2006-03-12
Mystik wie ein Same für die Behutsamkeit
Geheimnis und Rätsel, die sich dem Wunder verdanken
Ich glaube, alles noch einmal von vorn...
Wir bezeichnen, was wir nicht oder noch nicht oder nicht mehr verstehen, als rätselhaft und geheimnisvoll.
Wir scheinen auch ein wenig Mystik zu brauchen, weil wir ohne Geheimnis nicht leben können, wir würden verkümmern.
Eine Welt ohne Illusionen ist nicht das, was wir uns wünschen, wenn wir grad dabei sind, unsere Welt zu desillusionieren.
Der geheime Drang des Enthüllens sucht nach bisher unbekannten, neuen, weiteren Tüchern hinter und unter den Tüchern.
Die letzte Entschleierung ist eine Enttäuschung, sie fördert das Allgemeine und Bekannte zu Tage.
Klärung meint doch, daß recht viel Ungeklärtes übrig bleiben möge, denn wo sollten wir hin mit unserem Klärungsbedarf, mit dem Bedürfnis, Unklarheiten zu beseitigen.
Der Klärungs- und Aufklärungstrieb ist sicherlich eine menschliche Eigenschaft, wir finden sie bei den Tieren nur begrenzt, etwa wo ein Fuchs das Gelände sondiert, um Klarheit über seine nächste Beute zu erlangen.
Der Mensch unterscheidet sich darin, daß sein Aufklärungsdrang ein ihm eigentümlicher Selbstzweck zu sein scheint.
Der Mensch ist dazu verdammt, in einer unaufgeklärten und unaufklärbaren Seinsgestalt zu existieren.
Er ahnt und weiß, daß ihm etwas fehlt, was er allerdings nicht in seinen Ursprüngen sucht, sondern irgendwo im Transzendenten, im Himmel, in den Wolken, bei den Göttern oder dem Einen Gott, dessen Lehren in heiligen Büchern er nachgeht, wo er allerlei finden wird, nur eben nicht das, was ihm in seiner besonderen Natur als Nicht-mehr-ganz-Tier abhanden kam.
In der Selbstversenkung findet er nicht, was ihm unbedingt fehlt, allerdings manches, was ihm neu ist und irgendwie weiter hilft.
Der meditierende Mensch hat immerhin entdeckt, was ihn dem ursprünglich immanenten Bewußtsein näher bringt.
Solche Gedanken sind gewiß müßig, aber nicht müßiger als die Vorstellung von einer Evolution, einer biologischen Herausentwicklung aus dem ursprünglich tierischen Wesen.
Wir sind aus unserem Urwesen heraus oder auf gesprungen, hoch geschnellt wie eine Feder, ich denke auch an einen Erbsprung, plötzlich und zu früh, in einem besonderen Augenblick, nicht in längeren Zeitabläufen.
Der Mensch als Gattung ist eine nackte tierische Frühgeburt.
Was in unseren Anfängen war, erkennen wir kaum an und aus hervor geschaufelten Knochenteilen.
Was unsere Vorfahren und Ururahnen waren, ersehen wir aus dem, was sie taten, was sie an Werken, Artefakten, Schriften uns hinterlassen haben.
Wann immer das war im Laufe von Jahrtausenden, wir erkennen uns jedesmal darin wieder, die Uralten sind uns nicht fremd, sie waren wie wir, und wir sind wie sie.
Wenn wir die Zeit einmal ausschalten, leben wir mit ihnen - seit dem Sprung - wie in einer ewigen Gegenwart.
Hinterlassene Schriften sagen es uns am deutlichsten und innigsten, Seelenverwandte erzählen uns ihre Geschichten, die uns ganz persönlich etwas angehen.
Sie haben die Steine bearbeitet, wie wir sie bearbeiten, geschrieben, wie wir schreiben.
Die technischen Hilfsmittel - nicht einmal sie haben sich so grundlegend geändert, daß wir in ihrem Werkzeug nicht unser Werkzeug wieder erkennen würden.
Der Fortschritt, von dem in der Menschheitsgeschichte ständig die Rede ist, kommt aus unserem permanenten Aufklärungs- und Entdeckungsbedarf, einem Bedürfnis, dessen Erfüllung uns nicht das ursprünglich Gesuchte und Fehlende beschert, an Überraschungen allerdings nicht arm ist.
Als Maulwürfe des Denkens und Forschens wühlen wir alles um und dumm, wobei die Erdoberfläche sich in der Tat verändert, obwohl das nur eine Nebenerscheinung ist.
Auch Ameisen haben ihre Gattungskrankheit, ihren besonderen Tick, ihr Geschick.
Ergonomisch ist das von aktuellem Interesse; aber die Wissenschaft geht gewöhnlich vom Zweck der Arbeit aus, nicht von dieser selbst als einem Krankheitssyndrom.
Das Gesamtergebnis menschlicher Arbeit wird erst als ein derartiges Syndrom verständlich und verstehbar.
Natürlich erfüllt auch der Ameisenhaufen im Gesamthaushalt der Natur einen wichtigen Zweck, aber mehr ist es eben auch nicht mit den Arbeits- und Wühlergebnissen von Menschengeist und Menschenhand, was genau genommen sowieso immer in eins geht.
Die einzige Erlösung des Menschen aus seiner Natur scheint mir in der Muße, im Nicht-Tun zu liegen.
In unserer modernen Zeit ist eine Erlösung des Menschen demnach unwahrscheinlich, wenn nicht unmöglich.
Es sei denn aus ihr heraus...
Auch ist, wie die frühen Anarchisten wußten, die Lust zu zerstören eine schöpferische Lust.
Freilich keine Erlösung.