26 Bl. 4811 der Fahndungsakten) bekundet - für die Transporte nach Südtirol üblich.
Die Folgerung von Besymenski ist somit eindeutig falsch.
3. Hinweis von Gehlen
Im Herbst des Jahres 1971 veröffentlichte der Generalleutnant a.D. Reinhard Gehlen, letzter Chef der Abteilung Fremde Heere Ost des Generalstabs des Heeres und später erster Präsident des Bundesnachrichtendienstes, seine Memoiren.
Dabei erwähnte er auch den Angeschuldigten. In den Vorabdrucken, die in der Presse erschienen, hieß es, daß der Angeschuldigte etwa vor zwei Jahren in der Sowjetunion verstorben sei.
In seiner Vernehmung vom 21.9.1971 durch den Untersuchungsrichter, an der ich teilnahm, bekundete der Zeuge Gehlen, daß er und Canaris bei der Suche nach der in der obersten militärischen Führung offenbar vorhandenen undichten Stelle, die dem Gegner sofort eigene wichtige Entscheidungen zuspielte, auch den Angeschuldigten in Erwägung zogen. Im übrigen bekundet dieser Zeuge u.a. wörtlich (Band VIII Bl. 1313, 1314 d.A.):
Erst als Meldungen über Aussagen, die vor amerikanischen Behörden gemacht worden sind und die das SchicksaI Bormanns betrafen, bekannt wurden, achtete man wieder etwas auf die Angelegenheit Bormann.
Nach meiner Erinnerung war es entweder im Jahre 1946 oder 1947, als mir durch eine - ohne jeden Zweifel zuverlässige - Quelle bekannt wurde, daß Bormann in einem Film, der in einem Kino in Ostberlin vorgeführt worden war und in welchem über eine Sportschau berichtet worden war, in der Gruppe der sowjetischen Zuschauer - es mag sich hierbei um sowjetische Funktionäre gehandelt haben nach meiner Erinnerung - der Angeschuldigte mit Sicherheit wiedererkannt worden sei.
Ich muß hierzu bemerken, daß mir von dem Betreffenden, von dem diese Information stammt, bekannt geworden ist, daß er den Angeschuldigten vor dem 2.5.1945 von Angesicht zu Angesicht hat sehen können.
Diese Erkenntnis wurde von uns damals an die zuständigen amerikanischen Dienststellen weitergegeben.
Ich möchte hierzu noch anmerken, daß schriftliche Aufzeichnungen hierüber nicht vorhanden sind.
Die schriftlichen Unterlagen des Nachrichtendienstes wurden in Abständen jeweils vernichtet.
Nach Konstituierung der Bundesrepublik hatte ich Veranlassung, entweder dem Bundeskanzler Adenauer oder dem Staatssekretär Globke zum Fall Bormann vorzutragen.
Es war mir bekannt geworden, durch eine gleichfalls nach meiner Überzeugung äußerst zuverlässige Quelle, daß russischerseits der Plan erwogen würde, das Gerücht in die Welt zu setzen, daß Hitler noch am Leben sei und daß man den in den Händen der Russen befindlichen Bormann als Bevollmächtigten Hitlers auftreten zu lassen erwäge, dies alles mit dem Ziel, ein einheitliches, etwa nationalkommunistisches Deutschland zu bilden.
Mir ist in Erinnerung, daß der Bundeskanzler daraufhin entschied, daß politisch in dieser Sache nichts zu unternehmen sei. Jedenfalls ist mir eine Stellungnahme in etwa diesem Sinne im Gedächtnis geblieben.
Selbstverständlich erhielt der Nachrichtendienst zahlreiche Meldungen über den angeblichen Aufenthalt Bormanns.
Diesen Meldungen gegenüber war und bin ich stets skeptisch gewesen, weil mir die Zuverlässigkeit der betreffenden Informanten nicht ausreichend erschien.
Nur in den beiden eben geschilderten Fällen unterlag für mich die Zuverlässigkeit keinem vernünftigen Zweifel.
Wenn ich heute nach dem angeblichen Tod des Angeschuldigten gefragt werde, so bemerke ich hierzu zunächst, daß ich meinerseits nie behauptet habe, daß der Angeschuldigte etwa vor drei Jahren gestorben ist.
Ich für meine Person muß annehmen, daß Bormann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in der Zeit nach Bekanntwerden des eben geschilderten Konzepts eines nationalkommunistischen Deutschlands verstorben ist.
Ich habe meinerseits nie behauptet, und kann auch heute nicht aussagen, daß ich hierfür auch nur eine einigermaßen sichere Informationsquelle gehabt hätte.
Die beiden Informationsquellen hat der Zeuge Gehlen aus Sicherheitsgründen nicht bekanntgegeben. Ihn hierzu zu zwingen, bestand im Hinblick auf die offensichtliche Mangelhaftigkeit und Dürftigkeit der beiden Hinweise keine Notwendigkeit.
Der bereits mehrfach erwähnte sowjetische Journalist Besymenski, als sowjetischer Korrespondent der sowjetischen Zeitung Neue Zeit nunmehr in Bonn akkreditiert, brachte anläßlich einer Besprechung in Bonn am 11.9.1971 mit dem Untersuchungsrichter, an der ich teilnahm, zu den angekündigten Veröffentlichungen Gehlens "nur zum Ausdruck, daß man dies allenfalls satirisch kommentieren könne" (Vermerk des Untersuchungsrichters vom 13.9.1971 in Band VIII Bl. 1276 d.A.).
In meinen Handakten habe ich am 12./20.9.1971 vermerkt, daß Besymenski die angekündigte Version Gehlens über Bormann für absolut unrichtig hält und daß er uns im übrigen keinerlei Hinweise auf die Existenz des Angeschuldigten geben konnte, wonach insbesondere ich genau und gezielt gefragt hatte.

