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Erkenntnistheorie und politische Praxis - Seit 1973 - Redaktion: Horst Lummert
1980-00-00
Für die Zeit nach dem deutschen Krieg, dem dreißigjährigen, in dem die Teutonen ihre (neutralistische) Grundschwäche offenbarten (ich denke jetzt an Flatterhosen bei Afghanistan), mußte nun allmählich (wieder) Ordnung ins europäische Denken kommen. Schien der Himmel erst einmal frei, konnte eine freie Vernunft auch eine neue Ethik begründen - selbst nach geometrischer Methode.
Als ob er nicht wußte, dieser Spinoza, daß Philosophie erst ihre Anfänge nimmt, wo sie aus der Mathematik sich befreit.
Er kannte freilich die Tücken der Natur, auch der eigenen, die dem Denken manche Streiche spielt. Eben drum und dagegen glaubte er sich abzusichern in der approbierten Geometrie.
Ohnedies hatte die Philosophie sich in Grenzfragen streng an die Prinzipien der mathematischen Wissenschaften zu halten. Wer methodisch exakt sich auswies, lief weniger Gefahr.
Man muß den Mut der Ängstlichen stärken, die in der Physik keine Entdeckungen zu machen wagen, und zugleich die Vermessenheit jener leichtfertigen zuschanden machen, die in der Theologie Neuerungen erfinden (Pascal, Abhandlung über die Leere).
Gegenüber der Scholastik war Naturwissenschaft sicherer Boden unter den Füßen. Längst war ja die Astronomie zu Erden gekommen, damit auch Wissen verloren gegangen.
Das Nichtmehrgewußte überlebte als Aberglaube. Derlei wird uralt. Und es findet Eingang just dort, wo alles - methodisch - abgesichert scheint.
Die alte Ohnmacht des Denkens im Angesicht der Macht und der beständig drohenden Gewalt offiziellen Schuldiktats schlug noch bei dem Königsberger Chinesen durch, ein Jahrhundert später und eigentlich doch ohne äußere Not. Kant ließ Wissenschaft nur durchgehen als Wissenschaft, insoweit sie Mathematik war.
Das Nebeneinanderher und Miteinander von Aufklärung und Gegenaufklärung ließ allmählich übersehen und vergessen, was eben auch eine kluge Taktik gewesen war.
Mathematik, dieses perfekte Tarnmittel, geriet in immer größere Nähe aufklärerischer Tendenzen. In der geschichtlichen Folge der Neuzeit wurde sie - als Produktivkraft - geradezu identisch mit einer Garantie für gesellschaftlichen Fortschritt.
Wahrheit und Vernunft wieder miteinander in Einklang zu bringen, was sich leichthin sagt - es hat viele Tränen, viel Blut, viele Kriege gekostet, und ein Ende ist bis heute nicht abzusehen, ganz zu schweigen von einem sichtbaren Erfolg.
Wie nahe und verwandt uns jene Epoche ist, lesen wir bei ihren Philosophen und Forschern vielleicht weniger als bei diesem Menschenkenner: Molière durchschaute etwas ganz Wesentliches, nämlich wie der Mensch, der denkende, eben als Denk-Subjekt sich buchstäblich realisiert, sich unterwirft.
Wie er - um es in unserm verdrehten Sprachgebrauch zu sagen - zum "Objekte" wird, zur Spielfigur seiner eigenen Theorien und Denksysteme. Wenn's nur die Mode mal so will.
Eine schöpferische Zeit waren die Jahrhunderte der gefährlichen Kämpfe um Wahrheit, um Erkenntnis, um das ewige Recht spontanen Denkens.
Und was für ein Triumph ist dem Galilei geblieben, seit Einsteins Relativitätstheorie auch ihn abstellt als ein Opfer der Geometrie?
Waren die kopernikanischen Perlen, die er vor die Säue warf, gar nicht so echt?
Nicht eine allgemeine, aber die gezielte, die sehr bestimmte und bewußte Skepsis hat hier ihre (falls es das gibt:) geistesgeschichtliche Funktion.
Der Zweifel Pascals, der wohl zu unterscheiden wußte zwischen dem Geist der Mathematik und dem esprit de finesse, welch letzteren er als höher erachtete.
Und der doch auch wußte: man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen?
Eine gefahrvolle Zeit, wie gesagt. Wo war dieser Gott?
Und waren es seine Prinzipien, göttliche, die Prinzipien des Denkens, in denen er wirkte als die einzige Macht, der der denkende Mensch sich unterwarf?
Oder verbarg sich hinter dem großen Wort die kleine Unterwerfung, die Kapitulation vor der Großen Kirche?
Sie sterben früh. Pascal mit knapp vierzig, Spinoza mit 44 Jahren. Der eine schon als Kind "verhext", der andere als Mann verflucht; beide krank.
Sehr früh verloren sie die Mutter: Pascal ist zwei, Spinoza sechs. Descartes lebte gerade ein Jahr bei Lichte, als seine Mutter starb.
Die Phänomenologie des europäischen Geistes weist mehrere Denktraditionen auf, die zugleich auf ihre verschiedenen religiösen Ursprünge und Verknüpfungen verweisen.
Im Polytheismus der Antike - augenfällig am zerstrittenen Olymp der Griechen und in der feindseligen arischen Götterwelt - ist die Aufspaltung des Geistes, ist das haarspalterische Bewußtsein schon vorweggenommen, das für die christliche Scholastik dann so charakteristisch wird.
Ja, die Dreifaltigkeitslehre, die besondere Rolle der Muttergottes, die Praxis der Heilig- und Seligsprechungen - all dies ist notdürftig verhüllter Polytheismus.
Und was bei jenen Krieg war, ist in der römischen Kirche auch nur scheinbar befriedet.
Die spätere Atomisierung in ungezählte protestantische, "reformatorische" Bewegungen, Kirchen, Sekten, von denen jede einzelne für sich den Anspruch, "Volk Gottes" zu sein, geltend machte, einige geradenwegs in den modernen Nationalismus und Chauvinismus pervertierten (und damit zugleich den Gedanken vom Einen Gott), könnte für Leibnizens Infinitesimalmethode ebenso wie für seine Monadentheorie eine - mehr oder weniger bewußte - Denkvorlage hergegeben haben.
Hingegen ist der wahre Kern der katholischen Trinitätslehre geschichtlich aufgehoben vielleicht - noch aristotelisch konkret - in der Dreiteilung staatlicher Gewalt: im Namen des Vaters (der Legislative), des Sohnes (der Exekutive) und des Heiligen Geistes (der Judikative).
Bei Montesquieu ging es schließlich um nicht weniger als die Ablösung des Absolutismus des frühen achtzehnten Jahrhunderts durch die konstitutionelle Monarchie.
Jene offenen oder auch nur strukturellen Polytheismen bleiben im übrigen authentische Ab- und Spiegelbilder der zerrütteten Gesellschaft, d.h. aber konkret: der vielleicht unheilbar verletzten Familien- und Verwandtschaftsstruktur, der eigentlichen Grundlage sozialen Lebens.
Was sie vom Monotheismus unterscheidet, ist ihre undialektische Transzendiertheit.
Für das tiefere Verständnis europäischer Zivilisationsgeschichte ist es nützlich, nicht alles in einen, etwa "christlichen" Topf zu werfen, sondern sehr genau auf die den verschiedenen, nicht selten gegenläufigen geistigen und religiösen Strömungen innewohnenden Gestaltungsprinzipien achtzugeben.
Diese haben nämlich zumeist konkrete, lebendige (oder halt weniger lebendige) Ursprünge in der Geschichte, die oft genug aus politischen oder ideologischen Gründen "vergessen" wurden.
Schon im Zeichen des Regenbogens, dem Signum des ersten alttestamentarischen Bundes, haben wir - im vielfältig und farbenreich gebrochenen (Einen) Sonnenlicht - die Himmel-Erde-Dialektik vor uns, gleichsam das, mindest doch ein Lebensgesetz.
Obendrein leicht einzusehen, durchschaubar, gar nicht irrational, außerdem liebevoll und optimistisch. Vor allem aber: zum Leben verpflichtend!
Das setzt sich fort nach der Zerstörung des Tempels in der Diaspora als eine allmähliche Demokratisierung in der Synagoge.
Der Eine Gott, dies Prinzip, wird nicht angetastet, und die äußere Gesellschaftsstruktur ist nicht ein jedermann bezwingendes, das Leben überwältigendes Staatswesen, sondern die ganz nahe und übersichtliche, vom täglichen gemeinsamen Leben und Lieben geprägte Familie, in deren Zusammenhalt man nun sogar so etwas wie ein Urbild jener "Trinität" entdecken kann (Eltern, Kind, Beziehungsgesetze u.ä.).
Die Familienstruktur wird nicht eindimensional ins Göttliche verlängert beziehungsweise aufs Göttliche übertragen.
Die irdische Vielfalt wird dialektisch auf den Einen Gott bezogen, oder eben umgekehrt der Eine Schöpfer auf seine vielen Geschöpfe - in der Geschlechterfolge (also historisch) sowohl als auch in der jeweiligen (strukturellen) Beziehung untereinander.