Am 7.und 8.12.1972 wurden bei Bauarbeiten auf dem Ulap-Gelände in Berlin zwei Skelette entdeckt.

Der Abschnitt XI - "Ergebnis" - des Schlußberichts lautet:

Obwohl dem menschlichen Erkenntnisvermögen von Natur her Grenzen gesetzt sind (BGHZ Band 36 S. 379/393=NJW 1962, 1505), ist mit Sicherheit erwiesen, daß die am 7./8.12.1972 auf dem Ulap-Gelände in Berlin gefundenen beiden Skelette mit dem Angeschuldigten Martin Bormann und Dr. Ludwig Stumpfegger identisch sind.
Der Angeschuldigte und Dr. Ludwig Stumpfegger sind in den frühen Morgenstunden des 2.Mai 1945 - etwa zwischen 1.30 Uhr und 2.30 Uhr - in Berlin verstorben (385ff. bei Jochen von Lang, Anhang Dokumente).

Nach 27 Jahren ein erstaunliches Ergebnis: Die amtliche Todeserklärung aus Berlin.

Offensichtlich wollte immer einer dem andern diesen Schwarzen Peter zuschieben.

Wir können weder die eine noch die andere Version überprüfen.

Es fand ein Informationskrieg statt, in dem die verschiedenen Parteien vermutlich nicht nur der Wahrheit nachjagten, sondern vor allem unterschiedliche Interessen zu vertreten hatten.

Bei allem Streit an der Oberfläche lassen sich aber auch gewisse Übereinstimmungen feststellen.

Wir nehmen die Nachricht als Nachricht; wir werten sie als eine Mitteilung über die gegenwärtige Interessenlage - nicht als einen Bericht über diese oder jene darin vorkommenden Ereignisse.

Als Besymenski 1968 über Hitler die amtliche sowjetische Todeserklärung bekanntgab, konnte dies in der Öffentlichkeit sehr wohl als eine Reaktion auf den ersten größeren Bormann-Report von Jochen von Lang in der Illustrierten stern im Jahre 1965 verstanden werden: "Bormann ist tot!"

Dieser stern-Bericht war doch in erster Linie an Moskau gerichtet.

Der stern-Reporter von Lang stützte sich damals jedoch lediglich auf Indizien.

Die Leiche Bormanns war noch nicht gefunden, erst sieben Jahre später wird Lang plötzlich fündig. Eine höhere Stufe der politischen Annäherung, könnte man sagen.

Der Skelettfund auf dem Berliner Ulap-Gelände war ein politischer Rehabilitations-Sieg der ehemaligen "Reichsjugendführung". Die alte Partei war endgültig tot und begraben, die neue Partei, die der jungen Nachwuchsführer der NSDAP, jetzt endlich voll anerkannt. Es paßt natürlich in mein Bild; ich habe die Geschichte aber nicht erfunden, habe nichts konstruiert.

Jochen von Lang berief sich von Anfang an auf eine Aussage des letzten "Reichsjugendführers" der HJ, Artur Axmann.

Von Lang schreibt:

Was dann geschah, mutmaßlich gegen drei Uhr am Morgen des 2. Mai, schilderte Axmann schon bei seinen Vernehmungen im Spätherbst 1945, aber niemand glaubte ihm.
Nur der Historiker H.R. Trevor-Roper, der als Geheimdienstmann viele Nationalsozialisten nach Kriegsende verhörte, bezeichnete schon 1948 diese Darstellung als die wahrscheinlichste.
Die auf etwa zehn Männer angewachsene Gruppe stieg am S-Bahnhof Friedrichstraße auf den Bahnkörper und folgte den Geleisen in westlicher Richtung.
Auf dem Damm rissen sie sich die Rangabzeichen von den Uniformen. Ihre Waffen warfen sie weg.
Dem erfahrenen Frontsoldaten Axmann - er hatte im Krieg den rechten Arm verloren - fiel auf, wie unsicher sich Bormann fühlte. Zeitweise hastete er der Gruppe voraus, als könne er nicht schnell genug wegkommen.
Unangefochten näherten sie sich der S-Bahn-Station des Lehrter Bahnhofs. Rechtzeitig entdeckten sie, daß Rotarmisten auf dem Bahnsteig standen.
Beim schnellen Verschwinden spaltete sich die Gruppe. Bormann, Naumann, Schwägermann, Axmann, Weltzin und Stumpfegger sprangen vom Bahnkörper auf die Invalidenstraße hinab, und sie landeten unmittelbar neben einer russischen Feldwache.
Die Russen hielten sie für versprengte Volkssturmmänner, boten Zigaretten an, begannen radebrechend mit "woina kaputt, Gitler kaputt" ein Gespräch und bestaunten Axmanns Armprothese.
Das war zuviel für Bormanns flatternde Nerven. Zusammen mit Stumpfegger setzte er sich mit immer schneller werdenden Schritten nach Osten in Richtung auf die Charité ab. Sie kamen nicht weit, denn an der Sandkrugbrücke (heute Sektorenübergang) stießen sie wieder auf Russen.
Die anderen merkten, daß diese Flucht die Soldaten mißtrauisch gemacht hatte. Sie verdrückten sich auf der Invalidenstraße westwärts, auf Moabit zu.
Naumann und Schwägermann verschwanden im Gebüsch eines Ausstellungsgeländes. Die HJ-Führer Axmann und Weltzin kehrten erst um, als sie vor sich Panzer rasseln hörten.
Zurückgekehrt sahen sie in der Nähe des Lehrter S-Bahnhofs im schwachen Licht der gerade beginnenden Morgendämmerung zwei Männer auf der Brücke liegen, die im Zug der Invalidenstraße die Geleise des Lehrter Güterbahnhofs überquert.
Sie erkannten Bormann und Stumpfegger. Beide waren anscheinend tot, aber Blut oder Verletzungen waren nicht zu sehen. Axmann wußte, daß die Bunkerprominenz Giftampullen bekommen hatte. Er vermutete, daß die beiden sich damit getötet hatten (341f.).