Dieser Bezug auf den gemeinsamen Ursprung macht die Menschen miteinander verwandt und füreinander verantwortlich. Auch was zerrüttet ist, kann auf Heilung hoffen.
Wir haben hier zwei geschichtlich gewordene Vorstellungen von Demokratie vor uns, deren eine, die christliche, auf den Staat baut, diesen Riesen-Übervater in all seinen Abwandlungen; während die andere ohne solchen irdischen Gottesersatz auszukommen sucht - dabei immer wachhaltend jedes Menschen Streben, selber Vater beziehungsweise Mutter zu werden und dies fortzusetzen von Generation zu Generation.
Sobald sich der rationale Kern der jeweiligen Religion - benennbar, definierbar - herausgeschält hat, haben wir sie - als Religion - überwunden. Geschichte hellt sich auf als ein Lern-, als Erkenntnisprozeß.
Der neuzeitliche Rationalismus entpuppt sich indes aIs unvollendete Befreiung, seine Ratio als eine halbe Vernunft.
Die Heiligung der toten Mutter bindet die neuen Philosophen an ihr eigenes Vorleben.
Die große Religion, die sieghafte Kirche bleibt selbst im Widerstreit ihre andere - ich weiß nicht, ob: bessere - Hälfte.
Leben und Denken streben auseinander.
Dem Spinoza wird die Große Mutter zum philosophischen Verhängnis.
Der Unverheiratete, Kinderlose glaubt an eine Unsterblichkeit seiner Seele.
Da fordert die betrogene Biographie ihr Recht nun von der Theorie ein: das Recht auf ein Weiterleben nach dem Tode.
In Mathematik und Familie stehen zwei Systeme der Teilung und Mehrung zur Wahl: ein System von Quantitäten, eines der Hervorbringung von Qualitäten.
Die Homogenität - d.h. Addition, Subtraktion, Division, Multiplikation, diese Manifestation, Variation und endlose Wiederholung des Gleichen - trennt die Mathematik spezifisch vom System der Familie, wo die mathematischen Regeln plötzlich nicht mehr stimmen, und macht aus ihr (der Mathematik) - im Verhältnis zum gelebten und geliebten Leben - eine ebenso epigonale wie trostlose Wissenschaft (und aus der Weltraumfahrt, nebenbei, eine Reise auf dem falschen Dampfer).
Christentum, Neuplatonismus und andere vorwiegend religiöse Systeme drängten das Problem der Naturforschung in den Hintergrund.
Die dann einsetzende lange Periode der Stillegung und Petrifikation der Naturwissenschaft brachte aber auch eine langsame Änderung in der Einstellung des Menschen zum Kosmos mit sich.
Die letzten Spuren der alten griechischen mythologischen Unterwürfigkeit gegenüber den kosmischen Erscheinungen wurden durch den Einfluß des Christentums allmählich völlig ausgemerzt.
Indem die Kirche eine klare Scheidung des Menschen und seiner vitalen Interessen von den Naturphänomenen herbeiführte, entrückte sie den Kosmos in eine Perspektive, die ihn in ein dem Menschen wesensfremdes Objekt verwandelte.
Damit bereitete sich eine neue psychologische Situation vor, wo die Natur Gegenstand einer zergliedernden und erobernden Tätigkeit wurde, welche die heutige Ära der Wissenschaft und Technik einleitete.
Die ägyptische Zivilisation schuf die Technologie des vorwissenschaftlichen Zeitalters; als ihr Niedergang begann, entdeckten die Griechen die reine Wissenschaft und führten eine Epoche herauf, in der sich zwar die Naturwissenschaft, aber nicht die Technik entwickelte.
Dann, nach der langen Stagnation des Mittelalters, leitete die europäische Zivilisation eine Ära ein, in der Wissenschaft und Technik miteinander verquickt sind.
Da wir selber noch an diesem Entwicklungsstadium teilnehmen, laufen wir Gefahr, es durch Mangel an Distanz in einer falschen Perspektive zu sehen
Sambursky, Das physikalische Weltbild der Antike.
Descartes, der allzulanges Metaphysiktreiben sowieso für gesundheitsschädlich hielt,
verwandte ja bedeutend mehr Zeit auf anatomische, mechanische und optische Versuche als auf das, was man heute Philosophie nennt; und wer sich den sechsten Teil des Discours vergegenwärtigt, erkennt, daß es dort bei der Kritik an der Scholastik um wesentlich konkretere Dinge geht: um das gesellschaftliche Ziel einer medizinisch und technisch manipulierbaren Natur, deren maître & possesseur der Mensch sein soll (Specht, Descartes).
Aber
darüber hinaus ist Descartes' Philosophie in sich politisch; Texte beweisen, daß er sich den auch in Holland (wohin er geflohen war) bestehenden Gefahren des Kampfes gegen die spätaristotelische Theologenphilosophie aus einem durchaus politischen Interesse ausgesetzt hat: er hielt das Ende der durch sie verursachten konfessionellen Bürgerkriege für eine Voraussetzung des zivilisatorischen Fortschritts (Specht).
Wissenschaft war in strenge, war ganz und gar in Mathematik umzuwandeln, so würde nur noch Klarheit herrschen, kein ideologischer Streit mehr sein.
Denn dies warf Descartes der alten Scholastik vor: daß sie unklar geblieben,
daß die hervorragendsten Geister, die auf Erden lebten, sich seit mehreren Jahrhunderten darum bemühten, und daß es nichtsdestoweniger noch immer nichts Unbestrittenes und folglich Unzweifelhaftes darin gibt.
Die Mathematisierung der Wissenschaft bezeichnete indessen auch genau den Freiraum, den die Theologie geöffnet hatte, um sich auf die kommenden Jahrhunderte vorzubereiten, d.h. die historisch anstehende Reformierung naturwissenschaftlichen Rüstzeugs nicht zu behindern, sondern selber in den Griff zu bekommen, den Cartesianismus als neue philosophische Methodenlehre in sich aufzunehmen.
Die Mathematisierung der Natur bedeutete endlich unendliche Auflösung der Schöpfung, aller Geschöpfe in ihre elementaren Urbestandteile; philosophisch schließlich die Abtrennung des Begriffs von der Vorstellung, die zuvor als blind galt ohne jenen, jener als leer ohne sie.
Die schlichte Erfahrung, bisher Kontrollinstanz gegenüber der Theorie, wurde durchs wissenschaftliche Experiment ersetzt.
Die damit einhergehende Teilung der Arbeit in geistige und körperliche hatte neben der äußeren, gesellschaftlichen Notwendigkeit als inneren individuellen Antrieb die geistig-körperliche Aufspaltung des Menschen: die Befreiung des Verstandes von den "Leidenschaften".
Dieser Rationalismus diente der ideologischen Entwirrung, aber auch der Konsolidierung der neuen Machtverhältnisse in Europa mit Frankreich als dem nunmehr zentralen Ort geistiger, kultureller Ausstrahlung.
Dem trug die Kirche Rechnung.
Auch Leibniz ist nicht zu verstehen ohne seine geradezu antichambrierende Korrespondenz mit Paris.
Das Wesen dieser neuzeitlichen Umwandlung europäischen Denkens begreifen heißt das Wesen der Mathematik begreifen, weniger ihre metaphysischen Ursprünge als vor allem aber ihren psychologischen Urbeweggrund.
Aristoteles - das war der Mann, der ein Haus nach den Funktionen seiner Bestandteile gliederte: da war oben der Bodenraum mit Dach, unten der Keller, links die Küche, rechts der Stall, dazwischen Eßraum und Schlafraum...
Dieses Beispiel habe ich erfunden. Aber es ist, glaube ich, wirklich aristotelisch gedacht, sozusagen grob-dialektisch, von einem Ding zum andern - Gegending - denkend, springend, der Mann denn zum Weibe, so er und sie doch wollen!
Wo dies aber fehlt, da wird gedacht, wie diese dachten: Descartes, Leibniz, auch Spinoza. Pascal.
Da hatten wir sie endlich: die kleinsten Bausteine, die letzten Monaden, aus denen so ein Haus bestand, nach der Methode infinitesimal herstellbar, allseitig verwendbar.
So verlor sich mit der Zeit natürlich auch die wohngerechte Vorstellung vom Haus, will mir scheinen.
Wir stehen hier vor einem historischen Vorgang, vergleichbar etwa der Findung beziehungsweise Erfindung der Buchstabenschrift vor drei-, viertausend Jahren, mit der eine völlig neue Qualität, eine neue Verfügbarkeit sich dem menschlichen Intellekte anbot.
Spezifisch nah der späteren Algebra.
Die in unseren Jahrhunderten sich vollziehende Verselbständigung der Arithmetik, darauf läuft's gleichsam hinaus, die Quantifizierung bis ins Letzte macht alles nun der materiellen Gewalt hand- und mundgerecht.
Hinter diesem historischen Novum verbirgt sich eine lange Geschichte menschlicher Selbstreduzierung.
Will sagen: ein vermittels mathematisch-geometrisch vermessener Ästhetik (und bestimmter Ethik) historisch gleichsam über den Leisten gespannter Einpaßtyp von neuem Menschen, ein psychogedrechselter, spuriger Menschendrill, der sich im Zuge für ihn günstiger Zeit- und Entwicklungsumstände aus und neben anderen hervorentwickelte, dieser buchstäblich halbe Mensch formt seither die Welt nach seinem Bilde.
Und genau das ist, will mir scheinen, der spezifisch europäische Beitrag zur Menschheitsgeschichte.
Die Auflösung der menschlichen Beziehungen, insbesondere der Familie im weiteren Sinne, in der griechischen Antike, gleichsam ihre spartanischen Gesellschaftselemente fanden im römischen Christentum eine institutionelle Bleibe, wo sie übersommern konnten, um in nordischem Winter sich abermals exklusiv geltend zu machen.
Es sind jedenfalls genau diese spezifischen Merkmale, mit denen sich das Abendland vom Morgenland absetzt, das Christentum von Islam und Judentum, das Neue vom Alten Testament.
Sicherheit durch Restriktion. In der Denk- und Arbeitspraxis eine Frage der Methode. Descartes sah es messerscharf.
Aristoteles, der dem Problem weder historisch noch existentiell so ausgesetzt war, wehrte immerhin schon ab, was ihm sowieso nicht in den Kram passen wollte.
Seine Metaphysik, seine Auffassung von der der Materie innewohnenden Gesetzlichkeit kommt in Marxens Theorie neuerem Naturverständnis wieder näher, ebenso wie jene gar nicht bodenlos-unendlich-analytisch sich verlierende Dialektik.
Das konkrete ist alternatives Denken, das als weltweit angewandte Methode in der Machtpolitik eine Rolle spielt.
Alternativ daran ist nicht so sehr dies Denken selbst, wohl aber der Gedanke, solch uraltes Herrschaftswissen einmal auch den Beherrschten zugänglich zu machen.
Auf Möglichkeiten und Gefahren ist Pascal eingegangen. Er war in der Welt des Geistes, der Welt der Philosophie, des Verstandes, des Verstehens und Erkennens zu Hause. Und er kannte die Grenzen seiner Behausung.
Er wußte, alles ist brüchig und steht auf sandigem Boden. Nicht dran rühren. Es genügt, daß ein paar wenige Bescheid wissen. Laßt der Menge ihre Illusionen.
Selbst die Tyrannei legitimiert sich, indem sie für sogenannte Ordnung sorgt, mit Macht, mit Gewalt.
Aus dem früheren Polemiker gegen die Jesuiten wird der große Apologet der christlichen Religion, der römisch-katholischen Kirche, der aristotelischen Theologie (wenn das nicht eigentlich ein Widerspruch ist).
Damit hatte er allerdings den historischen Anschluß verpaßt.
Die Unendlichkeitsrechnung war es wohl weniger, was den Poquelin an Leibniz amüsierte, als dessen Weltabschätzung?
Nun, Molière analysierte die Gesellschaft, insofern er die Beziehungsstrukturen und -störungen sichtbar machte.
Leibniz aber Alles bis ins Letzte, freilich abstrakt.
Daß er seine Monade, diese Einheit von primärer Quantität und Qualität, nicht seiner arithmetischen Methode unterwarf, schien eine Inkonsequenz zu sein, die er damit zum Entstehungsprinzip erhob.
Aber die Grenzen seiner Theorie beschrieben wohl auch jene Grenze, die er nicht überschreiten wollte. Leibniz war auch ein religiöser Mensch.
Hermann Cohen hat darauf hingewiesen, daß Hegel gerade an der Kritik des Infinitesimalbegriffs "seinen Schiffbruch bloßgestellt" habe. Er, Cohen, sei hingegen
der Gefahr des dilettantischen Redens in mathematischen Fragen, die einer anderen Verbindung der Probleme angehören, enthoben worden, weil ich für meinen Zweck hauptsächlich an die Quellen gewiesen war.
Geschichtliche Einblicke haben ihn schließlich
auch in der Überzeugung befestigt..., daß Kants Genius nicht von den sensualistischen Aufklärern, sondern aus dem Studium der Begründer der mathematischen Naturwissenschaft die Anleitung zur transzendentalen Methode empfangen hat.
Galilei, Kepler und Newton, Descartes und Leibniz mit ihren Genossen und Vermittlern können uns Kant begreifen lehren und in seinem Geiste das Werk der Philosophie fortzuführen helfen.
Cohen, Das Prinzip der Infinitesimalmethode und seine Geschichte.
Von Spinoza natürlich kein Wort.
Fast könnte man ihn zur aristotelischen Linken zählen, einer späteren. Aber Bloch überzeugt mich nicht.
Spinozas Fastheiligung der Materie, diese Stofferhöhung ist dem Bloch sicher näher als dem Aristoteles.
Gerade davor hatte dieser sich bewahrt.
Hinter Blochs Materie-Problem verbirgt sich das Stoffwechselproblem einer phlegmatischen Linken.
Blochs Philosophie leidet an chronischer Verstopfung. Seine ganze Hoffnung setzte er darum auf eine "Selbstwerdung der Materie aus sich heraus".
Ich will das mal fortführen: lebhaft links wird für mich Aristoteles, wird Spinoza, wenn wir das Basis-Problem von der Natur, der Materie, auf den sozialen Bereich übertragen, wenn wir also etwa sagen, die Untersten, die Arbeitenden, sie alle sind beseelt, begabt, haben ihren Verstand in sich, haben ihren eigenen Kopf, jeder einzelne für sich - also ihr Bewußtsein wohnt ihnen inne wie dem Stoff des Aristoteles die Entelechie.
Ganz ohne Avantgarde, ganz ohne Oben geht das. Das wäre links.
Ob die Klamotten, die mir im Wege liegen, "beseelt" sind, ob sie sich immanenter oder transzendenter Energie verdanken - das berührt mich hier gar nicht.
Ob ich sie "beseelen" kann, ich ihnen meinen Geist, meinen Hauch, meinen Willen usw. eingeben kann - ob ich imstande bin und in der objektiven Lage, sie aus dem Weg zu räumen, sie zu überspringen oder mich mit ihnen irgendwie zu arrangieren, damit ich weiterkomme, das ist die Frage.
Ein Hohn auch wäre es, einem Sklaven noch vor seiner Befreiung den Verzicht auf die instrumentelle Vernunft einzuphilosophieren.
Und siehe: Wenn nichts mehr hilft, transzendiere ich mir vielleicht einen Stern in den Himmel, an dem ich meine Sinne, meine Hoffnung, meine Gedanken und Sehnsüchte festmachen kann - vielleicht hilft das!
Wer bedenkt eigentlich, daß mit dem Menschen als maître & possesseur von Natur und Welt ich nicht gemeint sein kann?
Als jene in Besitz nahmen, Hand anlegten, wurde ich auch der letzten Verfügungsgewalt über meine Umwelt, nämlich meiner Erfahrung als jener Kontrollinstanz beraubt, die ein Bestandteil menschlicher Autorisation ist.
Immer wieder scheint das Klassenproblem durch. Vernünftiger müssen wir werden als jene.
Das Linke an Spinoza ist auch sein Alltag, ist seine im besten Sinne pharisäische Unabhängigkeit: daß er mit dem Handwerk sein Brot verdient, nicht mit dem Wort; daß er nicht auf Kosten der Wahrheit lebt, der subjektiven, der Wahrhaftigkeit.
Kein Renegat? Bot er sich nicht indirekt dem Katholizismus an? Alle Schöpfung - ein corpus mysticum...
Vielleicht sollten wir Cohens Anregung aufgreifen, Kant besser verstehen zu lernen unter Berücksichtigung der Rationalisten des siebzehnten Jahrhunderts.
Und um diese besser zu begreifen, ziehen wir Kant zu Rate.
Sind wir einmal beim Verknüpfen, beziehen wir gleich noch die Einsteinsche Relativitätstheorie mit ein, wie schon im Zusammenhang mit Galilei.
Kommen wir dem alten Aristoteles, dem antiken, authentischen, wieder näher?
Will sagen: können wir, was einst gültig objektiv war, dann als subjektiv relativiert, wieder einfach so, wie es eben ist, weil es uns halt so erscheint, aufgeklärt, wie wir ja nun sind, für uns annehmen?
Immer, immer eingedenk, wie gesagt, dieser ganzen leidigen Relativität?
Geht uns die Sonne im Osten wieder auf jeden Morgen und im Westen abends unter - obwohl wir natürlich "wissen", daß es ganz anders ist, daß sich die Erde um die eigene Achse dreht - in umgekehrter Richtung; daß sich diese ganze Erde um die Sonne bewegt usw....?
Nun, ich weiß gewisser, daß die Sonne morgens aufgeht und welche Wirkung das auf mich hat.
Daß es anders sein soll, kann ich allenfalls glauben.
Ich kann es für möglich, ja für wahrscheinlich halten, weil allerlei Logik und Geometrie, aber auch Weltraumerfahrung gegen unsere alltägliche Erfahrung sprechen.
Aber was kümmert uns die Dimension des Raumes, wenn wir unsere Erde, diesen kosmischen Sonderfall (dieses Wunder), als Mittelpunkt des Universums beibehalten wollen - in Ermangelung eines - qualitativ, versteht sich, qualitativ - Besseren.