Ich finde es bemerkenswert, daß die sowjetische Feldwache die Gruppe uniformierter Deutscher nicht sofort gefangennahm, stattdessen mit ihnen bei einer Zigarette eine kleine Plauderei anfing.

Die besondere Erwähnung des vermuteten Selbstmords mithilfe von Giftampullen scheint mir hier ein wenig der starken Betonung des Giftselbstmords bei Besymenskis Hitler zu korrespondieren.

Die feige "Alte Garde" hatte demnach ihr Führungsrecht verspielt und war nunmehr durch die mutige kämpferische junge Truppe à la Griesmayr zu ersetzen.

Damit war zugleich die Schuldfrage für alle Zeiten gelöst.

Langs Kronzeuge Axmann konnte sich als einziger Überlebender der Brückenszene nach dem Kriege ganz genau erinnern, daß er "im schwachen Licht der gerade beginnenden Morgendämmerung" sofort "vermutet" hatte, Bormann und der andere wären am Gift gestorben, weil er weder "Blut" noch "Verletzungen" erkennen konnte.

Vielleicht war's auch nur eine spätere Vermutung von ihm. Das wäre alles unerheblich...

Aber Axmann konnte aus diesen Kleinigkeiten seinen Führungsanspruch herleiten, und die stern-Offenbarung bestätigte ihn darin erstmals in aller Öffentlichkeit.

"Bormann ist tot" - das hieß: "Axmann lebt!"

Und hinter diesem Emblem versteckt sich der historische Anspruch der "Reichsjugendführung" auf einen politischen Wiederauftritt des deutschen Nazismus.

Die grundlegende Bedeutung dieser Vorgänge wurde von denen, die es unmittelbar anging, durchaus verstanden.

Jochen von Lang schildert die Reaktionen auf seinen ersten Bericht, wobei ihm verräterische Sprachschnitzer unterlaufen.

Im November 1965 entschied Rolf Gillhausen, Stellvertretender Chefredakteur beim stern, daß es nun an der Zeit sei, die Ergebnisse der Untersuchung zu veröffentlichen. Sie erschienen mit der Überschrift Bormann ist tot.
Sie sollten das Ende einer Legende sein, aber es wurde daraus der Beginn einer Jagd auf den Autor.
Simon Wiesenthal, in Wien beheimateter professioneller Nazijäger, der schon mehrere Bormann-Spuren in aller Welt entdeckt hatte, verkündete auf einer Pressekonferenz, er habe schon immer gewußt, daß der stern ein Nazi-Blatt und Jochen von Lang ein alter Nazi sei, der nur den lebenden Bormann vor weiteren Verfolgungen schützen wolle.
Auch Joachim Richter bekam Ärger; sein Vorgesetzter, der Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer hatte vor längerer Zeit einen Brief von Horst Adolf Eichmann, dem Sohn des in Israel wegen Massenmordes an Juden hingerichteten Adolf Eichmann mit einem Hinweis erhalten, daß Bormann insgeheim in Argentinien lebe.
Bauer hielt diese Version für wahrscheinlich.
Mir hielt er vor, meine Veröffentlichung sei unverantwortlich, solange die Leiche fehle (348).

Sieben Jahre später fand Jochen von Lang sie in Berlin. Der staatsanwaltliche Schlußbericht scheint noch immer bestehende Zweifel auszuräumen.

Jochen von lang war 1945 zwar kein "alter Nazi", hatte jedoch in den letzten Stunden des "Reiches" noch und bereits jene Kontakte, die, wie wir inzwischen wissen, geeignet waren, ihm eine durchaus interessante Nachkriegskarriere zu sichern.

Seine Behauptung, er habe von einem "Reichsleiter Martin Bormann", der mindestens den Bekanntheitsgrad eines Robert Ley hatte, erstmals am 1. Mai 1945, "ein paar Stunden vor seinem Tod", gehört, nehmen wir einfach hin.

Er war "als Neunzehnjahriger, der als Kriegsberichter verwundet worden war und deshalb bis zur Genesung als Nachrichtensprecher am Reichssender Berlin eingesetzt", an jenem