Ob wir's ironisch meinen oder nicht: wir sind die Krone!
Verglichen mit dem, was die Astronauten draußen vorgefunden haben, ist die Erde das (zu verlierende) Paradies.
Nichts leichter als der Gottesbeweis.
Genaueres Nachdenken bestätigt: der Mensch.
Er hat sich wirklich alle Mühe gegeben. Ginge es nach ihm - nichts wäre mehr heil, alles Leben auf Erden wäre erloschen.
Der Mensch hat sich wirklich Mühe gegeben, immer wieder, immer wieder in Geschichte und Vorgeschichte, dies Paradies zu verwüsten.
Noch immer lebt die Erde, noch immer dreht sie sich. Das ist Beweis genug. Ein starker Beweis für die Wirkkraft eines schwachen Gottes.
Wer vom Rechnen und Messen nicht lassen mag, kriegt - mit Einstein - wieder Boden unter die Füße, wird ein bißchen wieder ganz, verliert seine Schizophrenie, dies Bedürfnis, aus sich und seiner Erdenwelt hinauszutreten, sich von außen zu betrachten.
Manch ein halber Mensch ist auf der Suche nach seiner anderen Hälfte schon völlig aus dem Häuschen geraten.
Dagegen hilft Einstein (egal, ob er es so wollte, obwohl ich genau dieses nun annehmen möchte).
Ich denke, in Einstein hat die Mathematik sich bereits überwunden, ohne es recht eigentlich wahrhaben zu wollen.
Und da kann uns jetzt auch Descartes wieder etwas sagen:
Sobald das Alter mir erlaubte, das Joch meiner Lehrer abzulegen, verzichtete ich gänzlich auf das Studium der Wissenschaften.
Ich entschloß mich, fortan nach keinem Wissen zu trachten als nach jenem, das sich in mir selber oder allenfalls in dem großen Buche der Welt befindet, und verwendete deshalb den Rest meiner Jugend darauf, zu reisen, Residenzen und Armeen anzuschauen, Menschen verschiedener Temperamente und Arten aufzusuchen, unterschiedliche Erfahrungen zu sammeln, mich selber in Gelegenheiten zu prüfen, die mir das Schicksal bot, und überhaupt die sich ergebenden Dinge so zu überdenken, daß ich einigen Nutzen daraus ziehen möchte.
Es schien mir nämlich, ich könnte viel mehr Wahrheit in jenen Überlegungen finden, die ein jeder wegen ihm wichtiger Dinge anstellt und deren Ausgang ihn hernach bald strafen wird, sofern er falsch geurteilt hat, als in solchen, die ein Mann der Wissenschaft in seinem Kämmerlein über Spekulationen ohne alle Wirkung anstellt und die für ihn selber keine andere Folge haben, als daß er ihretwegen um so eitler wird, je ferner sie dem gesunden Verstande liegen, weil er um so mehr Geist und Kunst auf den Versuch verwenden mußte, dieselben wahrscheinlich zu machen.
Descartes und Spinoza kommen über das "Buch der Welt", kommen über die äußere Wirklichkeit zu sich selbst.
Selbsterforschung und Selbsterkenntnis des neuzeitlichen Rationalismus stehen gleichwohl noch unter dem bösen Stern christlichen Ekels vor dem lebendigen Körper.
Der Mensch, ein Wesen aus Leidenschaften und verständiger Seele, so etwas wie ein Tier mit Verstand, versteht diese schöpferische Gemeinschaft in sich als eine Aufforderung, sich zu entscheiden, und entscheidet sich - als Rationalist - für den Verstand.
Er verfeindet sich mit der eigenen Natur in letzter Konsequenz - allerdings weniger in der Theorie als in der Lebenspraxis.
Wie um etwas gutzumachen, wendet er sich äußerer Natur und Wirklichkeit zu.
Aber diese ist durch jene Selbsteinschränkung bereits auf das reduziert, was der Berührungsangst keinerlei Hochregung mehr antun wird.
Die rationalistische Halbheit steht in der christlichen Tradition eigentlich von Anfang an.
Über Generationen vorgeprägte Persönlichkeitsstrukturen in kirchlichen und kirchennahen Intellektuellenkreisen vermochten diese Tradition - unter welchem Namen, als welche Epoche oder Gegenepoche auch immer - fortzusetzen.
Werk und Biographie dieser Denker ergänzen sich zu einem aufschlußreichen Bilderbuch, das uns bis in unsere Zeit herein als Ratgeber dienen kann.
Die gleiche Halbheit zeichnet heutige Antirationalisten aus, erbittertste Feinde jener. Sie haben sich nur andersherum "entschieden".
Die Korrektur an dieser bemerkenswerten Geschichte haben - in deutlicher Nachfolge der anderen, jungen und doch nicht ganz so jungen Tradition sich vervollkommnender rationaler Aufklärung - psychoanalytische und soziale Wissenschaften nachgeholt, nachzuholen versucht (denn Theorie allein hilft hier nicht).
Aber auch diese, in Deutschland ohnehin nicht beliebten Bemühungen werden zusehends von kulturanthropologischen und ähnlichen Überwucherungen aus dem öffentlichen Bewußtsein gedrängelt.
Offenbar muß da noch einiges an geschichtlicher, wenngleich unnötiger Erfahrung nachgeholt werden.
Wie bin ich, daß ich so und nicht anders denke? Wie muß ich sein?
Wie muß ich sein, um "richtig" zu denken? Wie muß ich denken, um "richtig" zu sein?
Damit beginnt - und endet - alle Philosophie.
Spinoza hat sich in seinem Hauptwerk, der Ethik, auf Umwegen der Grundfrage genähert.
Aber Antwort und Lösung sind metaphilosophisch.
Der Philosoph, der an der Realität das Umarmungswürdige für sich (!) entdeckt hat, ist gleich kein Philosoph mehr - wenn er sich nur erst mal rührt, draufzugeht.
Aber hier ist eben jedes Wort zu viel und zu wenig.
Pascal wandte sich vom reinen Denken ab und der Liebe Gottes, der Liebe zu Gott wieder zu.
In dieser positiven Zuwendung finden wir zumindest eine Spur dessen, was unsere Denker der anderen, weil "bösen", weil gefürchteten Seite ihres Lebens nicht zugestehen wollten und konnten.
Wenn hier die Ratio versagt, so nicht aus ihrem Wesen heraus, sondern - wegen der einmal eingeschlagenen Zielrichtung.
Daß die Glückseligkeit die Tugend selber sei, gehört zum Ältesten.
Wie überhaupt von der Spinozaforschung wiederholt festgestellt worden ist, daß Spinoza nicht eigentlich Neues denkt.
Vielleicht ist auf ihn das Wort von Ernst Bloch anzuwenden:
Alles Gescheite mag schon siebenmal gedacht worden sein. Aber wenn es wieder gedacht wurde, in anderer Zeit und Lage, war es nicht mehr dasselbe.
Nicht nur sein Denker, sondern vor allem das zu Bedenkende hat sich unterdes geändert.
Das Gescheite hat sich daran neu und selber als Neues zu bewähren.
Bloch, Avicenna und die Aristotelische Linke.
Beim Lesen solcher Halbwahrheiten verspüre ich immer wieder eine rege Lust, die Dinge geradezurücken.
Vielleicht war gar nicht gescheit, was als gescheit galt. Vielleicht war's was sehr Dummes.
Vielleicht hat gar nicht das zu Bedenkende sich geändert, vielleicht hat nur die Mode gewechselt.
Vielleicht wird da als Geschichte ausgegeben, was nur träges Nachkriechen ist.
Brecht hat das in seinem arrièregardistischen "epischen" Theater geradezu beispielhaft vorgeführt.
Wem hat er damit wehgetan?
Wie aus Brecht, dem Revolutionär, ein vielgespielter, vielleicht auch totgespielter kleinbürgerlicher Stückeschreiber geworden ist, so aus Bloch womöglich ein marxistischer Mystiker der Neuen Rechten, die sich so gern als Linke ausgibt.
Gegen Beifall von der falschen Seite konnte er sich schon in seinen letzten Lebensjahren kaum noch wehren.
Es hat schließlich seine geschichtliche Ironie, wenn ausgerechnet Alfred Kurella nach gut vierzig Jahren nun doch noch Recht bekommt, jedenfalls mehr, als dieser selbst sich zugestehen wollte.
Will sagen, und das ist nun die andere Seite, alles Dumme mag schon siebenmal und von sieben verschiedenen Leuten gedacht, gesagt und aufgeschrieben worden sein, es wird damit nicht gescheiter, und es wird auch nicht erst im nachhinein dumm, nur weil man damals nicht erkennen konnte, weil nicht sehen wollte, wie dumm es war; weil die ideologische Schicklichkeit oder irgendwelche Majoritäten es nicht zuließen.
Bestimmte Grundfragen stellen sich in der Geschichte immer wieder, nicht weil das die Geschichte von vornherein so an sich hätte, sondern weil die Fragen meist falsch verstanden, in der Folge falsch beantwortet worden sind und werden.
Falsche Konsequenzen sind dann auch nur folgerichtig.
Nebenher liegen aber, genauso alt, genauso geschichtlich grau, richtige Antworten vor.
Die werden gar nicht zur Kenntnis genommen.
Die blinden Hühner finden ganz selten ein Korn, aber Steine um Steine pickend, suchen sie weiter, unendlich weiter.
Dies unnütze, fehlgesteuerte Suchen nennen wir Geschichte.
Die zu beobachtenden Niveauunterschiede zwischen den verschiedenen Geschichtsabschnitten kennzeichnen in der Regel ein Mehr oder Weniger an Eleganz, Virtuosität, stilistischen Finessen.
Strukturprobleme erleiden - offensichtlich - keinerlei Geschichte. Praktisch bleiben sie ungelöst liegen.
Theorie schleicht wie die Katze um den heißen Brei.
Daraus hat die konservative Geschichtsphilosophie schon ein historisches Gesetz machen wollen.
Es entwickelt sich nichts.
"Antwort" kann nur die konkrete Strukturanalyse geben. Aber es gibt keinerlei geschichtliche, gar "evolutionäre" Zwänge, die dahin führen. Es unterliegt menschlicher Entscheidungsfreiheit, ob es geschieht.
Daß es nicht und niemals richtig geschehen ist, daß alle Fragen seit Jahrtausenden gestellt und auch beantwortet, ja richtig beantwortet worden sind, ohne daß es etwas geändert hätte, das ist eine Frage der Denkgrundlage, nicht des Denkens selbst, eine Frage der Macht, der Machtverhältnisse zwischen Theorie und Praxis.
Kollektive Irrwege werden durch Manipulation an der individuellen Psychostruktur exakt vorprogrammiert.
Der Mensch ist nicht einmal ein Herdentier, ihm fehlen die verläßlichen Leithammel. Mit Hilfe von Hunden und Hirten schreitet die Domestikation voran. Lassen wir dieses Bild.
Daß die Menschheit aus zwei Geschlechtern besteht, ist keine Entdeckung des Feminismus, dem diese Differenz ja gar nicht behagt.
Daß die gesellschaftliche Trennung der geistigen von der körperlichen Arbeit zugleich dem besonderen Charakter der menschlichen Gattung nachgerade tückisch Rechnung trägt, ist spätestens mit Marx Gegenstand kritischen Nachdenkens geworden.
Daß die Trennung der Geschlechter in miteinander konkurrierende, ja einander wie Feinde bekämpfende gesellschaftliche Interessengruppen, die biologischen Unterschiede vor allem als antagonistische Potentiale in diesem Krieg einsetzende Frontparteien genauso Gegenstand der Kapitalismus- und Industrialismuskritik ist beziehungsweise zu sein hat, ist nicht eben populär.
Die feministischen Ablenkungsmanöver haben sicherlich ihren Anteil daran, daß die Bundesrepublik als einziges Mitgliedsland trotz mehrfacher Rüge bis heute die Beschlüsse des EG-Ministerrats zur gesetzlichen Erzwingung des Rechts der Frauen auf gleiche Chancen, gleichen Lohn und gleiche Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt nicht verwirklicht hat.
Wo wäre denn in den vergangenen Jahren in aller Öffentlichkeit diese Selbstverpflichtung der Europäischen Gemeinschaft überhaupt diskutiert worden, auch nur entfernt so engagiert unter die Leute gebracht worden wie all jene amazonistischen Phantastereien?
Die gesellschaftliche Gleichberechtigung, heißt die Beseitigung der wirklichen Diskriminierungen der Frau überall, wo gerade nicht die qualitative Differenz respektiert, sondern quantitative Leistungsunterschiede zum Maßstab genommen werden, ist freilich auch kein politisches Ziel des Feminismus.
Daß das Denken immer wieder gefährdet, heute wieder der Eingleisigkeit ausgesetzt ist, hat einen gewichtigen Grund darin, daß es Menschen, die sich aus dem Leben zurückziehen möchten, zu Zeiten wie den unseren als Religionsersatz dienen muß.
Entsprechend steigt die Sublimationsrate; der innere Antrieb (Entelechie?) wird stärker und intensiver. Das heißt: gerade die falschen Wege, die Irrwege und Sackgassen werden mit größter Entschlossenheit und ungewöhnlichem Energieaufwand beschritten. Insoweit ist die Geschichte der Philosophie eine gelungene Kopie der materiellen Geschichte der Menschheit.
Aber das liegt ebensowenig im Wesen der Geschichte wie im Wesen der Ratio. Hier werden gerade ahistorische und irrationale Momente wirksam. Denken, als instrumentelles, hat sich da einfach im falschen Medium engagiert. Der Existentialismus bleibt aber unbeirrt am Ball.
Denken gibt sich nie zufrieden. Das dem Leben sich zuwendende wendet ja eigentlich das Leben sich zu, ergreift es, unterwirft es sich, verfügt über es, will Macht ausüben, regieren, dirigieren.
Denken nimmt Maß, wägt ab und befindet - als stets nur zu leicht.
Es versteht sich als ausführendes Organ einer höchsten Instanz.
Als Wegbereiter. Sprachrohr. Persona. Dies alles freilich ohne jegliche Anwendung physischer Kräfte. Vielleicht zum Heile der Menschheit, vielleicht zur Vernichtung.
Gerade weil das Denken sich aus den gleichen Energiequellen nährt wie das Leben selbst, wird es zerstörerisch, wo es diesem nicht dient, sondern es ersetzt.
Und da das menschliche Leben sich zwei Geschlechtern verdankt, wird das Denken des Denkers, der bei sich bleibt, zu einem Holzweg, einer Sackgasse oder einem Labyrinth ohne ariadnische Pfad- und Fadenhilfe.
Wie umgekehrt die Delphinfrau sich vor den Manipulationen der sie an Land lockenden Dompteure nicht zu schützen weiß - bis zum rettenden Rückpfiff ihres Mannes.
Offensichtlich haben Primaten die lebensnotwendige, zur Orientierung notwendige Kompaßnadel im jeweiligen Gegengeschlecht.
Besonders das menschliche, als so geschlechtlich zu-geteiltes Leben ist daher in seiner Substanz ständig gefährdet durch Spaltung und Trennung.
Dem vorzubeugen und entgegenzuwirken, ist von alters her - und bleibt - der wahre Sinn jeder ernstzunehmenden Ethik.
Daß nur allzuoft hungert, wer so viel vom Brote spricht, steht wieder auf dem anderen Blatt.
Die aus solchem Hunger resultierenden Konflikte sind die eigentlichen Markierungspunkte der Geschichte.
Die Ökologiebewegung tritt ihrem Namen und ihrem deklarierten Selbstverständnis nach auf als eine, die die Lebensbedingungen und Lebensbeziehungen...: das gesamte gesellschaftliche Haus wieder (?) in Ordnung bringen möchte.
Ja, sie verspricht der Natur ihr Gleichgewicht zurück.
Jene ontologischen Sackgassen, die die Erfahrung Einstein uns lehrt (und überwinden lehrt!), sind es denn auch wohl, vor denen die Ökologen in Panik geraten sind und eilig ihre Zelte aufgeschlagen haben.
Ein Denkansatz zunächst:
Die alten Vorstellungen von einer nachkapitalistischen sozialistischen Gesellschaft bewegen sich im Rahmen einer zentralmachtorientierten, großindustriellen Vergesellschaftung. Aber mit dem Kapitalismus muß auch das Industriesystem überwunden werden, denn es bringt in der Summe kein Glück und zerstört die Lebensgrundlage.
Otto Ullrich, Weltniveau. In der Sackgasse des Industriesystems. Rotbuch 207.
Warum ist eine sozialistische Industriegesellschaft ein Widerspruch in sich?
Ist eine Kritik der Produktionsverhältnisse ausreichend oder muß sie ergänzt werden durch eine Kritik der Produktivkräfte?
Solche Fragen sind in ähnlicher Form auch im kuckuck gestellt worden. Diese Art und Weise der Fragestellung begründete gewissermaßen die Herausgabe dieser Zeitschrift:
Das ausbeuterische, expansionistische, imperialistische Moment ist diesem technisch-wissenschaftlichen Industrialismus eigen; das kapitalistische System ist nicht ein lediglich unangemessenes, das durch ein anderes ausgewechselt werden müßte, vielmehr ist es das industrialistische urwesentlich selbst (1:35).
Die sogenannten sozialistischen Staaten werden als vorkapitalistisch begriffen.
Die Überwindung des sich demnach erst noch weltweit vervollkommnenden Kapitalismus wird somit zu einer Überwindung der technisch-wissenschaftlichen Produktivkräfte selbst. Sie überwinden heißt, ihnen den Subjekt-, also bestimmenden Charakter nehmen (1:36).
Das bezieht sich nicht allein aufs Gerät, sondern auch aufs Personal, nämlich auf die ganze neue Mittelklasse der Technokraten, Bürokraten usw. (siehe insbesondere kuckuck 10, Domino).
Auf dem Wege vom Denkbaren zum Greifbaren steht die mathematisch-naturwissenschaftlich-technisch-industrielle Zivilisation zugleich als Hindernis und als Brückenstück.
Als Hindernis von außen unzerstörbar, wird sie dem Menschen, der sie in seinem tiefsten Innern, also intellektuell und psychologisch überwindet und hinter sich läßt, zu einem historischen Intermezzo, dessen Melodie er allenfalls noch parodiert (1:06).
Die Kompliziertheit ist nur gemacht; ein simpler Sachverhalt liegt ihr zugrunde: Industrieller Fortschritt ist fortschreitender Verschleiß, ist Abbau der sozialen und humanen Substanz - eine Kriegserklärung, schlimmer: ein unerklärter Krieg gegen die Menschheit (5:U3).
Es sind die Menschen, nicht die Dinge, die entscheiden? Bei uns sind es die Dinge. Aber das haben hier die Menschen so entschieden. In der Sackgasse geht es nun voran (5:U3).
Immer im Zeichen der Klassenwirklichkeit, sozialpsychologisch, sozialdialektisch.
Proletarische Theorie, die den Namen verdiente, erwüchse als dialektisch-analytische Notwendigkeit aus der täglich erfahrenen proletarischen Arbeitspraxis.
Die Ketten, die der Proletarier, heute, nach den Erfahrungen der letzten fünfzig Jahre, und gerade auch nach Einsicht in die gesellschaftlichen Verhältnisse des realen Sozialismus zu verlieren hat, sind die Ketten, die ihn an die industrielle Produktion schlechthin fesseln.
Die Katastrophe wird hier nicht gefürchtet; sie hat vielmehr den Stellenwert einer Utopie, die jedenfalls auch die Befreiung bringen kann: die Befreiung vom Arbeitszwang im Industrialismus. Das Interesse am Sozialismus einer Industriegesellschaft ist - spezifisch - kein proletarisches (5:59).
Endlich:
Marx wußte, daß die Befreiung der Arbeiterklasse nur das Werk der Arbeiter selbst sein kann. Es gilt entsprechend für eine Theorie der Befreiung (1:27).
Dies hat im Auge: den "ganzen Menschen", den intellektuellen Proletarier, den proletarischen Intellektuellen, oder wie immer man das heißen mag.
Es impliziert den Gedanken an alles, was dem Menschen zu seiner Gänze fehlt, was seiner Vervollkommnung überhaupt erst die Grundvoraussetzung wäre.
Immer davon ausgehend, daß sich nichts wesentlich ändern wird, solange sich da unten nicht Wesentliches ändert.
Von Otto Ullrichs Thesen unterscheidet sich dies von der klassenanalytischen Ausgangsbasis her.
Wohin das führt, wird vollends an den Schlußfolgerungen deutlich.
Hatten wir im kuckuck die innere und äußere Klassenbefreiung im Sinn, so bietet Otto Ullrich einen nationalen Ausweg an:
Für die extrem exportabhängige BRD gehörte zu den wichtigsten Zielen einer nach-industriellen sozialistischen Politik, diese Abhängigkeit (vom Weltmarkt!) schrittweise zu reduzieren.
Um die Kommune aus der industriellen Vernetzung (gemeint ist "die Wirtschaftsverflechtung mit dem Westen"! - H.L.) zu befreien und sie zu einer politisch und ökonomisch relativ autonomen Einheit zu machen, muß sie anstreben, soviel wie möglich von dem, was sie zur Erfüllung der reproduktiven Grundfunktionen benötigt, selbst zu erzeugen. (Hervorhebung bei Ullrich, Weltniveau, S.122).
Dieses Ziel - nationalpolitische und wirtschaftliche Herauslösung aus dem internationalen Zusammenhang - steht am Anfang der sogenannten Ökologiebewegung.
Man muß begreifen, daß ihre "Lösungsvorschläge" von Anfang an der Beweggrund sind.
Darum also keine Atomenergie, darum weniger Öl, am liebsten aber wieder Kohle. Spätestens hier wird klar, daß Umweltverschmutzung lediglich als Vorwand dient.
Im dritten Abschnitt seines Buches - Beginnt die Industrialisierung mit dem Kapitalismus? Zur Vorgeschichte der Rationalität des Industriesystems (S.37 ff.) - schreibt Otto Ullrich:
Welche geistigen Vorbereitungen gibt es für diese Ausbeuterhaltung gegenüber der Erde, für diese Mißachtung der organischen Welt?
Eine starke Wurzel hierfür muß man in der jüdisch-christlichen Religion sehen (43).
Im christlich-jüdischen Glauben trat an die Stelle der Vielgötterei ein alles beherrschender Zentralgott, der fern in den Himmeln thronte.
Und was entscheidend ist, in dieser rigorosen Aufteilung zwischen Welt und Gott sah der Mensch sich auf der Seite des Gottes.
Er betrachtete sich als etwas Besonderes, als etwas grundsätzlich von Gott aus der übrigen Schöpfung Hervorgehobenes.
Die Erde und die außermenschlichen Lebewesen betrachtete der Mensch als bloße Objekte seiner Herrschaft. Machet euch die Erde untertan, lautete die anthropozentrische Losung dieser Religion (43).
Feministen vergessen auch nicht "das böse Wort mulier taceat in ecclesia".
Mit diesem Zitat habe ich vorgegriffen; es stammt aus einem bei Fischer erschienenen Mehrautorenstück: Richard Fester, Marie E.P. König, Doris F. Jonas, A. David Jonas; Weib und Macht. Fünf Millionen Jahre Urgeschichte der Frau. Frankfurt am Main 1979.
Auch in diesem Werk wird alles Böse und Schlimme auf biblische Wurzeln zurückgeführt.
Auch bei diesen Autoren scheinen die Forschungsergebnisse als Motive schon am Anfang festgestanden zu haben.
Das Buch zeigt übrigens, wie von langer Hand die Fortsetzung des Krieges mit kulturpolitischen Mitteln vorbereitet und eingeleitet wurde.
Interessant ist auch der alte Projektionsmechanismus mit neuen, ja entgegengesetzten Inhalten.
Es sind dieselben Charakterika, die einst - als es noch zum guten Ton gehörte, sich die Erde "untertan" zu machen - der "nordischen Herrenrasse" zugeschrieben wurden.
Aber auch dieser Kulissenwechsel war vorgesehen.
Syberberg hat in seinem mit Tiefblick aufgedrehten Hitler - ein Film aus Deutschland den SS-Führer Himmler zu Wort kommen lassen.
Himmler wollte, und das ist ja authentisch, für die Zeit nach dem Kriege von seinem "Führer" die Ämter "Reichsführer SS" und "Kulturminister" zusammenlegen lassen.
Die Verbindung mit "Polizeiminister" erschien ihm als psychologisches Hindernis.
Er wollte sich nämlich nach dem Kriege gezielt um "Naturschutz" und ähnliche Dinge kümmern.
Hart durchgreifen gegen Baumfrevler, Schneckentottreter und Umweltverschmutzer!
Das ist keine Satire.
Fester verfolgt die Kulturspuren der nördlichen Halbkugel von Europa über Asien bis Amerika, er folgt damit auch einem "nordischen" Zeitgenossen, dem Mythologen Herman Wirth.
Worum geht es?
Heute geht es darum, die Merkmale jener Kulturen neu zu definieren, um "friedlich" weitermachen zu können.
Richard Fester gilt als Begründer der Paläolinguistik; in seinem Buch Sprache der Eiszeit unternimmt er es, "zu beweisen, daß die Sprache des Menschen so alt ist wie er selbst".
Es hat einen allen frühen Menschen, deren Nachfahren heute die Erde bevölkern, gemeinsamen Urwortschatz gegeben, der, soweit bisher nachweisbar, aus sechs Archetypen bestanden hat. Diese sechs Archetypen sind: ba, kall, tal, os, acq, tag...
Über die "Ahnenreihe" sind wir alle mit den ersten Menschen verbunden. Überlieferung verbindet uns auch mit der Sprache der Uralten. Besonders in Ortsnamen und Landschaftsbezeichnungen seien ihre Spuren noch nachzuweisen.
Dieses Buch, es erschien 1962 bei Herbig in Berlin, ist das Werk eines Außenseiters, wohl genialen Außenseiters.
Um so verwunderter war ich über seine Beiträge zu Weib und Macht.
Dazwischen liegt eine Spanne - Die Eiszeit war ganz anders (1973), Protokolle der Eiszeit (1974) - von fast zwanzig Jahren.
Aus Wissenschaft wird Mythologie.
Was war vor der Wissenschaft?
Seit der Sprache jedenfalls lebt Festers Werk von eben dieser Substanz, will mir scheinen.
Meine starke Verwunderung rührte vermutlich von dem Kontrast zwischen dem bisher letzten Weib und der ersten Sprache her. Die Bücher der siebziger Zwischenjahre kannte ich nicht.
Aber war denn Sprache der Eiszeit überhaupt Festers erstes Buch?
Es gibt zwei Autoren gleichen Namens.
Einer schrieb (Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg 1941): Das Judentum als Zersetzungselement der Völker.
Heute, wie gesagt, geht es um eine Neudefinition jener "Rassenmerkmale" beziehungsweise um Hervorhebung der einen, Vernachlässigung anderer.
Die Gynaikokratie, bei den "Nordischen" früh geschaut, aber als eines neben vielen anderen Kennzeichen, steht heute im Zentrum der Argumentation.
Fünf Millionen Jahre...
Wenn man sich die Zeit des Menschen auf der Erde mit 2000 Jahren vorstellt, dann gibt es Männerherrschaft erst seit einem Jahr. Und wenn man das graphisch darstellt und dazu eine gerade Linie von zwei Metern Länge verwendet, dann ist der letzte Abschnitt, der männerrechtliche, nur einen Millimeter lang (Fester, Weib..., S.11).
Fester kommt nun nicht etwa auf die Idee, daß man ein so junges und noch zartes, gar nicht voll ausgereiftes Pflänzchen ganz behutsam hegen und pflegen sollte.
Er sagt nicht, fünf Millionen Jahre sind genug! Nein, er möchte diesen "einen Millimeter" wieder vergessen machen, wegwischen, auslöschen.
Denn dieses Patriarchat - das, nach Fester, auch qualitativ eine historische Seltenheit darstellt, die sich in reinem Zustand nur bei den Juden, dann noch in China, verdünnt und geschwächt bei Griechen und Römern durchsetzte - ist an allem schuld, was auch dem durchschnittlichen Lohn- oder Gehaltsempfänger als Bedrohung seiner Konsumwelt erscheint.
Wir ahnen heute, daß die Vermehrung der Völker zu übergroßen Populationsdichten mit dem Verlust gynaikokratischer Ordnungen zusammenhängen muß, denn jene begann, als diese endeten (14).
In der Gynaikokratie verfügt die Frau
hinsichtlich der Hervorbringung von Nachwuchs relativ souverän über ihren Körper - es ist immer wieder erstaunlich, wie gewisse Naturvölker mit einfachen Mitteln Empfängnis verhindern oder abortieren.
Der Gedanke an schutzwürdiges Leben schon im Embryo berührt offenbar deshalb nicht, weil die Frau über unbegrenzte Reserven an Lebenskeimen verfügt... (133).
Die auf steinzeitlichen Höhlenbildern dargestellten Fruchtbarkeitssymbole waren gar keine.
Fruchtbarkeit war für den frühen Menschen bis herunter zum Jungpaläolithiker so wenig ein Begriff wie Vaterschaft, und das aus dem gleichen Grunde: es war unwichtig (246).
Fruchtbarkeit als solche, als erbetener Gunstbeweis oder als Ziel eigener Bemühung kann erst mit der Hinwendung zu Ackerbau und Herdenhaltung begriffen worden sein.
Nur von da an war es wichtig, viel zu ernten und fruchtbare Muttertiere in der Herde zu haben.
Alle Symbole, die aus der Zeit vorher stammen, gelten nicht einer überflüssigen, weil ohnehin vorhandenen Fruchtbarkeit, sondern der Sicherstellung, der Förderung oder Beschleunigung der eigenen Wiedergeburt, der Rückkehr ins Leben (246).
Diese letzte Erkenntnis hat Fester von seiner Mitarbeiterin Marie König übernommen, die im übrigen eine erstaunliche Fähigkeit an den Tag legt, ein komplettes metaphysisches System, das mir eher wie eine sehr späte Frucht deutscher Ideologie erscheinen möchte denn als authentische Interpretation steinzeitlicher Kultur, in die von ihr entdeckten Bilder, Figuren und Gegenstände, Schab- und Kratzspuren hineinzulesen.
Die Gefahr war bei ihr von Anfang an gegeben. Schon in ihrem 1973 erschienenen Buch Am Anfang der Kultur schrieb sie:
Immer wieder mußten wir feststellen, daß zuerst ein Plan vorhanden war und dann ein entsprechender Stein gesucht wurde (Gebr. Mann Verlag Berlin; S.143).
Das bezog sich auf jene Steinzeitmenschen, vermutlich Priester (oder Priesterinnen), die (u.a.) in einer Höhle in Frankreich ein paar bemalte Kiesel zurückgelassen hatten.
Für Frau König Kultgegenstände in einer Kulthöhle mit zahlreichen Kultzeichen.
Warum nicht eine alte Gefängnisanlage, wo die Gefangenen mit Kerbzinken die Tage zählten und mit Malen und Zeichnen sich die Zeit ausfüllten. Warum nicht jener alte Hades, die Unterwelt, das Hinterland der Sirenen?
Aber mir war, als hätte sie mit jenem Satz einen, wenn nicht den Schlüsselsatz zum besseren Verständnis ihrer Forschungsarbeiten gleich mitgeliefert.
Ihr letztes Wort lautet nämlich dann:
Solange nicht entsprechende Dokumente aus anderen Gegenden der Welt vorliegen, müssen wir annehmen, daß die Wiege der Kultur im Abendland stand (350).
Diese "Wiege" diente aber offenbar weniger den Neugeborenen als den Wiedergeborenen, dem ewigen Reigen der Kinderfeinde, Feinde ihrer eigenen Brut. Ja, auf den Tod verstehen sie sich.
"Sparta war und blieb bis zu seinem Untergang eine Gynaikokratie", schreibt Richard Fester.
Es widerlegt zugleich jene Vermutung, daß Männer unter Frauenherrschaft verweichlichen und bei kriegerischen Auseinandersetzungen ihren Mann nicht stehen.
In den meisten Frauenreichen lag das Militärwesen in Männerhänden, und dem Aristoteles wird die verwunderte Äußerung zugeschrieben, daß die kriegerischsten Stämme in der damals von Athen aus überschaubaren Welt gynaikokratische Völker seien (Fester, Weib..., S.41).
Aristoteles befaßt sich im zweiten Buch seiner Politik unter anderm mit der Verfassung Spartas und weist, eigentlich ohne jede Verwunderung, darauf hin, daß da
die Frauen regieren, wie es bei vielen kämpferischen und kriegslustigen Völkern der Fall ist, außer bei den Kelten, und soweit es andere Völker gibt, die offen die Homosexualität in Ehren halten.
Das hängt doch wohl alles miteinander zusammen.
Genaueres bei Plutarch:
Eine Spartanerin erfuhr, daß ihr Sohn vor den Feinden geflohen sei. Da schrieb sie an ihn: Ein böses Gerücht über dich geht um; wasch es von dir oder lebe nicht mehr!
Eine andere sah ihren Sohn aus dem Kriege zurückkommen und fragte ihn, wie es um das Vaterland stehe. Da er antwortete, es seien alle miteinander niedergemacht worden, hob sie einen Ziegel auf und schlug ihn damit tot, indem sie sagte: Haben sie dich als Unglücksboten übrig gelassen?
Es erzählte einer seiner Mutter, wie rühmlich sein Bruder gestorben sei. Dann ist es eine Schande, sagte sie, daß du dir die schöne Begleitung zu dieser Reise nicht zunutze gemacht hast.
Eine Spartanerin, die ihre fünf Söhne in den Krieg geschickt hatte, stand vor dem Tor und wartete auf die Nachricht vom Ausgang der Schlacht. Ein Zurückkehrender erzählte ihr auf ihre Fragen, ihre fünf Söhne seien gefallen. Feiger Sklave, versetzte sie, habe ich danach gefragt? Ich habe nur gefragt, wie es ums Vaterland steht. Das Vaterland habe gesiegt, antwortete jener. Dann ist es gut, sagte sie, jetzt höre ich gern vom Tod meiner Söhne.
Als eine Frau ihren Sohn begrub, kam ein altes Weib und sagte zu ihr: Arme Frau, ach, über dein Schicksal! - O bei den Göttern, versetzte sie, mein Schicksal ist herrlich. Ich habe ihn geboren, damit er für Sparta sterbe, und meine Hoffnung ist erfüllt.
Womit wir wieder im Lande wären. Man ahnt inzwischen, daß die Feministen wollen, was sie wissen: die Gynaikokratie verdankt sich dem Kriege und der Krieg sich der Gynaikokratie.
Wenn die Söhne nicht jung sterben; wenn ihnen Zeit bleibt, Männer zu werden, zu leben, zu lernen, zu lieben - Väter zu werden, zu wissen und zu lehren, weiterzugeben über Generationen, was sie erfahren... Dann allerdings ist es bald geschehen um jene Art von "Gynaikokratie".
Fester zitiert in einer Fußnote den heute allenthalben herumgeisternden Propheten des Matriarchats, Bachofen: "Die Frau ist das... Gegebene, der Mann das Gewordene" (36).
Was die geistige Entstehungsgeschichte betrifft, nehme ich das gern auf. Der Mann braucht mehr Zeit und mehr Muße, um zu sich zu kommen.
Um die vorgeschichtlichen Wiederholungen zu überschreiten, muß er sich überhaupt erst einmal mit dieser Vorgeschichte befassen, von der im allgemeinen angenommen wird, sie liege weit hinter uns.
Der spartanische Krieger war das Produkt mütterlichen Machtmißbrauchs; aber das war und ist nur möglich bei Abwesenheit eines väterlichen Korrektivs.
Diese Abwesenheit zu verewigen, ist womöglich der verborgene Zweck und Antrieb aller Kriege.
Sinn und Wahrheit allerdings erhalten sie durch ihre innere Dialektik.
Menschenopfer im minoischen (gynaikokratischen!) Kreta, Menschenopfer bei den (gynaikokratischen!) Wikingern.
Dagegen nun die Heiligung des (menschlichen) Lebens.
Durch "Hexenverfolgung"?
Unter der Überschrift Die Heiligung des Lebens durch Hexenverfolgung dokumentierte die Frankfurter Rundschau (Ausgaben vom 1. und 2.11.79) abenteuerliche "Zwölf Thesen zur §218-Debatte: Der eigentliche Kern der Abtreibungsbestrafung ist die Bevölkerungspolitik" - von den zwei Bremer Hochschullehrern Gunnar Heinsohn und Otto Steiger.
Die Diskussion um den §218 hat mittlerweile ein kulturhistorisches Niveau erreicht, auf dem sie die von Kirche und Staat beanspruchte Bestrafungskompetenz eher legitimiert als entkräftet und überflüssig macht; wie ähnlich die in den vergangenen Jahren geführten feministischen Debatten dazu beigetragen haben, die armen und verfolgten Hexen des späten Mittelalters in einem neuen Licht erscheinen zu lassen.
Ganz anders, als von den Feministen vorgesehen.
Als ob sie der Hexenverfolgung noch nachträglich die Argumente lieferten.
Die beiden Universitätslehrer aus Bremen haben also folgendes herausgefunden:
Der Respekt vor der Heiligkeit des werdenden Lebens ist keineswegs eine ewige conditio humana...,
derlei komme vielmehr von den Juden her,
dem einzigen Volk des Altertums, das werdendes Leben absolut heilig gesetzt hatte...
Seine Verallgemeinerung hatte... einen Massenmord zur Voraussetzung, der - anders als Auschwitz - bis heute ungesühnt geblieben ist.
Der Massenmord bestand in der millionenfachen Vernichtung von Frauen als - so die offizielle kirchliche Bezeichnung - Hebammen-Hexen in den ersten Jahrhunderten der europäischen Neuzeit - eine Vernichtung, die der Beseitigung von Wissen und Techniken der Nachwuchsverhütung diente, insbesondere der durch Abtreibung.
Die Autoren decouvrieren eine
Geheimgeschichte der Neuzeit, welche in der Ausrottung des Nachwuchsverhütungswissens und der Herstellung einer Familienhaftigkeit des Menschen jenseits individuellen ökonomischen Kalküls als göttliche Zweckerfüllung besteht.
Nämlich:
Sobald die Verhütungsfähigkeit sich ausbreitet, erweist sich, daß Menschen, die zur Sicherung ihrer Existenz keine Kinder benötigen, wie die Lohnabhängigen, zu denen fast alle Arbeitskräfte unserer Gesellschaft gehören, im Prinzip familienlos sind.
Martin Luther prägt mit seiner Bestimmung, das eigentlich Christliche der Familie bestehe darin, daß auch der arme Mann sie schließe, die neue Formel, der die katholische Kirche auf dem Konzil von Trient umgehend folgt.
Tatsächlich ist die gegenwärtige Welt-Zivilisation, soweit sie die allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10.12.1948 für sich akzeptiert hat, davon überzeugt, daß der Ausschluß eines Menschen von Heirat und Vermehrung (Art.16) seine natürliche Würde verletzt.
Das Naturrecht auf Familie, d.h. auf Heirat und Fortpflanzung, welches die Aufklärung so stolz verkündet, erweist sich als das Ergebnis der Zerstörung einer bis dahin niemals erschütterten elterlichen Verantwortlichkeit, die darin besteht, ein Kind nur in die Welt zu setzen, wenn ihm eine mit der eigenen Existenz verbundene Zukunft versprochen werden kann.
Es galt
in der Geschichte immer als Verantwortungslosigkeit, Kinder zu haben, denen ein Erbe und damit eine Zukunft nicht versprochen werden kann...
Das "strenge jüdische Tötungsverbot und Fortpflanzungsgebot" hat sich demnach erst in der Neuzeit durchgesetzt.
Das Zeitalter der Vernunft entpuppt sich als jüdische Machenschaft, die die Übervölkerung des Abendlandes mit proletarischen Großfamilien zum Ziele hat.
So auch der Theoretiker der Hexenverfolgung Jean Bodin (1530-1596),
der vor allem durch Philo und Maimonides beeinflußt ist. Als jüdische Denker haben sie ihm den Respekt vor der Heiligkeit des Lebens an sich, vor dem Gesetz Gottes also, am eindrucksvollsten vermittelt.
"Das Resultat der Hexenverfolgung ist Massenmord", "der Auschwitz in nichts nachsteht", der allerdings - "im Gegensatz zu Auschwitz" - "ungesühnt verübt" wurde.
Das ist sprachliche und argumentative Selbstoffenbarung erster Güte.
Vielleicht wollen die Autoren überhaupt nahelegen, daß jene "Ausrottung des Nachwuchsverhütungswissens" Auschwitz irgendwie logisch, zumindest verständlich mache.
Richard Fester bedient sich einer ähnlich suggestiven Verkettung von Argumenten.
Die biblische Schöpfungsgeschichte war ja doch eine "tendenziöse Fälschung" der Juden (Weib..., S.37).
Für die Welt von damals mußte dieser Bericht vom Sündenfall Evas außerhalb des jüdischen Volkes wie eine ungeheuerliche Gotteslästerung wirken.
Da die Juden dann später bei ihrer Eroberung des gelobten Landes in Palästina auf Befehl Jahwes alle die umbrachten, die diesem Glaubenswechsel ihre Zustimmung verweigerten, haben sie für die folgenden Jahrhunderte einen begreiflichen Haß gegen sich selbst gesät, der sich als Antisemitismus institutionalisierte, als längst vergessen war, worin er seinen ursprünglichen Grund hatte, und das, obschon das Christentum diesen Teil der jüdischen Überlieferung übernahm.
Damit hatte die einstige Verleumdung Evas, der Stammutter eines kleinen und damals recht unbedeutenden Nomadenstammes, eine verheerende, bis heute vorhandene Wirkung für -
nein, nein, nicht für die Juden, sondern für "die Frauen des Abendlandes" (39). Besonders für jene wohl, die keine sein wollen.
Tilly Boesche-Zacharow hat zu dem ganzen Themenkomplex einen interessanten Diskussionsbeitrag geliefert: Heimkehr in die Steinzeit. Über die Dummheit der Frauen, den Sexrummel - den Feminismus. Stoedtner Verlag, Berlin 1978.
Sie geht von ähnlichen Voraussetzungen aus, daß nämlich frühes Matriarchat bzw. Gynaikokratie vom Patriarchat abgelöst wurde; daß dies eine geschichtliche Befreiung beschreibe. Und sie möchte es sich erhalten, weil es der Frau eher Vorteile als Nachteile gebracht habe.
Im Feminismus nun, und da scheinen mit ihr die Gäule ein bißchen durchzugehen, sieht sie die "teuflische Machenschaft bestimmter Drahtzieher" (123), eine Form kommunistischer Unterwanderung, die sich der Psychoanalyse und der männlichen Homosexualität bediene, um die Frauen auf einen Irrweg, in die feministische Sackgasse zu treiben.
Damit würden die homosexuellen Männer zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: das von ihnen gehaßte Patriarchat und die von ihnen nicht minder gehaßten Frauen.
Sie hat Angst vor dem wissenschaftlich produzierten "Leben aus der Retorte"; einer daraus folgenden "Überflüssigkeit der Frau".
Sie sieht im Hintergrund den Marxisten Ernest Borneman die linke Alice Schwarzer zur feministischen Mobilisierung der Arbeiterklasse motivieren.
Sie sieht sexuelle Entfesselung der Frau, nicht aber die spezifische Sexualfeindlichkeit, das Volkswartbundhafte am Feminismus.
Im übrigen solle dann schon lieber alles beim alten bleiben.
Mit Einschränkung:
Ist z.B. eine Frau geistig tätig, sollte der Mann es als vornehmste Aufgabe ansehen, sie zu schützen und abzuschirmen gegen negative äußere Störungen, selbst wenn er gezwungen wäre, zeitweise die typisch weibliche Rolle zu spielen, indem er den Haushalt versorgt und die Kinder hütet (122).
Sonderrechte für die "Alpha-Frau", von der Doris F. Jonas (Weib und Macht) mit so großer Bewunderung spricht, daß man sich unversehens ins kleinbürgerliche Einfamilienhäuschen versetzt findet.
Ihr Mitautor A. David Jonas - ist er darum nun ein Beta-Mann oder ein geschickter Drahtzieher und Fallensteller? - unterstützt und bestätigt sie in allem unbeirrt.
Und sie alle bedienen sich - nicht der "Zeichensprache des frühen Menschen" (König), nicht der "Sprache der Eiszeit", nicht "gynaikokratischer" Zauberei, sondern - der Schrift, dieser winzigen "Ein Millimeter"-Erfindung, die vielleicht einst unumgänglich wurde, um fünf Millionen Jahre Abrakadabra zum Schweigen zu bringen. In diesem historischen Gedächtnis des Patriarchats glauben sie sich gut aufgehoben?
online-Fassung
kuckuck 25/26
1979/80, Herbst/Winter
Abgeschlossen
am 19. März 1980
(Josephstag)
kokhaviv press:
Horst Lummert in kuckuck (kulikri)
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